Auf der Linie 282 zwischen dem U-Bahnhof Breitenbachplatz und dem Dardanellenweg in Berlin-Mariendorf pendelt ein Doppeldeckerbus der Berliner Verkehrsbetriebe. Darauf Werbung: Fünf übermenschlich große Personen – darunter auch Julian Reichelt, der „Nius“-Chef.
Was ist „Nius“?
Von Faktenfrei über Verschwörungstheorien bis hin zu Volksverhetzung: „Nius“ ist ein 2022 gegründetes rechtspopulistisches Hetzportal, vergleichbar mit dem US-Sender Fox News, mit Sitz in Berlin. Chefredakteur ist Julian Reichelt, der bis 2021 für die BILD-Zeitung arbeitete und rassistisches und völkisches Gedankengut verbreitet.
„Nius“ hält sich nicht an den Pressekodex. Der deutsche Journalistenverband weist darauf hin, dass „Nius“ kein journalistisches Medium ist, sondern bestenfalls ein Journalismus-Simulant – „eine Empörungsmaschine im Redaktionskostüm, die Hetze und Spaltung vermarktet.”
Daneben das Logo des rechtspopulistischen Hetzportals „Nius“ und der Werbeslogan „Morgens um 6 schon wissen, was einem abends um 8 verschwiegen wird.“ Damit spielt „Nius“ darauf an, Tagesschau und Öffentlich-Rechtliche würden Bürger*innen Informationen vorenthalten. Eine bewusste Falschinformation.
Plötzlich schiebt sich ein LED-Truck neben den BVG-Bus. Selbes Logo, selber Stil – aber mit ehrlicher Werbung: „Morgens um 6 schon Lügen & Hetze verbreiten.“ Nicky (Name geändert, Anm. d. Red.) ist Campaignerin bei Campact, hat die Aktion mitorganisiert und verrät, was dahinter steckt.
Unehrliche vs. ehrliche Werbung
Campact-Team: Wie bekommt man denn mit, wann und wo „Nius“ Werbung schaltet?
Nicky: „Nius“ hat eine Sendung, in der sie relativ offen über alles sprechen, was sie so planen. Eben auch über die Werbung in der BVG. Für den Doppeldeckerbus mit ihrem Werbespruch haben die sich ziemlich gefeiert. Und genau da wollten wir ansetzen. Denn „Nius“ ist kein seriöses Medium – auch wenn es versucht, sich in der Werbung selbst so darzustellen.
Warum passt das nicht zusammen – „Nius“ und die BVG?
Die BVG profiliert sich sehr über Offenheit, Vielfalt und die bunte Berliner Stadtgesellschaft. Gegenüber den Fahrgäst*innen ist das ein absoluter Affront, dass dort ein rechtspopulistisches Hetzblatt Werbung machen darf. Denn „Nius“ Inhalte sind nicht ehrlich. Auch die nicht, mit denen sie werben.
In Berlin sind gerade verschiedene Akteur*innen aktiv, die beispielsweise die „Nius“-Werbung in den U-Bahnen überkleben oder eine Petition an die BVG bei WeAct gestartet haben. Als wir von dem Doppeldeckerbus gehört haben, dachten wir uns: Eigentlich müssen wir doch dafür sorgen, dass diese Werbung kritisch begleitet wird.
Von der Idee bis zur LED-Truck-Umsetzung: Wie lange hat das gedauert?
Innerhalb von wenigen Tagen haben wir diese Aktion geplant. Das ging ganz schön schnell und diese Aktionen mag ich auch am meisten (grinst). Aber natürlich hängt da am Aktionstag selbst noch ein ganzes Team hinten dran, also Fotos, Videos, Social-Media oder auch Truck-Fahrer*in.
Der Berliner Stadtverkehr kann gerne mal unübersichtlich werden. Wie lief das mit der Umsetzung?
Wir haben uns an einer Haltestelle der Linie getroffen, auf den Bus gewartet und haben ihn dann begleitet. Für zehn Stunden. Klar, mal mussten wir an der Ampel warten. Aber einholen war kein Problem.
„Nius“ nicht unkommentiert lassen
Gab es Reaktionen auf Eure Aktion?
Unsere Social-Media-Community ist wahnsinnig begeistert, dass wir ehrliche Werbung mitliefern und „Nius“ nicht unkommentiert durch den Berliner Straßenverkehr fahren lassen. Sogar so begeistert, dass wir beschlossen haben, den BVG-Bus noch weiter zu begleiten.
Was hilft Euch, künftig noch mehr solcher Aktionen machen zu können?
Wir haben auf Social-Media eine richtig gute Community. Die haben uns beispielsweise auch auf die „Nius“-Werbepläne aufmerksam gemacht und hatten direkt lustige Ideen für Slogans. Außerdem ist so schnell reagieren natürlich nicht ohne unsere Förder*innen und Unterstützer*innen möglich.
Was ist das Ziel der Aktion gegen „Nius“?
Bewusstsein dafür zu schaffen, dass „Nius“ keine seriöse Plattform samt seriösen Nachrichten ist. Sondern Desinformation und Hetze liefert und genau so behandelt werden muss – auch von Spitzenpolitiker*innen. Übrigens fährt „Nius“ diese fette Werbeaktion nicht, weil es so gut läuft. Das ist kein Zeichen von Stärke. Sondern ein verzweifelter Akt, um an neue Abonnent*innen und Reichweite zu kommen.
„Nius“: Empörungsmaschine, die sich dem Pressekodex entzieht
Zuletzt fiel die Zahl der Leser*innen von „Nius“ auf ein Rekordtief, dazu verrät die veröffentlichte Bilanz winzige Einnahmen: Laut einem Leak zählte „Nius“ zuletzt nur 46 zahlende Abonnent*innen im Premiumtarif. Das Verlustgeschäft im Millionenbereich finanziert der Multimillionär Frank Gotthardt. Seit seiner Gründung profiliert sich „Nius“ vor allem durch radikalisierte Desinformation, Frauenhass und Hetze gegenüber Andersdenkenden.
Auch der deutsche Journalistenverband hat sich mittlerweile in einem offenen Brief an die BVG zur Werbekampagne geäußert: „Nius“ sei kein journalistisches Medium, sondern „eine Empörungsmaschine, die Hetze und Spaltung vermarktet“. Es entziehe sich dem Pressekodex und habe mehrfach gegen die journalistische Sorgfaltspflicht verstoßen.
Keine Kondome – aber Rechtspopulismus
Auf Nachfrage sagt die BVG, sie habe keinen Einfluss darauf, welche Werbung auf ihren Flächen prangt. Die Entscheidung darüber läge bei einem externen Vermarkter – der Wall GmbH.
Einerseits bestätigte die BVG auf wiederholte Nachfrage gegenüber der taz: Die „Nius“- Werbeschaltung sei im Unternehmen intensiv diskutiert und umfassend rechtlich bewertet worden. Andererseits stoppte die BVG vor einigen Jahren eine Werbekampagne des Kondomherstellers Billy-Boy. Mit der Begründung, die Inhalte – im Comic-Stil samt frechen Sprüchen – seien explizit zu sexuell für Jugendliche.
Seit kurzem schaltet „Nius“ in ganz Berlin Werbung in U-Bahnen, auf digitalen Screens und dem Doppeldeckerbus der Linie 282. Begehrte Werbeflächen, denn täglich sind rund 3,1 Millionen Menschen mit der BVG unterwegs.
Ein Verkehrsunternehmen, das sich sonst mit Werten wie Offenheit, Respekt und demokratischem Miteinander schmückt, fährt guten Gewissens Werbung für ein rechtspopulistisches Portal durch die Gegend. Fordere jetzt: Keine rechte Angstmache in der BVG! Unterzeichne jetzt die WeAct-Petition der Initiative gegen Rechts.