Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin: Bei den Landtagswahlen im September wird die Briefwahl wieder boomen. Allein in Berlin rechnet die Wahlleitung mit einem Anteil von über 40 Prozent.
Länger schon schürt die AfD hier Misstrauen und stellt die Briefwahl unter Manipulationsverdacht. Eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag von Campact zeigt: AfD-Anhänger*innen erwarten deutlich häufiger als Anhänger*innen der anderen Parteien Eingriffe in die Briefwahlen. Insgesamt halten 89 Prozent der AfD-Anhänger*innen Manipulationsversuche für denkbar, davon halten 66 Prozent Eingriffe in die Briefwahl für möglich.
Die Briefwahl ist sicher.
„Eine Manipulation des gesamten Wahlergebnisses durch einen Missbrauch der Briefwahl ist durch Vorkehrungen des Gesetzgebers ausgeschlossen”, stellt die Bundeswahlleiterin klar.
Über Desinformationen zur Wahl, die verschiedenen Maßnahmen zur Sicherung der Wahl, Schutz vor Cyberangriffen und die Sicherheit der Briefwahl informiert sie auf ihrer Website.
AfD schürt Panik
Der Unterschied zu den anderen Parteien ist frappierend. Während zwei Drittel der AfD-Anhänger der Briefwahl misstrauen, liegt der Anteil bei SPD-Anhänger*innen bei nur 27 Prozent. Anhänger*innen der Union und der Grünen liegen bei 24 Prozent und die der Linken sogar nur bei 16 Prozent.
Die Sorge vor Wahlmanipulation ist insgesamt kein reines AfD-Phänomen. 16 Prozent der Befragten halten Manipulationsversuche bei den kommenden Landtagswahlen für sehr wahrscheinlich, 45 Prozent für wahrscheinlich.
Allerdings nennen 82 Prozent auf die Frage nach der wahrscheinlichsten Manipulation Desinformationskampagnen, 53 Prozent Hackerangriffe am Wahltag und insgesamt nur 38 Prozent Eingriffe in die Briefwahl. Hier klaffen die Erwartungen zwischen Anhänger*innen der AfD und allen anderen Parteien weit auseinander.
Der Briefwahl-Propagandakreislauf
Kein Wunder: Seit Jahren stellen AfD-Politiker*innen die Briefwahl systematisch als unsicher dar – und warnen vor der Teilnahme. Sie unterstellen anderen Parteien sogar, sie würden für die Briefwahl werben, um Manipulationsversuche zu ermöglichen. Stattdessen sollten die AfD-Anhänger*innen lieber ins Wahllokal gehen. Die Erzählung verfängt.
Dabei lief es bei vergangenen Wahlen meistens so: Nach den im Wahllokal abgegebenen Stimmen wurden gegen Ende die Briefwahlstimmen ausgezählt. Der AfD-Anteil aus den Briefwahlstimmen lag dann immer wieder deutlich unter dem Stimmanteil aus dem Wahllokal. Ein Resultat ihrer eigenen Anti-Briefwahl-Propaganda. Aber anstatt diesen Zusammenhang anzuerkennen, nutzt die Partei die Ergebnisse, um wieder neue Zweifel an der Briefwahl zu säen. Daraus entsteht ein Kreislauf.
- Schritt 1: Die AfD schürt Zweifel an der Briefwahl und rät davon ab.
- Schritt 2: AfD-Wähler*innen misstrauen der Briefwahl und wählen deshalb eher im Wahllokal.
- Schritt 3: Bei der Auszählung der Briefwahlstimmen weicht der Anteil der AfD-Stimmen von den im Wahllokal direkt abgegebenen Stimmen ab. Das wiederum führt zurück zu
- Schritt 1: Wieder streut die Partei Zweifel.
Und so weiter. Zuletzt war das bei der Bürgermeisterwahl im brandenburgischen Strausberg Anfang 2026 zu beobachten.
AfD: „Vertrauen Sie nicht der Briefwahl“
Ein besonders gutes Beispiel für diese Spirale des Misstrauens ist ein Facebook-Post des AfD-Bundesverbandes aus dem Jahr 2023. Dort heißt es im ersten Absatz:
Die Landratswahl im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree am gestrigen Sonntag hat einmal mehr Fragen zur Briefwahl aufgeworfen. Lag der AfD-Kandidat Rainer Galla zunächst über einen langen Zeitraum vorne, so änderte sich die Situation plötzlich schlagartig, als die Briefwahlstimmen in die Zählung einflossen.
AfD-Bundesverband, 2023 auf Facebook
Und dann direkt im nächsten: „Die AfD appelliert deshalb an die Bürger, bei jeder Wahl nach Möglichkeit das Wahllokal zu nutzen. … Gerade die Gefahr der Beeinflussung durch das soziale Umfeld ist bei einer Briefwahl nicht von der Hand zu weisen. … Die Nutzung des Wahllokals ist deshalb die beste Gewähr dafür, dass wichtige demokratische Prinzipien eingehalten werden!”
Im April 2026 schreibt der sachsen-anhaltische AfD-Fraktionsvorsitzende Oliver Kirchner: „Also, am 06. September 2026 in Sachsen-Anhalt die AfD wählen und zwar im Wahllokal und nicht per Briefwahl”.
Im Oktober 2018 schreibt die AfD-Bundestagsfraktion auf Facebook: „Gehen Sie am Sonntag persönlich zur Wahl. Nehmen Sie Familie und Freunde mit ins Wahllokal. Vertrauen Sie nicht der Briefwahl.”
Und schließlich Björn Höcke im Mai 2023: „Ausgerechnet bei Briefwahlen gibt es gravierende Sicherheitsmängel.“
Zweifel an Wahlen und Demokratie streuen
Nicht selten verbindet die Partei solche Behauptungen mit Aufrufen zur „Wahlbeobachtung“. Das ist keine neutrale Initiative, um den ordnungsgemäßen Ablauf von Wahlen sicherzustellen, sondern ein parteipolitisches Propagandamittel. Das nutzt die AfD immer wieder, um ihre eigenen Anhänger*innen zu mobilisieren und Zweifel an Wahlen und Demokratie zu streuen.
Inzwischen erhält die AfD auch Unterstützung aus Russland. Vor der Bundestagswahl 2025 verbreiteten Kreml-nahe Kanäle und zahlreiche Nutzer*innen aus dem Umfeld der AfD mehrere Videos, um Angst vor der Briefwahl zu machen. In einigen Videos behaupten Menschen, dass sie Briefwahlunterlagen erhalten hätten, auf denen die AfD nicht aufgeführt war.
In einem weiteren Video gibt eine Person vor, sie würde Briefwahlstimmen für die AfD mit Hilfe eines Aktenvernichters zerstören. Aber in keinem der Videos sind Gesichter zu sehen, in allen Fällen wurden Fake-Wahlzettel verwendet. Die Szenen sind geschauspielert.
Inzwischen werden die Videos russischen Desinformationskampagnen zugerechnet. Aber obwohl schnell klar war, dass es sich um Fakes handelte, wurde das Aktenvernichter-Video auch in diesem Jahr verbreitet.
Rechtsextremist manipuliert Briefwahlzettel
In den vergangenen Jahren gab es tatsächlich Versuche, Briefwahlen zu manipulieren. Dass sie bekannt geworden sind, zeigt aber auch, dass Unregelmäßigkeiten auffallen und Betrugsversuche Konsequenzen haben.
Zum Beispiel in Sachsen-Anhalt selbst, bei den Kommunalwahlen in Stendal, 2014. Noch aktueller ist ein Fall aus Sachsen: Bei den Kommunal- und Landtagswahlen 2024 veränderte ein Mann insgesamt mehr als 200 Wahlzettel.
Der geständige Täter: Ein Rechtsextremist, der zugunsten seiner neonazistischen Partei „die Freien Sachsen“ die Wahlzettel veränderte. Besonders dreist: Die Freien Sachsen veröffentlichten anschließend ein Statement, in dem sie bekanntgaben, sie hätten ja selbst schon lange vor der Briefwahl gewarnt.