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Für ethisch heikle Fragen hat Deutschland offenbar ein praktisches Prinzip entwickelt: Erstmal konsequent verbieten, dann nicht mehr darüber reden und Betroffene den rechtlichen Grauzonen überlassen. 

Aber ethisch heikle Fragen lösen sich nicht, indem man sich über sie ausschweigt. Betroffene suchen sich ihre Lösungen nur woanders. Ob Schwangerschaftsabbrüche in den Niederlanden, Sterbehilfe in der Schweiz oder Leihmutterschaft in den USA oder der Ukraine. Wer es sich leisten kann, holt sich seine Ausnahme im Ausland.

Wie Jens Spahn. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und sein Ehemann Daniel Funke sind Väter geworden. Eine schöne Nachricht – wäre da nicht die offensichtliche Doppelmoral. 

Union gegen Leihmutterschaft 

Die Konservativen haben im Bundestag aktiv daran mitgewirkt, dass die rechtliche Lage für gleichgeschlechtliche Paare, wie Spahn und seinen Mann, aktuell so ist, wie sie ist.

  • In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten. Ärzt*innen, die dabei unterstützen oder vermitteln, machen sich strafbar.
  • 2015 erklärt Spahn, er könne sich als schwuler Mann und Christ mit der Idee eines „gemieteten Mutterbauchs“ nur schwer anfreunden.
  • 2020 sprach er sich öffentlich gegen eine Lockerung des Leihmutterschaftsverbots in Deutschland aus.
  • Die CDU hat diesen Kurs erst im Februar 2026 auf ihrem Bundesparteitag bestätigt: Leihmutterschaft solle „auch in altruistischen Modellen“ verboten bleiben, „um Missbrauch, Ausbeutung und gesundheitliche Risiken zu verhindern“.
  • Das Bundesfamilienministerium stellte klar, dass sich trotz Jens Spahns Entscheidung daran nichts ändert. Der Koalitionsvertrag sehe für Leihmutterschaft keine Reform vor.

Das bedeutet: Jens Spahn sprach sich mehrfach öffentlich gegen Leihmutterschaft aus, stimmte gegen eine Lockerung des Gesetzes in Deutschland. Aber für sich und seinen Ehemann Daniel Funke nutzte er ein Schlupfloch. 

Ihren Sohn brachte eine Leihmutter in den USA zur Welt. Denn eine Leihmutterschaft im Ausland zu beauftragen, ist nicht strafbar. Die Kosten dafür liegen laut Berichten zwischen 40.000 und 200.000 US-Dollar.

Wer es sich leisten kann

Unfruchtbare oder gleichgeschlechtliche Paare, die sich ein Kind wünschen, benötigen demnach nur genug Geld, um die deutschen Grenzen und damit das Gesetz zu überwinden. 

Wie viele Deutsche auf Leihmutterschaften zurückgreifen, weiß niemand so genau. Es gibt keine Meldepflicht, kein zentrales Register. Aber eine Kanzleiseite nennt die USA als zentrale Anlaufstelle im „Leihmutterschaftstourismus“  für deutsche Paare. In zwölf von 50 US-Bundesstaaten gibt es sehr liberale Gesetze zur Leihmutterschaft, dazu hohen rechtlichen Schutz und einfache Anerkennung aller Familienmodelle.

Altruistische vs. kommerzielle Leihmutterschaft

Kanada erlaubt nur die altruistische Leihmutterschaft. Das bedeutet, die Leihmutter bekommt kein Geld, dafür werden alle ihre Ausgaben bezahlt. Auch Georgien und die Ukraine sind beliebt und die Rechte der sogenannten „Wunscheltern“ dort gut geschützt. 

Agenturen und Kanzleien unterstützen bei der Vermittlung, Beglaubigung der Geburtsurkunden und Anerkennung der Elternschaft. Und der globale Markt mit Leihmutterschaft wächst. Marktforschungsinstitute schätzen den weltweiten Umsatz für 2024 auf etwa 19 Milliarden Euro.

Das Private ist politisch

Trotz seiner Entscheidung zur Leihmutterschaft wolle er die politische Lage in Deutschland nicht ändern, heißt es aus Jens Spahns Umfeld. Er leite aus seinem Privatleben grundsätzlich keine politischen Forderungen ab. Aber schon die Frauen*bewegung in den 1960er und 70er Jahren skandierte: „Das Private ist politisch.“

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Genau hier sitzt eben die Doppelmoral: Ein Politiker, der für Amt und Privatleben unterschiedliche Maßstäbe hat – wie soll man diesen ansatzweise ernst nehmen können? Jens Spahn nutzt seine Position ganz bewusst. Regeln, die für andere gelten, unterläuft er – und entzieht sich anschließend der vollständigen Rechenschaft. Das ist kein zufälliger Fehltritt. Sondern die unverfroren spahnsche Haltung, die sich schon in der Maskenaffäre zeigte.

Autor*innen

Valerie Zöllner ist ausgebildete Journalistin und arbeitet als Redakteurin bei Campact. Studiert hat sie American Studies und Hörfunk, danach ging es zum Podcast-Radio detektor.fm und anschließend ins Volontariat bei der SWP. Am liebsten schreibt sie tagesaktuell über das, was schiefläuft, aber nicht sollte. Alle Beiträge

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