Wiederholung verankert Lügen. Das gilt auch für Donald Trumps belegbar falsche Behauptung, Joe Biden oder seine Verbündeten hätten die US-Präsidentschaftswahl 2020 manipuliert. „Gestohlene Wahl“ nennt Trump das. Fünfeinhalb Jahre ist es inzwischen her, dass Donald Trump diese Wahl verlor. Die Lüge ist geblieben.
107 Falschbehauptungen in 6 Monaten
Nach Zählungen der Nachrichtenagentur Reuters hat Trump in den vergangenen sechs Monaten mindestens 107 Mal falsche Behauptungen über die Wahl von 2020 verbreitet. Er holt sich dabei sogar überirdische Unterstützung: „Wenn Jesus Christus herabgekommen wäre, um die Stimmen auszuzählen, hätte ich Kalifornien gewonnen, denn bei den Hispanics schneide ich hervorragend ab“, sagte er im Mai vor Reportern. Dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj erzählte Trump, die russische Invasion im Februar 2022 hätte es nie gegeben, wäre die Wahl in den USA nicht manipuliert worden.
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Die Zahl der Lügen ist seitdem weiter in die Höhe geklettert. Anfang Juni wiederholte er seine Lügen im Interview mit NBC-Journalistin Kristen Welker. Als sie innerhalb weniger Minuten mehrfach mit Fakten konfrontierte, beleidigte Trump sie als „dumm“ und „korrupt“ – und brach das Interview schließlich ab.
Pinocchio-Skala: Trump sprengt Maßstäbe des Fakten-Checks
Für ihre Interviewführung erhält Welker viel Zustimmung. Dass Trump Unwahrheiten verbreitet, ist alles andere als ungewöhnlich: Bereits in seiner ersten Amtszeit log er so viel, dass er die Maßstäbe des Fakten-Checks sprengte. Die Washington Post arbeitete damals mit einer Pinocchio-Skala: Ein Pinocchio stand für kleine Unwahrheiten und Verzerrungen, vier für vollständig erfundene Behauptungen.
Weil Trump aber in Sachen Falschbehauptungen kaum zu stoppen war, führte das Team um den langjährigen Faktencheckprofi Glenn Kessler eine neue Kategorie ein: den Bodenlos-Pinocchio. Das war keineswegs übertrieben. Laut Auswertung der Zeitung verbreitete Trump während seiner ersten Amtszeit mehr als 30.500 falsche und irreführende Behauptungen. Die Hälfte davon allein im letzten Jahr. Den „Fact-Checker“ der Washington Post gibt es so nicht mehr. Kessler hat das Blatt inzwischen auch wegen der Umstrukturierungen unter Besitzer und Amazon-Boss Jeff Bezos verlassen.
Donald Trump lügt unterdessen weiter. Und das trotz eindeutiger Gerichtsurteile. Etwa 60 Verfahren haben er und seine Unterstützer*innen seit 2020 begonnen. Fast alle wurden abgewiesen, zurückgezogen oder endeten in einem Vergleich. Selbst vor Richtern, die von Trump ernannt wurden, hatte dessen Lager keinen Erfolg. Eine Klage war zwar zunächst erfolgreich, das Urteil wurde dann aber vom Obersten Gerichtshof in Pennsylvania aufgehoben. Mittlerweile setzt Trump auch das Justizministerium ein, um vermeintliche Belege für seine Behauptungen zu erzeugen. Und im Februar 2026 beschlagnahmte das FBI Wahlunterlagen im US-Bundesstaat Georgia.
Trumps Lügen setzen sich fest
Die Wahllügen demonstrieren die möglichen Gefahren von Desinformation eindrücklich. Schließlich führten sie am 6. Januar 2021 zum gewaltsamen Sturm auf das US-Kapitol. Hunderte Trump-Anhänger versuchten, die offizielle Bestätigung von Bidens Wahlsieg zu verhindern. Zahlreiche Menschen wurden verletzt, fünf Menschen starben im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Putschversuch. Eine der ersten Amtshandlungen zu Trumps Amtsantritt 2025 waren Begnadigungen und Strafmilderungen für die mehr als 1.000 verurteilten Beteiligten des Umsturzversuchs.
Trumps Behauptungen werden nicht wahrer, wenn er sie wiederholt. Aber sie setzen sich fest, besonders bei republikanischen Wähler*innen. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2021 glaubten fast ein Viertel der erwachsenen US-Bürger*innen, die Wahl Bidens sei manipuliert worden und Trump der eigentliche Präsident.
Über 50 Prozent der republikanischen Wähler*innen glauben Trump
Besonders hoch war der Wert unter republikanischen Wähler*innen: Mehr als die Hälfte von ihnen glaubte Trumps Lügen. Im Jahr 2026 ist die Lage nicht besser: Eine Umfrage aus diesem Jahr zeigt, dass 63 Prozent der Republikaner glaubten, die Wahl 2020 sei „gestohlen“ worden. Der Aussage, dass in den USA großflächiger Wahlbetrug durch Abstimmungen von nicht-wahlberechtigten Ausländern stattfände, stimmten insgesamt 46 Prozent der Befragten zu. Mit krassen Unterschieden: Während 18 Prozent der Demokraten zustimmten, lag der Anteil bei den Republikanern bei 83 Prozent.
Der erfundene Wahlbetrug dient auch als Hebel, um das Wahlrecht in den USA zu verändern. Dabei geht es zum Beispiel um die Einschränkung der Briefwahl und um neue Pflichten, bei Wahlen bestimmte Dokumente vorzulegen. Fachleute beschreiben diese Regelungen als diskriminierend, weil der Besitz solcher Dokumente für viele wahlberechtigte US-Bürger*innen nicht selbstverständlich ist.
Trumps Lügen als Inspirationsquelle für die AfD
Nicht zuletzt sind die Vorgänge auch Inspiration für baugleiche Behauptungen im In- und Ausland. Rechte bis rechtsextreme Parteien nahmen sich ein Beispiel an Trumps Lügen. Der AfD-Politiker Markus Frohnmeier nutzte vor der Bundestagswahl 2021 eine Grafik der Trump-Kampagne, um zu behaupten, auch diese Wahl könnte „gestohlen“ werden. Nachdem der Reality-Star und republikanische Kandidat Spencer Pratt die Stichwahl um das Bürgermeisteramt in Los Angeles verloren hatte, verbreitete Trump auch in diesem Fall Wahlbetrugslügen.
Donald Trump zeigt: Bei Desinformation geht es nicht allein darum, das Vertrauen in die Demokratie und seine Grundfesten zu zerstören. Es geht auch um die Verankerung ganz konkreter Lügen – mit gravierenden Folgen für die Demokratie und die öffentliche Sicherheit. Dass Trump das Lügen einstellt, ist nicht zu erwarten. Schließlich stehen noch in diesem Jahr die Midterms an und die Behauptung vom Wahlbetrug dient auch dazu, künftige Wahlen in Zweifel zu ziehen.
Umso wichtiger sind daher kritische Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft, Fact-Checking und ein Journalismus, der die Konfrontation mit Lügnern nicht scheut. Auch dann nicht, wenn es um den mächtigsten Mann der Welt geht.
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