Dieser Beitrag wurde ohne künstliche Intelligenz geschrieben. Wie überhaupt alle meiner Veröffentlichungen. Das muss betont werden. Denn immer mehr Journalist*innen finden es praktisch, Texte ganz oder wenigstens zum Teil Computersystemen zu überlassen.
Das geht oft gut, manchmal sogar lange. Und dann erwischt es jemanden. Wie vor ein paar Tagen den ehemaligen Chefredakteur des Tagesspiegels, Stephan-Andreas Casdorff. Der hat bei der in Berlin erscheinenden Tagesszeitung seit vergangenem Jahr den klingenden Posten des „Editors-at-Large“. Laut seinem Profil kommentiert er „das politische Geschehen, sowohl im Tagesspiegel als auch in Funk und Fernsehen“. Für seine Meinungsbeiträge hatte Casdorff die KI genutzt – „ein Riesenfehler“, gibt er zu.
Ex-Tagesspiegel-Chef „im roten Bereich“
Die Chefredaktion sah den „Kern der journalistischen Glaubwürdigkeit“ berührt. Definitiv sei KI „kein Mittel, das den Kern unserer Arbeit übernehmen darf“, erklärte sie. Im Deutschlandfunk tadelte Chefredakteur Christian Tretbar seinen Vorgänger: „Das eigene journalistische Selbstverständnis müsste einem doch sagen, dass man sich da nicht mehr in einem Graubereich, sondern im roten Bereich bewegt.“
Der Tagesspiegel depublizierte mehrere Beiträge Casdorffs, darunter einen Kommentar zum 25-jährigen Jubiläum des Coming-Outs des SPD-Politikers Klaus Wowereit. Casdorff muss seinen Posten beim Tagesspiegel nun ruhen lassen. Auch die Redaktion der Jüdischen Allgemeinen, bei der Casdorff immer wieder schrieb, prüfte seine Texte mit „spezialisierter Software“ – und nahm anschließend zwei Beiträge vom Netz.
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„Niedrigschwellig mit KI experimentieren“
Widerspruchsfrei ist die Angelegenheit nicht. Denn der Tagesspiegel erlaubt nach Angaben seiner Chefredaktion „einzelne redaktionelle Arbeitsschritte“ dem „Werkzeug“ KI zu überlassen. Zwar gibt es beim Tagesspiegel KI-Richtlinien, sie sind aber „maximal schwammig“ formuliert, wie es aus der Redaktion heißt. Dort ist die Rede davon, dass man „ein Umfeld schaffen“ wolle, „in dem Mitarbeiter niedrigschwellig mit KI experimentieren können“. Weiter heißt es: „Wenn die KI wesentlich an der Erstellung und Erzeugung von redaktionellen Inhalten beteiligt war, werden wir dies klar kenntlich machen.“
Erst kurz vor der Zwangsbeurlaubung des langjährigen Chefredakteurs hatte der Tagesspiegel-Verlag angekündigt, gemeinsam mit dem Handelsblatt in „neue Geschäftsfelder“ rund um die journalistischen Marken zu investieren. Darunter auch „KI-gestützte Angebote“. In einem LinkedIn-Posting des Verlags heißt es: „Künstliche Intelligenz und technologische Innovation sollen künftig noch stärker dazu beitragen, journalistische Produkte schneller, personalisierter und nutzerorientierter weiterzuentwickeln.“
FAZ zieht Konsequenzen – und Döpfner höhnt
Journalismus ohne KI? Manche wollen davon partout nichts hören – Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner beispielsweise. Als die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Gastbeitrag des thüringischen CDU-Ministerpräsidenten Mario Voigt vom Netz nahm, weil der ein KI-Produkt war, höhnte Döpfner bloß. Und veröffentlichte einen Text über „die Maschinen-Stürmer von der FAZ“. Aus den „heiligen Hallen der analogen Nostalgie“ versuche das Blatt aus Frankfurt am Main, die Zeit anzuhalten. Diese Haltung wirke 2026 nicht wie Qualitätsjournalismus, sondern „wie der verzweifelte Versuch der Postkutschen-Lobby, das Automobil zu verbieten“.
Der Text war, wie sich dann herausstellte, nicht von ihm geschrieben, sondern von der KI. Das wiederum definierte der Springer-Verlag als „Schelmenstreich“, der „zum Nachdenken anregen soll“, wie der Medienjournalist Stefan Niggemeier erfuhr. So lassen sich Diskussionen auch ins Lächerliche ziehen.
Volksverpetzer setzt auf Unterstützung bei Recherche
Die Redaktion des Volksverpetzers hat in ihren Richtlinien zu KI wenigstens Vorbehalte formuliert. Dort heißt es, man wisse um die Probleme hinter KI, „vom Diebstahl geistigen Eigentums, Reproduktion von Verzerrungen und Vorurteilen bis zu den kritikwürdigen Konzernen und Personen dahinter“. Andererseits erleichtere KI die Arbeit und spare Zeit. KI werde „ausschließlich unterstützend bei der Recherche, beim Ausformulieren einiger Textabschnitte, bei der Datenanalyse und beim Programmieren“ genutzt.
Bei anderen Redaktionen sind die Schranken fast vollständig gefallen – etwa bei den Zeitungen des Ostberliner Verlegers Holger Friedrich, der Berliner Zeitung und der Ostdeutsche Allgemeine Zeitung. Dort werde immer mehr mit KI gearbeitet, heißt es aus der Redaktion. Dies sei dem wachsenden Arbeitsdruck geschuldet. Es geschieht dort demnach ohne Richtlinien und es wird in der Regel auch nicht gekennzeichnet, wenn KI-Hilfe in Anspruch genommen wurde.
Publizistische Leitlinien der OAZ womöglich KI-generiert
Ab und an noch versuchen die Holger-Friedrich-Organe, ihre Leserschaft, was den KI-Einsatz angeht, hinter die Fichte zu führen. Zum Beispiel, als die Redaktion Mode & Stil der beiden Friedrich-Blätter vor wenigen Tagen einen Praktikumsplatz ausschrieb: Verlangt wird von Bewerber*innen „ein Sprachgefühl, das dich von der KI unterscheidet“.
Und noch vor gut einem halben Jahr – also noch vor seinem Einsatz für Holger Friedrich – hatte OAZ-Geschäftsführer Dirk Jehmlich auf LinkedIn gepostet, er glaube „nicht, dass KI die Lösung ist“. Er warnte vor deren Einsatz: „Wenn alle Botschaften perfekt formuliert, psychologisch optimiert und semantisch brillant sind, bleibt nur noch Rauschen. […] Perfektion ist ein Löschmechanismus. Wenn alles maximal gut ist, wird alles bedeutungslos.“
Ein Social-Media-Aktivist aus Sachsen – bei Bluesky unterwegs als „Hoywoj“ – machte die Probe aufs Exempel. Er ließ Dutzende OAZ-Texte vom Erkennungsprogramm Pangram prüfen, jenem Tool also, das auch den thüringischen CDU-Politiker Voigt belastet hatte. Das Resultat: Rund zwei Drittel der von „Hoywoj“ untersuchten Texte waren ganz oder teilweise KI-generiert, darunter auch solche von Jehmlich und anderen Führungskräften wie Nachrichtenchef Harald Neuber.
Wie zuverlässig ist das Erkennungsprogramm Pangram?
Die Software Pangram gilt derzeit als beste Software zur Erkennung von KI-Texten. Die Franfurter Allgemeine Zeitung schreibt dazu: „Das Programm Pangram ist mitnichten perfekt, liefert keinen endgültigen Beweis, hat auch schon danebengelegen, gibt aber in der Regel ernst zu nehmende Hinweise auf die Verwendung von KI.“
Sogar die publizistischen Leitlinien der OAZ, in denen Glaubwürdigkeit als Maßstab betont wird, waren nach dieser Recherche zu 100 Prozent ein KI-Produkt. KI werde, sollten sich die Pangram-Daten bestätigen, bei der Ostdeutschen Allgemeinen „schamlos“ verwendet, befürchtet „Hoywoj“. Fragen dazu lassen Chefredakteur Philippe Debionne und OAZ-Geschäftsführer Dirk Jehmlich unbeantwortet. Und so bleibt auch diese Frage an sie offen: „Wie sehen Sie generell die Bedeutung – oder auch das Risiko – von KI für den Journalismus?“
Parallel macht der stellvertretende Chefredakteur der Berliner Zeitung, Daniel Cremer, auf X Stimmung für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Zur Causa Mario Voigt schreibt er dort, dass am Ende nicht die KI das Problem sei, sondern die unzureichende anschließende Prüfung der KI-generierten Texte in der Erfurter Staatskanzlei. Voigt ist demnach aus Sicht von Cremer bloß daran gescheitert, „das Werkzeug vernünftig zu bedienen“.
Jan Skudlarek: KI-Prompter sind keine Autoren
Das Recherchekollektiv Correctiv beklagt, dass es vor dem Hintergrund des Vormarschs von KI immer schwerer werde, journalistische Inhalte an die Leser*innen zu bringen: „Suchmaschinen beantworten Fragen inzwischen direkt selbst, ohne Menschen noch auf die Websites weiterzuleiten“, schrieb die Redaktion in ihrem Newsletter. „KI-Assistenten fassen Inhalte zusammen und entscheiden mit darüber, was überhaupt noch sichtbar wird. Auf sozialen Netzwerken sinken Reichweiten. Wir werden abhängig von Algorithmen, die kaum jemand versteht und die niemand demokratisch kontrolliert.“
Der Blogger und Philosoph Jan Skudlarek schreibt in einer Kolumne „Nein, KI muss nicht dein ganzes Leben bestimmen“. Bezogen auf Künstliche Intelligenz im Journalismus ergänzt er: „Dass die meisten Menschen KI-Texte nicht von menschlich geschriebenen Texten unterscheiden können, kann kein Argument für KI-Texte sein. Banausentum ist nie ein Argument gegen Können, Inkompetenz nie Argument gegen Qualität“.
Wenn im KI-Zeitalter jemand ein KI-generiertes X für ein selbstgeschriebenes U vormache, sei dies nicht akzeptabel: „KI-Prompter sind keine Autoren. Maschinelle Kreativität ist nicht gleichzusetzen mit menschlicher Kreativität. KI-Texte gehören gekennzeichnet.“ Der „KI-Textfälscher“ von heute brauche nicht mal Handwerk, „einen Prompt zu stümpern reicht völlig“.