Am Wochenende lädt Björn Höcke zum AfD-Bundesparteitag nach Erfurt ein. Die Bundespartei ist gerade guter Dinge – in Umfragen steht die AfD in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gut da. Gern gesehen ist Höcke auf den Wahlkampfveranstaltungen in Sachsen-Anhalt jedoch nicht. Dabei haben Höcke und Sachsen-Anhalt eine intensive Vergangenheit. Diese reicht von seiner Verbindung zu Götz Kubitscheks Institut für Staatspolitik (IfS) über Hans-Thomas Tillschneider alias „Je suis Landolf Ladig“ bis zu seiner engen Zusammenarbeit mit André Poggenburg, dem damaligen AfD-Chef von Sachsen-Anhalt.
Institut für Staatspolitik (IfS)
Götz Kubitschek gründete 2000 unter anderem mit Karlheinz Weißmann das neurechte Institut für Staatspolitik in Schnellroda bei Halle, Sachsen-Anhalt. Mehrere Gesprächspartner*innen bestätigen: Björn Höcke kannte Götz Kubitschek schon vor der Gründung der AfD 2013.
Im Frühjahr 2014 beantragte Kubitschek die Mitgliedschaft in der AfD. Seine Frau Ellen Kositza im September 2014. Die AfD gab dem Antrag von Kositza im Januar 2015 statt. Unmittelbar danach widersprach der AfD-Bundesvorstand – damals unter Bernd Lucke – den Mitgliedschaften von Kubitschek und Kositza.
Dieser Rauswurf führte zur Gründung des sogenannten rechten „Flügels“ in der AfD, an dessen „Erfurter Resolution“ neben Höcke das IfS mitgeschrieben hat. Herausgebracht wurde sie von Höcke (Thüringen) und Poggenburg (Sachsen-Anhalt). Der national-völkische Flügel positionierte sich gegen die rechts-neoliberale Parteiführung. Das zeigte sich auch daran, dass Kositza trotz Parteiausschluss 2015 vor der Landesversammlung der AfD sprechen konnte.
Kurz nachdem Höcke AfD-Landesvorsitzender wurde, ließ er das Landesvorstandstreffen der Thüringer AfD in Sachsen-Anhalt stattfinden – im Gehöft des Instituts für Staatspolitik in Schnellroda.
„Je suis Landolf Ladig“ – Thomas Tillschneider
2015 erlebte die AfD ihre bislang stärkste Krise und Björn Höcke erhielt Unterstützung von Hans-Thomas Tillschneider. Beobachter*innen handeln Tillschneider in Sachsen-Anhalt als möglichen Bildungsminister, sollte die AfD an die Macht kommen.
2015 veröffentlichte Tillschneider, der in der AfD die „Patriotische Plattform“ gegründet hatte, einen Artikel mit dem Titel „Je suis Landolf Ladig“. Unter dem Pseudonym Landolf Ladig hatte Björn Höcke 2011/2012 neonazistische Artikel veröffentlicht; Tillschneider versuchte Höcke in Schutz zu nehmen.
Ein Mann, zwei Namen: Höckes Pseudonym Landolf Ladig
Im Oktober erscheint Andreas Kempers Buch „Wer kennt Landolf Ladig – Die Demaskierung von Björn Höcke“ im Unrast-Verlag.
Warum? Im Juli 2014 unterstützte der AfD-Mitgründer Hans-Olaf Henkel den Landeswahlkampf von Björn Höcke mit einem Privatkredit von 150.000 Euro. Zudem hielt er direkt nach Höcke eine Rede, in der er behauptete, er kenne in der AfD nur „gebildete Ehrenmänner“. Henkel hatte damals in einem Artikel vor nationalistischen dritten Wegen gewarnt, die einen Epochenwandel weg vom Kapitalismus einfordern.
Was er zu dem Zeitpunkt nicht realisierte: Höcke hatte bereits 2008 einen Anti-Henkel-Leserbrief verfasst und dort die Gegenposition eingenommen. Diese Position taucht auch in zwei neonazistischen Artikeln unter dem Namen Landolf Ladig auf. Ladig plagiierte nicht nur Höckes Anti-Henkel-Leserbrief von 2008. Er diffamierte Henkel zudem implizit als „vorgeschobenen Wirtschaftsexperten“, der aus „Nichtwissen bzw. Böswilligkeit“ agiere.
Henkel trat nach der Demaskierung Höckes als stellvertretender Sprecher und aus dem Vorstand der AfD zurück – und es folgte ein Amtsenthebungsverfahren gegen Höcke.
André Poggenburgs „Wucherungen am Volkskörper“
Unterstützung erhielt Höcke auch von André Poggenburg. Die damalige AfD-Sprecherin Frauke Petry hatte Poggenburg damals in Sachsen-Anhalt „aufgebaut“. Vielleicht hatte Petry gehofft, Poggenburg würde für sie einstehen, als er zum Landeschef der AfD in Sachsen-Anhalt gewählt wurde. Stattdessen unterstützte Poggenburg vor allem Höcke.
Und Petry verfolgte einen Schlingerkurs: Sie unterstützte die Aufforderung, dass Höcke einen Gerichtsprozess anstrengen sollte, um gerichtlich feststellen zu lassen, dass er nicht Landolf Ladig sei. Das Ultimatum verstrich jedoch, ohne dass Höcke dahingehend eine eidesstattliche Versicherung abgab. Zudem verharmloste er weiterhin die NPD. Trotzdem lehnten Petry und Alexander Gauland ein Amtsenthebungsverfahren gegen Höcke gemeinsam ab.
Sie erzählten auch von einem Geheimtreffen mit Beatrix von Storch und Björn Höcke, der zusammen mit Hermann Binkert vom Meinungsforschungsinstitut INSA erschien. Es ginge um die Frage, ob Höcke in den Bundesvorstand aufgenommen werden solle. Beatrix von Storch lehnte dies laut eigener Aussage ab.

Ein Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte belegt: Die AfD ist nachweislich verfassungswidrig. Mehr als 700.000 Menschen fordern bereits von der Bundesregierung, umgehend einen Antrag auf ein Verbot der AfD auszuarbeiten. Schließe Dich jetzt an.
Dennoch wurde nach dem Parteitag in Essen, bei dem Lucke, Henkel und Tausende weitere Mitglieder die AfD verließen, Poggenburg in den Vorstand der Partei gewählt. Poggenburg sorgte wiederum dafür, dass das Amtsenthebungsverfahren gegen Höcke gestoppt wurde. Und Petry hatte nichts dagegen.
Die „unbedingte“ Neue Rechte erhielt während des für die AfD historischen Parteitags 2015 eine klar zu benennende Machtbasis: Höcke in Thüringen und Poggenburg, Tillschneider und IfS in Sachsen-Anhalt.
Rassenbiologie: Höckes rassistische Arterhaltungs-Rede in Schnellroda
Höcke war nicht nur politisch-strategisch immer wieder mit völkischen Nationalist*innen aus Sachsen-Anhalt verbunden. Das Bundesland bot ihm zudem die Plattform, um seine unterirdischen Äußerungen „an den Mann“ zu bringen.
Dazu gehören seine „Alles für Deutschland“-Parole in Merseburg und die rassenbiologische Rede zu „Arterhaltungsstrategien.“ 2016 verbreitete Höcke die These des Rassentheoretikers Philippe Rushton, wonach unterschiedliche „Großrassen“ unterschiedliche Arterhaltungsstrategien hätten. In Afrika herrsche die r-Strategie vor: viele Kinder, aber kaum familiäre Unterstützung. In Europa und Ostasien gelte die K-Strategie: weniger Kinder, aber mehr familiäre Verantwortung. Dies seien populationsökologische Gewissheiten. Höcke selbst vermied zwar das Wort „Rasse“ in diesem Zusammenhang. Im Original geht es aber genau um diese rassenbiologische Zuschreibungen. Jobst Paul vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung hat dies genauer analysiert.
„Alles für Sachsen-Anhalt“
Der SA-Spruch „Alles für Deutschland“ ist einer der zentralen Parolen der Neonazi-Szene. Jeder vermeintliche „Fortschritt“ auf dem Weg zum Faschismus wird dort mit dieser Parole begrüßt. Auch in der AfD verbreiten Mitglieder diese neonazistische Losung immer wieder öffentlich. Auch in Sachsen-Anhalt.
Ein Beispiel ist Kay-Uwe Ziegler. Der damalige AfD-Landesvorstand aus Sachsen-Anhalt schloss ausgerechnet am 9. November 2021 – dem Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 – seine Rede vor den Landesvorsitzenden von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt in Magdeburg mit dem SA-Spruch ab.
Der AfD-Landesverband reagierte wie immer: Ziegler habe nicht gewusst, dass es sich um eine verbotene Parole handele. Ein Jahr später wurde Ziegler Bundestagsmitglied der AfD. Und die AfD Sachsen-Anhalt wählte „Alles für unsere Heimat“ zum Wahlkampfmotto für den bevorstehenden Landeswahlkampf.
Höcke wurde dann wenig später im Wahlkampf nach Merseburg in Sachsen-Anhalt eingeladen. Er griff das Wahlkampfmotto der AfD Sachsen-Anhalt auf und beendete seine Rede mit den Worten: „Alles für unsere Heimat! Alles für Sachsen-Anhalt! Alles für Deutschland!“. Eine Distanzierung sieht anders aus.
Gleicher Tag, gleiche Stadt: Am 4. Juli 1926 veranstalte die NSDAP ihren Reichsparteitag nach dem Parteiverbot in Weimar. 100 Jahre später, am 4. Juli 2026, veranstaltet die AfD ihren Parteitag ebenfalls in Erfurt. Zufall?
Ein Demo-Bündnis widersetzt sich und ruft zum Protest gegen den Bundesparteitag auf. Wie dringend notwendig der Protest ist, zeigt das neue Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte. Es weist nach: Die AfD ist verfassungswidrig. Das Bündnis Zusammenstehen plant eine Großkundgebung direkt vor dem Tagungsort der AfD – 50.000 Menschen haben sich bereits angekündigt. Bist Du dabei?