Das „meistgehasste Baby der Nation“: So bezeichneten Nutzer*innen auf Social-Media-Plattformen das ungeborene Kind des belgischen Nationalverteidigers Jérémy Doku. Der werdende Vater erwog öffentlich, von der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer zurück nach Europa zu fliegen. Er wollte bei der Geburt seines Kindes dabei sein. Zeitgleich wurden auch andere Spieler Vater – ohne das Turnier zu verlassen. Statt Doku zu kritisieren, sollten wir fragen, warum sie nicht bei ihren Frauen und ihren Kindern waren.
Doku, Østigård und Kim: Zur Geburt nach Hause fliegen – oder nicht?
In Belgien und weltweit entstand eine hitzige Debatte um die Entscheidung Jérémy Dokus. „Hunderte Fußballspieler [würden] alles geben […], um in dieser Position zu sein.“ Die Sportjournalistin France Pierron warf Doku vor, der Vater hätte bei der Geburt ohnehin nur eine „Statistenrolle“. Viele Teamkollegen und der belgische Fußballverband solidarisierten sich dagegen mit Doku: Die Geburt wäre der wichtigste „Assist“ seines Lebens.
Jérémy Doku ist nicht der einzige frisch gebackene Vater der WM: Auch der norwegische Spieler Leo Østigård und der Südkoreaner Kim Seung-Gyu wurden während der Vorrunden-Phase Väter. Beide blieben beim Turnier und verpassten die Geburten ihrer Kinder – ohne jeden Kommentar. Wessen Verhalten als diskussionswürdig gilt, zeigt, was wir für „normal“ halten und was nicht: Der anwesende Vater Doku wird zwar toleriert und teilweise sogar beglückwünscht. Als normal aber gelten die abwesenden Väter Kim und Østigård.
Väter dürfen abwesend sein, weil Mütter anwesend sein müssen
Dass Väter in der Vorstellung vieler Menschen abwesend sein dürfen, liegt auch daran, dass Mütter zu 100 Prozent anwesend sein müssen. Sobald ein Kind im Raum steht, gilt die Mutter als zuständig für seine Betreuung und sein Wohlergehen. Viele Paare fallen dann in traditionelle Rollenbilder zurück – selbst wenn sie zuvor partnerschaftlich lebten. Im schlechtesten Fall gelten diese Rollen sogar als biologisch bestimmt und „instinktiv“.
In ihrem Buch „Mythos Mutterinstinkt“ zeigen die Journalistinnen Annika Rösler und Evelyn Höllrigl Tschaikner, dass es diesen „Mutterinstinkt“ nicht gibt: Mütter verändern ihr Verhalten – genauso wie Väter – erst durch die Beschäftigung mit ihrem Baby. Instinktiv unterscheiden sich beide kaum. Die Gesellschaft setzt die Unterschiede: Sie bestimmt, welches Verhalten als normal und wünschenswert gilt und welches als abweichend.
Die Norm: Die Mutter ist für das Kind zuständig
Nicht nur die mediale Debatte um Dokus Verhalten setzt die Norm, dass die Mutter für die Kinder zuständig ist. Auch alltägliche Kommentare tun das immer wieder. Seit mein Partner und ich Eltern sind, erleben wir das regelmäßig: Erst gestern fragte die Verkäuferin in der Bäckerei meinen Partner mit unserem drei Monate alten Baby, wo denn die Mutter sei – das Kind wäre doch ohne Söckchen etwas frisch angezogen. Gemeint war: Ich als Mutter bin dafür zuständig, das Baby richtig anzuziehen. Und: Warum ist der Vater überhaupt alleine mit dem Kind unterwegs?
Mit Blick auf die Zahlen muss ich leider eingestehen: Solche Kommentare spiegeln die Normalität in Deutschland wider. Laut einer Erhebung des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2023 ordnen sich nur gut die Hälfte der Väter Idealtypen zu, die sich gleichberechtigt am Familienleben beteiligen wollen. In der Realität aus Arbeitsverhältnissen und Lebensgestaltung sind es noch einmal weniger, die die Hälfte der Betreuungszeit mit ihren Kindern verbringen.
Die Frage müsste heißen: Warum sind Østigård und Kim nicht geflogen?
Aktive Väter sind leider noch immer nicht die Norm. Ein herber Verlust. Denn es kostet Väter die Chance, zentrale Sozialkompetenzen auszubilden. Es lässt zudem die Mütter zu häufig allein mit der Sorge um die Kinder – auch auf Kosten ihrer finanziellen Unabhängigkeit. Vor allem aber schadet es den Kindern: Studien belegen, dass sich Kinder emotional und kognitiv besser entwickeln, wenn sie ihren Vater zu Hause aktiv erleben. Wir sollten also nicht darüber diskutieren, warum Jérémy Doku zur Geburt seines Sohnes nach Hause flog. Wir sollten fragen: Warum blieben Leo Østigård und Kim Seung-Gyu beim Turnier?