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Katharina Varelmann und Kateryna Danilov setzen sich für ein besseres Arbeitsleben von Saisonbeschäftigten ein. Im Campact-Blog beantworten sie fünf Fragen. Ihre Antworten geben einen Einblick in das Arbeitsleben von Hunderttausenden Saisonbeschäftigten in Deutschland.

Erntesaison in Deutschland: Rund 240.000 Saisonarbeiter*innen arbeiten jährlich auf den Feldern. Mit welchen Herausforderungen sind viele Saisonarbeiter*innen währenddessen konfrontiert? 

Katharina Varelmann/ PECO-Institut e.V.: Saisonbeschäftigte sind ein unverzichtbarer Teil der Produktion von Obst und Gemüse. Trotzdem stehen sie in der Machtpyramide der globalen Lieferketten an unterster Stelle. 

Katharina Varelmann arbeitet beim PECO Institut, das sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen einsetzt. Dort untersucht sie die Arbeitsbedingungen und soziale Sicherheit von migrantischen Beschäftigten in der Landwirtschaft.

Das bedeutet hohe Leistungsvorgaben, flexibel angeordnete Arbeitszeiten, niedrige Löhne und überhöhte Mieten für die betrieblich bereitgestellten Unterkünfte.

Außerdem profitieren Betriebe von vielen Sonderregelungen: Saisonbeschäftigte dürfen bis zu zwölf Stunden täglich arbeiten. Wobei wir oft von längeren Arbeitstagen mit 14 bis 16-stündigen Schichten hören. Dazu extrem kurze Kündigungsfristen von teils nur einem Tag. Und ein Großteil der Saisonbeschäftigten arbeitet „sozialversicherungsfrei“ – das heißt, ohne gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung. 

Das kann gravierende oder sogar existenzbedrohende Folgen haben, wenn Beschäftigte aus Angst vor hohen Kosten nicht zum Arzt gehen oder ihre Reha nach Unfällen selbst bezahlen müssen. 

Viele Beschäftigte zahlen für einen Platz im Mehrbettzimmer pro Quadratmeter mehr als für eine Luxuswohnung in einer deutschen Großstadt.

Beispiel: In einem Betrieb zahlen Beschäftigte für einen Platz in einem Drei- oder Vierbett-Metallcontainer monatlich 560 Euro. Das ergibt einen Quadratmeterpreis zwischen 90 und 120 Euro.

Selbst nach Jahren intensiver Arbeit in Deutschland haben viele Saisonbeschäftigte keine Rentenansprüche. Das sind betriebsübergreifende Probleme, die wir im ganzen Bundesgebiet beobachten, weshalb wir sie als strukturelle Phänomene bewerten.

Womit untermauert der Bauernverband seine Forderung, eine Ausnahme vom Mindestlohn für Saisonarbeiter*innen zu schaffen?

Katharina Varelmann/ PECO-Institut e.V.: Die wirtschaftliche Lage in der Branche sei schwierig, argumentiert der Bauernverband – und meint damit Sonderkulturen wie Erdbeeren oder Spargel. 

Was aber gerne verschwiegen wird: 2025 war ein Rekordjahr für die deutsche Gemüseernte. Auch bestimmte Obstsorten, wie Äpfel oder Pflaumen, waren sehr erfolgreich. Anbauflächen wurden sogar ausgeweitet und das, obwohl der Mindestlohn eingeführt und angehoben wurde. Zwar behauptet der Deutsche Bauernverband immer, dass ausgeweitete oder reduzierte Anbauflächen allein an die Arbeitskosten gekoppelt seien – das stimmt aber nicht. Sondern hängt an vielfältigen Faktoren, wie beispielsweise Energiepreise oder am Klima. 

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Dazu kommt die enorme Abhängigkeit der Landwirt*innen an den Lebensmitteleinzelhandel. Häufig können Betriebe ihre gestiegenen Kosten nicht einfach so weitergeben. Umgekehrt kommen höhere Preise im Einzelhandel oft nicht oder nicht ausreichend bei den Betrieben an. Das ist aber ein Problem, das nicht auf dem Rücken der Saisonarbeiter*innen ausgetragen werden darf. Sie verrichten harte und wichtige Arbeit, die sich lohnen muss. 

Schon jetzt melden Betriebe immer häufiger, dass sie nicht genügend Arbeitskräfte finden und deshalb Probleme bei der Ernte haben. Saisonbeschäftigte sind eine sehr mobile Gruppe und entscheiden mit den Füßen, wo ihnen die Arbeitsbedingungen gefallen. Weniger Lohn ist definitiv der falsche Anreiz. 

Warum ist es wichtig, sich gegen die Kürzungen beim Mindestlohn für Saisonarbeiter*innen einzusetzen?

Kateryna Danilova Initiative Faire Landarbeit: 

Der Mindestlohn wurde geschaffen, um schutzbedürftige Gruppen vor Arbeitsausbeutung und Lohndumping zu schützen. Saisonbeschäftigte, kommen oft aus dem Ausland, sprechen kein Deutsch und kennen die deutschen Gesetze nicht. Sie sind stark von ihrem Arbeitgeber abhängig und brauchen dringend Schutz durch den gesetzlichen Mindestlohn. 

Kateryna Danilova ist Sozialwissenschaftlerin und koordiniert die Arbeit der Initiative Faire Landarbeit. Ein Bündnis mit dem Ziel, die Situation von Saisonbeschäftigten in der Landwirtschaft zu verbessern.

Und wer sich mit prekären Beschäftigungsverhältnissen auskennt, weiß: Eine Ausnahme vom Mindestlohn würde einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen. Was würde es Arbeitgeber in der Gastronomie oder Hotellerie hindern, zu sagen: „Wir wollen für unsere saisonal Beschäftigten auch eine Ausnahme”?

Nach europäischem Recht gilt das Gleichbehandlungsprinzip. Inwiefern würde ein „Mindestlohn zweiter Klasse“ dagegen verstoßen?

Kateryna Danilova/ IFL: Fast alle Saisonbeschäftigten in der Landwirtschaft kommen aus dem Ausland, überwiegend aus der EU. Eine Mindestlohn-Ausnahme träfe daher vor allem migrantische Beschäftigte. Die Forderung, Saisonbeschäftigte sollten aufgrund der niedrigeren Mindestlöhne in ihren Herkunftsländern schlechter bezahlt werden, ist klar diskriminierend.

Du möchtest mehr über die Initiative Faire Landarbeit erfahren? Jährlich veröffentlicht das Bündnis seinen Jahresbericht zur Saisonarbeit in der Landwirtschaft.

Dass eine große Zahl der Saisonbeschäftigten ohne gesetzliche Krankenversicherung und ohne Aussicht auf Rente arbeitet, ist an sich schon ein Skandal. Weniger als den Mindestlohn zu verdienen, würde einerseits gegen den Gleichheitsgrundsatz Artikel 3 des Grundgesetzes verstoßen. Andererseits gegen das Sozialstaatsprinzip, verankert in Artikel 20 im Grundgesetz. 

Was ist die Initiative Faire Landarbeit und wie unterstützt sie Saisonarbeiter*innen  konkret?

Kateryna Danilova/ IFL: Die Initiative Faire Landarbeit ist ein Zusammenschluss aus arbeitsrechtlichen Beratungsstellen, Bildungsträgern und der Gewerkschaft IG BAU. Unser Ziel ist die Arbeitsbedingungen von Saisonbeschäftigten zu verbessern. 

Dafür gehen wir jedes Jahr in Betriebe und auf die Felder, um zu informieren. Wir sprechen mit mehreren Tausend Saisonbeschäftigten über ihre Arbeitsrealitäten und bieten unsere kostenlose arbeitsrechtliche Beratung an.

Viele Saisonbeschäftigte haben keine finanziellen Mittel für eine rechtliche Vertretung, einen Dolmetscher oder die Anreise zu jedem Gerichtstermin. Der Zugang zum Recht ist für Saisonbeschäftigte nicht einfach. Aber häufig können wir helfen, ihre Rechte in Deutschland durchzusetzen.

Autor*innen

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