Manche sammeln Wissen – andere versuchen, es nutzbar zu machen. Der Think Tank gegen Rechtsextremismus von Campact will beides: wissenschaftliche Expertise bündeln und gleichzeitig sicherstellen, dass sie dort ankommt, wo sie gebraucht wird – in der engagierten Zivilgesellschaft. Ella ist Teamleiterin des sogenannten TTRex.
Campact-Team: Bevor wir tiefer ins Gespräch reingehen, erzähl doch mal: Wer bist Du? Und warum arbeitest Du bei Campact?
Ella: Mein Name ist Ella Müller und seit letztem Herbst leite ich den TTRex, Campacts Denkfabrik gegen Rechtsextremismus. Davor habe ich in Washington für die Heinrich-Böll-Stiftung gearbeitet und dort deren transatlantisches Demokratieprogramm geleitet. Nach der Wiederwahl von Trump, 2024, haben wir uns als Familie dazu entschlossen, die USA zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren.
Warum interessierst Du dich für Rechtsextremismus?
Ich bin Historikerin und habe mich lange mit der Radikalisierung von konservativen und rechten Akteuren und Bewegungen beschäftigt. In meiner Promotion ging es um die Radikalisierung der Republikanischen Partei in den USA gegen die Klimapolitik. Dabei habe ich mich immer wieder gefragt: Warum bekämpfen diese Menschen so dogmatisch, so radikal und erbarmungslos die Klimabewegung? Was treibt diese Radikalisierung an und was ist das politische Projekt, das dahintersteckt?
Aus der Theorie wollte ich Praxis machen. Während meiner Zeit in den USA durfte ich sehr intensiv mit Menschen aus der progressiven und liberalen Zivilgesellschaft zusammenarbeiten und habe dabei unglaublich viel über politisches Engagement unter schwierigen politischen Bedingungen gelernt. Aber auch über gesellschaftliche Bündnisarbeit über soziale, kulturelle und politische Unterschiede hinweg.
Was können wir aus den USA lernen?
Welche Entwicklungen hast Du vor Ort beobachten können?
Im November 2020 wurde Trump zwar abgewählt – aber es ist den demokratischen Kräften nicht gelungen, Trump und seine Leute für all die Korruption und Skandale seiner ersten Präsidentschaft zur Rechenschaft zu ziehen. Auch umfassende Reformen des politischen Systems blieben aus. Die MAGA-Bewegung war weiterhin intakt. Und das radikalisierte rechte Establishment nutzte die Biden-Jahre, um sich in aller Ruhe zu sortieren und das politische Projekt noch weiter zu schärfen. Das Ergebnis zeigte sich 2024: Wir alle mussten erleben, wie Trump wiedergewählt wurde.
Wie konnte es so weit kommen? Was treibt die radikale Rechte an? Und: Was haben demokratische Akteure und die Zivilgesellschaft in den USA versäumt? Diese Fragen beschäftigen mich seitdem. Als wir uns dann entschieden, die USA zu verlassen, entstand daraus ein ganz starker Impuls: Ich möchte mit allem, was ich gesehen und gelernt habe, dazu beitragen, dass es in Deutschland nicht so weit kommt.
War das der ausschlaggebende Punkt für den TTRex?
Ja, und dazu mein wissenschaftlicher Hintergrund. Denn wir haben in Deutschland – aber auch international – eine sehr breite, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus. Wissenschaftler*innen, die sich fragen, was sich eigentlich in den letzten zwei Jahrzehnten gesellschaftlich und politisch verschoben hat. Denn um effektiv gegen Rechtsextremismus ankämpfen zu können, müssen wir genau verstehen, was hinter diesen Bewegungen steckt.
Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse und neuen Perspektiven sind für die politische Arbeit und die Zivilgesellschaft natürlich absolut relevant. Das Problem ist: Dort kommen sie nicht immer rechtzeitig an. Genau hier funktioniert der TTRex als eine Art Scharnier.
TTRex in Kanada
Inwieweit profitiert ihr dabei von der internationalen Vernetzung mit anderen Organisationen?
Sehr! Campact ist schon lange international vernetzt und wir tauschen uns sehr offen mit Mitstreiter*innen in anderen Ländern aus. Viele dieser Personen, Organisationen und Netzwerke haben im Moment uns gegenüber einen Erfahrungsvorsprung. Beispielsweise Österreich, Polen, die USA oder Ungarn – weil dort schon länger autoritäre Kräfte an der Macht sind oder waren. Das ist ein Erfahrungsschatz, aus dem wir lernen können und auch sollten.
Eines eurer Vernetzungstreffen fand im Mai in Toronto statt. Wie können wir uns so ein Treffen vorstellen?
Wir haben uns mit kleinen zivilgesellschaftlichen, aber progressiven und demokratischen Delegationen aus Ungarn, Österreich und den USA in Kanada getroffen.
Mit dabei waren Menschen, die jahrelang Widerstand gegen Orbán in Ungarn geleistet haben oder seit 2017 an vorderster Front Protest gegen Trump organisieren. Oder im Wahljahr 2024 versucht haben, Organisationen aus der Zivilgesellschaft auf eine zweite Trump-Amtszeit vorzubereiten.
Wir haben viele Gespräche geführt: Über Fehleinschätzungen in der Vergangenheit, wegen mangelnder Vorstellungskraft oder Wunschdenken. Über Aufgaben und Verantwortung einer Zivilgesellschaft. Oder auch, wie wichtig zum Beispiel eine gute Rollenverteilung innerhalb eines demokratischen Lagers ist. Das waren häufig keine leichten Gespräche – aber die Eindringlichkeit, Offenheit und Großzügigkeit mit der andere Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen ihre Erfahrungen und Lehren mit uns geteilt haben, hat mir sehr imponiert.
„Das Trump-Regime hat niemanden geschont“
In welchen Gesprächen habt ihr gemerkt, was die deutsche Zivilgesellschaft vielleicht schon verpasst hat?
An der ein oder anderen Stelle haben uns Teilnehmende gespiegelt: Eigentlich seid ihr spät dran. Wir haben also viel über institutionelle und gesellschaftliche Vorbereitungen gesprochen, beispielsweise mit den amerikanischen Teilnehmer*innen. Die haben sich 2024 zwar konkret darauf vorbereitet, dass Trump gewinnen könnte – aber den nachfolgenden Angriff des MAGA-Regimes auf Stiftungen, Universitäten und NGOs massiv unterschätzt.
Gerade die etablierten Institutionen, die in den USA Zugang zu teilweise gewaltigen finanziellen, kulturellen und politischen Ressourcen haben, fühlten sich damals sehr sicher. Viele gingen davon aus, die Trump-Regierung würde erstmal auf die kleinen und vulnerablen Organisationen losgehen. Das Trump-Regime hat niemanden geschont.
Aber es hat bei unseren internationalen Gesprächspartner*innen auch Eindruck hinterlassen, dass es uns in Deutschland bisher gelungen ist, die AfD aus der Regierungsverantwortung fernzuhalten. Und immer wieder demokratische Koalitionen zu schließen. Viele konnten sich auch an die großen Proteste im Januar 2024 in Deutschland erinnern.
Häufig kündigen Autokraten an, was sie vorhaben. In den USA beispielsweise mit „Project 2025“. Warum veröffentlicht eine autokratische Bewegung ihren Plan?
Wir wissen inzwischen: Autoritäre Bewegungen erscheinen auch deshalb für viele Menschen in liberalen Demokratien so erfolgreich, weil sie permanent Stärke und einen radikalen Durchsetzungswillen propagieren. Sozusagen nach dem Motto: „Wir wissen was wir tun und wie wir dorthin kommen“.
Es ist wichtig, dass demokratische Kräfte diese Behauptung von Allmacht kritisch hinterfragen und nicht einfach nur reproduzieren. Denn auch das spielt autoritären Bewegungen in die Karten.
Project 2025 hatte einerseits eine wichtige Bedeutung für die radikale Rechte im Wahljahr. Andererseits war es auch eine Einschüchterungs- und Überwältigungsstrategie, die durchaus Wirkung hatte. Aber die Tatsache, dass vor allem der programmatische Teil von Project 2025 über weite Strecken heillos durcheinander und in sich widersprüchlich war, fand nur wenig Beachtung.
Nicht einschüchtern lassen
Immer häufiger fällt in diesem Zusammenhang der Begriff „autoritäres Playbook“. Also, dass Autokraten sozusagen nach „Schema F“ agieren würden. Was hältst Du davon?
Autoritäres Playbook ist ein Begriff aus der Politikwissenschaft (Steven Levitsky/Lucan Way) und beschreibt ein analytisches Muster. Das zeigt sich, wenn radikale, rechte Bewegungen in Demokratien regieren. Für uns ist das also extrem hilfreich, wenn wir verstehen wollen, wie radikale Rechte mit Macht in demokratischen Systemen umgehen.
Aber am Beispiel der USA sehen wir auch: Ein „Playbook“ oder Plan allein bedeutet nicht, dass die radikale Rechte ihr Ziel vom autoritären Umbau unserer liberalen Gesellschaften auch erreichen kann. Wichtig ist, dass wir solche Playbooks als Ressource nutzen – um zu verstehen, was autoritäre Kräfte wollen und wie sie glauben, das erreichen zu können. Und uns gleichzeitig davon nicht einschüchtern lassen.
Wo siehst Du hier mögliche Parallelen zur AfD?
Auch in Deutschland macht die AfD schon lange keinen Hehl mehr aus ihren autoritären Umbaufantasien und preist ihr Wahlprogramm sehr offensiv an. Es soll der Eindruck entstehen, die AfD weiß genau, was sie will und wie sie das erreichen kann. Hier als Zivilgesellschaft die Balance zu finden – zwischen ernst nehmen, hinschauen, sich damit auseinandersetzen und gleichzeitig nicht verängstigen lassen oder deren Behauptungen zu reproduzieren – das ist schwierig. Ich glaube, das können Menschen, die sich in Sachsen-Anhalt und Thüringen jenseits der AfD politisch engagieren, bestätigen.
Was kannst Du tun?
Der TTRex arbeitet nicht nur in der Theorie, sondern mit konkreten Handlungsempfehlungen. Wo kann die Zivilgesellschaft im Alltag ansetzen?
- Deutschland hat eine liberale und progressive Zivilgesellschaft, die von unglaublich vielen Menschen in ganz Deutschland getragen wird. Die Schärfe, mit der ein Teil dieser Zivilgesellschaft inzwischen von der AfD diffamiert und angegriffen wird, bestätigt die Bedeutung unserer Zivilgesellschaft. Es ist wichtig, dass wir sichtbar und hörbar bleiben und uns nicht einschüchtern oder verunsichern lassen.
- Öffentlicher Protest ist so wichtig! Wir müssen zeigen: Deutschland hat eine demokratische Mehrheit. Schließ Dich Demonstrationen an und protestiere. Unterschreibe Petitionen, such das Gespräch mit Deinen Abgeordneten auf Landes- und Bundesebene. Unterstütze diejenigen, die sich für Demokratie, Menschenrechte und Menschenwürde einsetzen.
- Selbst mit der AfD im Nacken ist die Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern lebendig, wehrhaft und mutig – und gerät massiv ins Visier der Rechten. Deshalb brauchen zivilgesellschaftliche Organisationen Deine Unterstützung. Zum Beispiel durch den NoAfD-Fonds, mit dem Campact Spenden an mutige Initiativen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern verteilt. Damit kannst Du auch aus der Entfernung die demokratische Zivilgesellschaft vor Ort direkt stärken.
Die AfD ist eine rechtsextremistische Partei – und verfassungswidrig. Das belegt das neue Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) auf 1.500 Seiten. Ein Antrag auf ein AfD-Parteiverbotsverfahren hätte damit gute Aussichten auf Erfolg. Die Bundesregierung muss ein solches Verbotsverfahren endlich anstoßen. Dafür brauchen wir Deine Unterstützung!