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„Es hat mich, wie alle anderen, geschockt, dass die Polizei Henry Nowak sterben ließ, weil sie ‚Rassismus‘ gehört hatte. Überrascht hat es mich aber nicht. Ich bin mit dem Zweiklassensystem der Polizei aufgewachsen. […] Es richtet sich gegen weiße Menschen.“

Der britische Rechtsextremist und „hate influencer“ Tommy Robinson postete das auf X. Es ist Teil seiner Erzählung vom angeblichen „Rassismus gegen Weiße“. Was steckt dahinter – und wie kannst du reagieren?

Der Tod des 18-jährigen Henry Nowak

Am 3. Dezember 2025 wurde der 18-jährige Brite Henry Nowak in Southampton ermordet. Gegen 23.30 Uhr traf er auf Vickrum Digwa, fünf Jahre älter, ebenfalls Brite. Dieser ist praktizierender Sikh. Er trug deshalb Turban, ein Messer sowie einen Dolch bei sich. Mit dem Dolch stach er wenig später auf Nowak ein. Die Hintergründe sind nicht bekannt. Anfang Juni wurde Digwa wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Er muss für mindestens 21 Jahre ins Gefängnis.

Nach der Gerichtsverhandlung wurden weitere Details und Bodycam-Aufnahmen der Polizei öffentlich: Digwas Bruder hatte kurz nach der Tat im Dezember den Notruf gewählt. In dem Telefonat behauptete er, Nowak habe Digwa rassistisch beleidigt und angegriffen. Die eintreffenden Polizist*innen hielten den schwer verletzten Nowak daraufhin für den Angreifer und legten ihm Handschellen an – obwohl er sagte, er könne nicht atmen und sei niedergestochen worden. Nowak starb wenig später.

Wie extrem Rechte den Fall instrumentalisieren

Das Fehlverhalten der Polizei und der Mord solle nicht noch mehr „Spaltung, Hass oder Spannungen schüren“, sagte Mark Nowak, Henrys Vater. Doch genau das geschieht.

Extrem rechte Akteur*innen, auch in Deutschland, nutzen Nowaks Tod als vermeintlichen Beweis eines angeblichen „Rassismus gegen Weiße“.

In Dresden marschierten die rechtsextremen Kleinstparteien „Heimat“ und „Freie Sachsen“ hinter einem Banner mit „RIP Henry Nowak“. Darunter: „White Lives Matter“, in Anlehnung an die Bewegung „Black Lives Matter“, die sich gegen strukturellen und institutionellen Rassismus und Gewalt gegen Schwarze und People of Color formierte.

Was wie Gleichbehandlung klingt, blendet die historische Dimension von Rassismus aus. Die Fachzeitschrift „Überblick“ stellt fest: „Es existiert keine historisch verwurzelte Ideologie, die weißen Menschen Minderwertigkeit attestiert, allein weil sie weiß sind.“

„Weiß“ meint hier nicht einfach nur Hautfarbe, sondern eine gesellschaftliche Position – eine, die in rassistisch strukturierten Gesellschaften meist als Norm gilt. Koloniale Gewalt, Rassenlehre und die Erzählung angeblicher „weißer Überlegenheit“ haben sie historisch legitimiert.

Rassismus ist mehr als eine Beleidigung

Auch weiße Menschen können „strukturelle und institutionelle Formen von Diskriminierung“ erleben, weil sie beispielsweise queer sind, jung (Adultismus) oder älter (Ageismus). Und das muss man ernst nehmen. Aber weiße Menschen benachteiligt kein System, nicht auf dem Wohnungsmarkt, in der Schule, im Gesundheitssystem, im Arbeitsleben oder bei Sicherheitsbehörden.

Genau das aber behauptet der britische Rechtsextremist Tommy Robinson: Staatliche Institutionen, die Medien, Polizist*innen – alle würden darin trainiert, Weiße zu hassen. Und diese Erzählung greifen viele extrem Rechte auf. Einer ist der Identitäre Martin Sellner. Auf X schreibt er:

Weltweit sehen sich europäische und weiße Menschen mit der Wahrheit konfrontiert. Sie leben in einem feindseligen, gegen Weiße gerichteten, System, das sie unterdrückt, während sie demografisch ausbluten. Wir alle sind Henry Nowak. Wir alle liegen in Handschellen. Wir alle müssen aufwachen und uns erheben.

Martin Sellner auf X

Der Trick: Opferumkehr

Was Robinson und Sellner hier machen – und was auch hinter der Parole „White Lives Matter“ steckt – ist Opferumkehr und Abwertung. Die Logik: Nicht Schwarze Menschen und People of Color erleben ein spezifisches Gewalt- und Machtverhältnis, sondern Weiße. Weil sie angeblich zu Opfern antirassistischer Maßnahmen werden.

Wer Rassismus kritisiert, wird in dieser Logik selbst als rassistisch dargestellt. Wer über weiße Privilegien spricht, schürt angeblich Hass gegen Weiße und wer institutionellen Rassismus abbauen will, gilt als Teil eines „anti-weißen Systems“.

Die Effekte: Historisch gewachsene Hierarchien und rassistische Strukturen geraten aus dem Blick. Gleichzeitig soll die Erzählung einer angeblichen Unterdrückung mobilisieren – „wir alle müssen aufwachen und uns erheben“. 

Und was antwortest du jetzt, wenn jemand „Rassismus gegen Weiße“ sagt?

Geh nicht sofort in die Empörung. Kläre zuerst, worüber ihr sprecht: Meint dein*e Gegenüber eine Beleidigung? Einen konkreten unfairen Umgang? Oder behauptet sie ein gesellschaftliches System, das Weiße benachteiligt, weil sie weiß sind?

Fragen stellen:

Die Fachzeitschrift „Überblick“ greift eine Checkliste der Antirassismus-Trainerin Tupoka Ogette auf. Sie hilft, den Kontext einer Aussage zu prüfen: Geht es um eine Beleidigung oder um Rassismus als historisch gewachsenes Machtverhältnis? Entscheidend ist nicht nur, ob etwas abwertend klingt, sondern ob es Geschichte, Ideologien und Strukturen gibt, die eine Gruppe systematisch benachteiligen.

  • „Gibt es eine historische Komponente wie Versklavung, Kolonialismus oder Genozide?“
  • „Gibt es eine strukturelle oder institutionelle Ebene – etwa Schulbücher, Gesetze, Behörden, Gesundheitssystem, Rechtssystem? Welche Institution behandelt weiße Menschen systematisch schlechter, weil sie weiß sind?“
  • „Gibt es eine Ideologie, die diese Abwertung legitimiert?“
  • Und: „Ist diese Erzählung gesellschaftlich verinnerlicht?“

Faktisch antworten:

  • „Der Fall Henry Nowak muss aufgeklärt werden. Er zeigt sehr wahrscheinlich einen konkreten Fall von Polizeiversagen. Aber er belegt kein anti-weißes System.“
  • „Rassismus ist mehr als Beleidigung. Er wirkt historisch, strukturell und institutionell – etwa in Schule, Behörden, Medien, Wohnungsmarkt oder Polizei. Deshalb ist eine Beleidigung wie ‚Kartoffel‘ kein Rassismus.“
  • „Es gibt Formen von Rassismus, die Menschen treffen können, die als weiß gelesen werden – etwa Antislawismus gegen Menschen ost- oder südosteuropäischer Herkunft. Das heißt aber nicht: Sie werden rassistisch abgewertet, weil sie weiß sind. Sondern: Sie werden abgewertet, obwohl sie als weiß gelten können.“

Normativ antworten:

  • „Ich finde, wir sollten Polizeiversagen aufklären, ohne daraus Hass gegen Minderheiten zu machen.“
  • „Wer aus einem konkreten Tod ein ‚Wir gegen die‘ macht, hilft weder den Angehörigen noch der Aufklärung – sondern macht Propaganda.“

Egal welchen Weg du wählst: Die Erzählung vom „Rassismus gegen Weiße“ sollte nicht unwidersprochen bleiben. Was wie der Wunsch nach Gleichbehandlung klingt, wertet Kritik an Rassismus ab und festigt ein hierarchisches System.

Autor*innen

Johannes Giesler und Maria Timtschenko sind ausgebildete Journalist*innen. Seit 2023 schreiben sie gemeinsam den Newsletter „Wie Rechte reden“, in dem sie einmal pro Woche rechte bis rechtsextreme Aussagen analysieren. Dabei nehmen sie vor allem die zugrunde liegenden Narrative, Hintergründe und Strategien in den Blick. Regelmäßig laden sie Expert*innen für Interviews und Gastbeiträge zu ausgewählten Themen ein. Außerdem geben sie Workshops zum journalistischen Umgang mit der Neuen Rechten. Im Campact-Blog zeigen sie anhand konkreter Beispiele, wie Menschen auf demokratiefeindliche Aussagen reagieren können. Alle Beiträge

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