Hysterie: Das wird der Moderatorin Collien Fernandes vorgeworfen, seit sie angefangen hat, darüber zu berichten, was ihr angetan wurde. Im März 2026 ging sie an die Öffentlichkeit und berichtete von sexualisierten Deepfakes, die ihr Exmann in ihrem Namen erstellt und verbreitet haben soll. Ihr Mut brachte zu Tage, was vielen Betroffenen digitaler und sexualisierter Gewalt passiert – und löste eine Welle an Widerstand gegen männliche Gewalt aus, die wochenlang anhielt.
250 berühmte Frauen und 10 Forderungen an die Bundesregierung
Nach der Berichterstattung über Collien reagierten die Autorin und Aktivistin Kristina Lunz, die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal und die Bundestagsabgeordnete Ricarda Lang sofort. Sie trommelten über 250 berühmte Frauen aus Kultur, Medien und Politik zusammen, um gemeinsam 10 Forderungen an die Bundesregierung zu stellen Das Ziel: eine nationale Strategie gegen männliche Gewalt.
Denn Collien Fernandes ist kein Einzelfall. Sie ist Opfer eines Systems, das männliche Gewalt rechtfertigt und schützt – und die Betroffenen erniedrigt und verurteilt. Damit ist sie nicht alleine. Mithilfe von WeAct, der Petitionsplattform von Campact, wurden die Forderungen verbreitet und erreichten innerhalb kürzester Zeit über 330.000 Unterzeichner*innen.
Proteste in ganz Deutschland begleiteten die Kampagne. Unzählige Menschen positionierten sich auf Social Media oder gingen auf die Straße. Zahlreiche Influencer*innen nutzten ihre Kanäle und Reichweite, um über das Thema zu sprechen.
Auch viele Medien berichteten über die Petition „In Solidarität mit Collien Fernandes: 10 Forderungen an die Bundesregierung“:
- Zum Bericht in der Süddeutschen Zeitung
- Demo-Berichterstattung im ARD
- Lokale Berichterstattung des NDR und rbb
- Zum Bericht in der taz
- Berichterstattung in der Zeit
Schau Dir hier die Petition mit den 10 Forderungen an und unterzeichne sie.
Wie reagiert die Bundesregierung auf die Forderungen?
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigte kurz darauf einen Gesetzentwurf an, der das Erstellen und Verbreiten von Deepfakes unter Strafe stellen soll. Doch umgesetzt ist das Gesetz noch nicht – es hängt im Gesetzgebungsverfahren. Hubig will ebenfalls das Strafrecht bei Femiziden nachschärfen und die „Nur Ja heißt Ja“-Regel im Sexualstrafrecht verankern. Alles Maßnahmen aus den 10 Forderungen. Der Bundestag beschloss außerdem die elektronische Fußfessel für Gefährder, als Reaktion auf die massive häusliche und partnerschaftliche Gewalt, die Menschen erleben.
Der Protest zeigte also Wirkung: Es gab durchaus eine Debatte. Es wurden Dinge angeschoben. Doch das ist nicht genug. Denn wir brauchen nicht nur Einzelmaßnahmen gegen einzelne Gewalttäter. Wir brauchen eine nationale Strategie, wie es sie beispielsweise in Spanien gibt. Denn es geht nicht um bessere Strafbarkeit von Einzeltaten. Männliche Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem.
Die drei Initiatorinnen der Kampagne versuchten mit Unterstützung von WeAct ein Treffen mit Justizministerin Hubig zu organisieren, um mit ihr über die so dringend notwendigen Reformen zu sprechen. Hubig lehnte ab. Also kontaktierten die Petentinnen die Fraktionsspitzen aller demokratischen Parteien im Bundestag. SPD, Grüne und Linke sagten sofort zu, die Petition entgegenzunehmen. Die CDU lehnte „aus terminlichen Gründen“ ab.
Bei 34 Grad auf der Reichstagswiese
Über 336.000 Unterschriften wurden am 24. Juni auf dem Platz vor dem Reichstagsgebäude übergeben an die Fraktionsspitzen Matthias Miersch (SPD), Katharina Dröge und Britta Haßelmann (beide Grüne) und Kathrin Gebel (stv. Fraktionsvorsitzende Linke und frauenpolitische Sprecherin). Mit dabei waren auch Dagmar Schmidt (stv. Fraktionsspitze SPD), sowie die Abgeordneten Carmen Wegge (SPD) und Ulle Schauws (Grüne) und weitere.
Mehr Bilder findest Du auf dem flickr-Account von Campact.
Die Petition wurde übergeben von den Initiatorinnen der Kampagne sowie weiteren der 250 Frauen – und einem ganz besonderen Gast: Auch Collien Fernandes selbst kam zur Versammlung.
Warum waren so viele Frauen auf der Straße? Weil es ihre Realität ist. Weil sie digitale Gewalt erleben. Weil sie Gewalt erleben. Deshalb waren alle so laut. Das hat für diese Welle gesorgt. […] Solange das so ist, müssen wir einfach laut sein, laut bleiben, wütend bleiben.
Collien Fernandes während der Aktion am Reichstag
Begleitet wurde die Aktion mit Redebeiträgen der Geschäftsführerin von HateAid, Anna-Lena von Hodenberg, sowie dem Initiator der Männer gegen Gewalt, der Sänger und Aktivist Battal. Auch die Fraktionsspitzen fanden versprechende Worte, die Forderungen mit ins Parlament zu nehmen. Es bleibt an uns allen, genau hinzuschauen, ob das auch passiert.
Parallel zur Aktion hat Campact im gesamten Regierungsviertel Plakate aufhängen lassen. Sie machen noch einmal ganz deutlich: Die mit Abstand meisten Täter sind Männer aus dem nahen Umfeld der Betroffenen.

Wie geht es jetzt weiter?
Am 10. Juli berät der Bundesrat darüber, ob er Anträgen zustimmt, die Femizide zu eigenen Straftatbeständen machen sollen und ein konsensbasiertes Sexualstrafrecht einführen wollen. Das ist ein wichtiger Schritt – und wenn das gelingt, ein riesiger Erfolg. Seit Jahren kämpfen Menschen für die Anerkennung von Femiziden als eigene Straftat und ein besseres Monitoring. So sehr wir das feiern könnten – auch das ist noch nicht genug für eine nationale Strategie.
Was Du jetzt tun kannst
Wichtig ist jetzt: Laut bleiben. Teile die folgende Grafik in Deinen Kanälen, sprich mit Freund*innen und Familie über Gewalt gegen Frauen, inter-, nicht-binäre und trans Personen, geh auf die Straße, schütze deine Freund*innen, werde hellhörig, wenn Du Gewalt in Deinem Umfeld mitbekommst oder vermutest.

Was Du als Mann jetzt tun kannst? Auch die Grafik teilen. Und: Nicht schweigen, wenn Du sexistische Kommentare oder Übergriffe miterlebst. Auf die Straße gehen für Gesetze gegen sexualisierte Gewalt und gegen das Patriarchat, aktiv Verantwortung übernehmen, Demos organisieren, Care-Arbeit übernehmen. Dich selbst hinterfragen und informieren mit feministischen Büchern oder Podcasts, Links zu aufklärenden Webseiten und Kanälen teilen, im eigenen Buddy-Kreis über öffentliche Fälle sprechen, Dich in den sozialen Medien solidarisieren, zuhören, Betroffenen glauben, das Problem nicht relativieren, nicht über Befindlichkeiten von Männern reden, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, und vieles mehr .
Da sein. Ally sein. Männlicher Gewalt männliche Solidarität mit Betroffenen entgegensetzen. Nur so kommen wir als Gesellschaft weiter.
Über 330.000 Menschen unterstützen bereits die Forderung nach einer nationalen Strategie gegen von Männern ausgeübte Gewalt. Schließe Dich ihnen an: