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Wir haben schon lange genug und fragen uns: Wie viel Gift sollen wir eigentlich noch schlucken? Als Frauen, als Töchter, als Schwestern, als Tanten, Mütter und Großmütter, als Unternehmerinnen oder Arbeiterinnen. Genug von Gewalt an Frauen durch Männer. Egal ob digital oder analog. 

Genug von den von Männern orchestrierten Hetzkampagnen im Netz gegen laute, progressive Frauen. Denn sexualisierte Gewalt kann auch eine Form politischer Gewalt sein. Gewalt, die Kristina Lunz und ich und viele Frauen in diesem Land kennen. Das Netz gleicht schon lange für das weibliche Geschlecht dem „Wilden Westen 2.0“. 

Willkommen im Campact-Blog

Schön, dass Du hier bist! Campact ist eine Kampagnen-Organisation, mit der über 4,5 Millionen Menschen für progressive Politik streiten. Im Campact-Blog schreiben das Team und ausgezeichnete und versierte Gast-Autor*innen über Hintergründe und Einsichten zu progressiver Politik.

Weitestgehend straflos kann man uns dort aufs Übelste beschimpfen, an den Pranger stellen, unsere Adressen leaken. Will man das bei den Plattformen melden, muss man sich durch einen Wust an Formularen kämpfen – die am Ende ins Leere führen. Polizeibehörden wissen oftmals nicht mal, wovon man spricht. „Machen sie doch einfach das Handy aus“, bekam Kristina Lunz auf der Polizeiwache zu hören. 

Der Fall Collien Fernandes

Im Frühjahr 2026 sorgte eine Enthüllung für Schlagzeilen, die meine Kollegin Kristina Lunz und mich, genauso wie Millionen von Menschen in Deutschland aufrüttelte. Die Titelgeschichte des Spiegel „Du hast mich virtuell vergewaltigt“ berichtete von den Vorwürfen der TV-Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Ehemann Christian Ulmen. 

Es geht um körperliche Gewalt sowie eine besondere Form des Identitätsdiebstahls und sexuellen Missbrauchs. Um Zweifel an der Berichterstattung gleich an dieser Stelle auszuräumen: Ein Gericht hat im Mai die Darstellung des Spiegel für zulässig erklärt. Das bedeutet: der Report bleibt unangetastet. 

Deutschland: das Täterparadies

Fernandes beschäftigt sich nicht erst seit gestern mit der Thematik. Die besagten Fotos und Videos von ihrer Person kursieren seit mehr als einem Jahrzehnt im Netz. Der Unterschied ist nun: Sie weiß um die Identität des Täters. Zumindest einem von ihnen. Anzeige erstattete Fernandes bewusst in Spanien. Denn die deutsche Gesetzeslage mache aus Deutschland ein „Täterparadies“, so ihr Wortlaut in diversen Interviews.

Ihr Fall traf nicht nur bei Kristina und mir einen Nerv, sondern auch bei 250 weiteren Frauen aus Politik und Gesellschaft, sowie mehr als 337.000 UnterzeichnerInnen unseres Aufrufs an die Politik. Es macht mir Hoffnung, dass gerade so viel Solidarität rund um dieses Thema herrscht und sich – ja – tatsächlich eine  Bewegung geformt hat, in der alle an einem Strang ziehen! 

„Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen?”

Mit zehn Forderungen wandten und wenden wir uns an die Bundesregierung und fordern einen wirkungsvollen rechtlichen und behördlichen Schutz für Gewalt-Betroffene: 

  • Femizid als eigenständiger Straftatbestand ins Strafgesetzbuch,
  • die Verankerung des Grundsatzes „Ja heißt Ja“ im Sexualstrafrecht,
  • stärkere Inpflichtnahme digitaler Plattformen und die vollständige Umsetzung der internationalen Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen, um einige Forderungen aus unserem Katalog zu nennen. 

Um das Thema weiter in der Öffentlichkeit zu halten und unseren Forderungen mehr Raum zu geben, erweiterten wir die Petition und gossen sie in Buchform: Seit dem 6. Juli ist unser Manifest „Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen? Für eine Gesellschaft, in der alle sicher sind“ im Buchhandel erhältlich.

Verurteilung nur bei 1 Prozent

Nach Epstein, nach Pelicot, und jetzt nach Fernandes war für uns klar: Es muss ein Ruck durch das Land gehen. Durch Justiz, Politik und Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass wir in einem Land leben, in dem die Hälfte der Bevölkerung unzureichend rechtlich geschützt ist vor Gewalt. 

Dass Frauen ein Martyrium durchleben müssen von erneuter Traumatisierung, Anwaltskosten in exorbitanter Höhe, der Gefahr, dass ihr eigener Ruf geschädigt wird (durch mediale und andere Schlammschlachten), wenn sie Gerechtigkeit wollen – und die in der Regel am Ende ausbleibt.

Die Statistik spricht dazu eine klare Sprache: Nur im Fall von 1 Prozent der angezeigten Vergewaltigungen kommt es zu einer Verurteilung. Laut aktueller polizeilicher Kriminalstatistik 2025 sank die Gesamtzahl aller erfassten Straftaten im Vergleich zum Vorjahr um rund sechs Prozent auf 5,5 Millionen. Gleichzeitig stieg die Zahl registrierter Vergewaltigungen um neun Prozent. Es besteht Handlungsbedarf!

Männliche Ich-Bezogenheit ist Teil des Problems

Aber leider erleben wir noch immer relativierende Debatten. So behauptete jüngst Markus Lanz, Debatten über männliche Gewalt würden alle Männer zu „Problembären“ erklären. Macht genau niemand, lieber Markus, aber ok. 

Der Comedian Dieter Nuhr empfahl Frauen, den eigenen Partner erst mal kennen zu lernen, bevor man mit ihm Sex hat (Höhöhö!). Klar, Frauen sind natürlich selber schuld an der Gewalt, die sie erfahren. Täter-Opfer-Relativierung par excellence. Männliche Ich-Bezogenheit ist leider Teil des Problems. 

Wann beginnen wir darüber zu sprechen, dass wir beim Thema Gewalt gegen Frauen auch – und vor allem – über Männlichkeit als Problem sprechen müssen? Eine Art von Männlichkeit, die ihren Wert daraus zieht, sich über Frauen zu erheben, Frauen klein zu halten, Frauen als Besitz anzusehen. Als Besitz, den man mit anderen Männern teilen kann (wie mutmaßlich im Fall Fernandes vs. Ulmen).

Willkommen in unserer Welt 

In einem Radiointerview zu unserem jüngst erschienenen Buch, wurde ich gefragt, ob es nicht zu drastisch sei, dass ich Deutschland und Afghanistan beim Thema Frauenrechte in Verbindung zueinander bringe. Meine Antwort: Willkommen in unserer Welt! 

Für eine Frau macht es tatsächlich keinen Unterschied, ob es ein Taliban-Anhänger ist, der sie „bestraft“ oder der eigene Ehemann. Selbstverständlich ist Deutschland nicht Taliban-Afghanistan. Aber dann möge der hiesige Rechtsstaat auch seine Arbeit machen. 

Gemeinsam gegen die alte Welt

Bei unserer ausverkauften Buchpremiere meldete sich in der Fragerunde Mina Khani zu Wort, eine Aktivistin, die sich für demokratische Freiheit und ein Ende der Geschlechterapartheid in ihrem Heimatland Iran einsetzt: Dort schlachte das Regime jeden Vergewaltigungs- und Gewalt-Skandal im Westen propagandistisch aus. 

Ob Epstein oder Pelicot, die Propaganda-Maschine im Iran springt an: „Seht her! Sie wollen uns etwas von Menschenrechten erzählen und wie frei die Frauen doch in ihren Ländern sind. Und dann das!“ Wenn uns die Werte etwas am Herzen liegen, die wir in aller Welt vor uns hertragen, sollten wir tatsächlich nach ihnen handeln. 

Es ist am Ende alles ganz einfach: Universelle Menschenrechte oder Barbarei. Wir möchten mit den guten Männern gegen die alte Welt kämpfen. Seid ihr dabei?

Autor*innen

Düzen Tekkal ist Autorin, Journalistin, Filmemacherin und Menschenrechtsaktivistin. Gemeinsam mit ihren Schwestern gründete sie die Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help e.V., die sich mit Projekten und Advocacy insbesondere für Mädchen und Frauen im Irak, Iran, in Syrien und in Deutschland engagiert. Mit der Bildungsbewegung GermanDream setzt sie sich zudem für Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie ein wertebasiertes Deutschland ein und engagiert sich gegen Extremismus und Menschenfeindlichkeit. Für ihr langjähriges Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Alle Beiträge

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