Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass vergangenen Sommer vier Männer in Soest (NRW) eine obdachlose Frau mit Versprechen für Essen und Unterkunft in eine Wohnung hineinlockten. Dort folterten und vergewaltigten sie sie, über Monate hinweg. Erst im Spätherbst bemerkte ein Nachbar die leblos wirkende Frau auf der Terrasse des Reihenhauses, am 3. November rief er die Polizei. Die Frau befand sich im lebensbedrohlichen Zustand und musste monatelang im Krankenhaus behandelt werden.
Nur wenige Wochen, bevor die Frau entdeckt wurde, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): „Es wird in Deutschland niemand obdachlos. Jeder, der eine Wohnung oder ein Dach über dem Kopf braucht, bekommt ein Dach über dem Kopf. Aber diejenigen, die gar nicht mitwirken, die sich nicht einmal melden beim Jobcenter, von denen müssen wir doch davon ausgehen, dass sie die Hilfe des Sozialstaates nicht brauchen.“
Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit war die obdachlose Frau bereits gefangen in der Wohnung in Soest, während Friedrich Merz uns gewiss machen wollte, Obdachlosigkeit sei eine Entscheidung. Ob seine Worte den Tätern dabei geholfen haben, ihr Gewissen zu bereinigen? Jedenfalls ist diese zeitliche Parallelität unerträglich.
Das Märchen von der freiwilligen Obdachlosigkeit
Sagen wir es einmal klar und deutlich: Es ist ein Märchen, dass obdachlose Menschen in Deutschland freiwillig obdachlos sind. Dass sie obdachlos sein wollen. Zu sagen, Betroffene einer bestimmten Diskriminierung oder Gewalt hätten es doch so gewollt, ist Victim Blaming. Und indem man die Schuld auf das Opfer abwälzt, stellt man strukturelle Ursachen nicht infrage.
Die Ursachen von Obdachlosigkeit haben sich nicht geändert. Dennoch möchte ich das Grauen in Soest zum Anlass nehmen, erneut nachzufragen: Was muss sich ändern, damit wir als Gesellschaft allen Schutz, Sicherheit und Geborgenheit gewährleisten können?
Deutschland missachtet ein Menschenrecht
Ein Bundeskanzler, der sagt, Obdachlose würden es sich selbst so aussuchen, sorgt dafür, dass sich diese Vorurteile innerhalb der Bevölkerung zementieren. Das schürt und normalisiert Gewalt gegen Obdachlose. Solche Momente zeigen unmissverständlich, dass Friedrich Merz für seinen Job nicht qualifiziert ist.
Denn Wohnen ist ein Grundbedürfnis, ein Menschenrecht und unverzichtbar für das menschliche Überleben. Obdachlosigkeit verstößt gegen dieses Menschenrecht und verletzt die Menschenwürde. Wenn wir Wohnraum als gewinnbringende Ware von Anlegern und Investoren betrachten, dann führt das zu Missständen und Rechtsverletzungen – Wohnen wird zum Privileg.
Wir fühlen uns nicht verantwortlich
Worte wie die von Merz sollen einerseits die menschenfeindliche Politik der Bundesregierung rechtfertigen, die sich in der neuen „Grundsicherung” oder schärferen Sanktionen für Arbeitslose zeigen. Und sie sorgen andererseits dafür, dass wir als Gesellschaft gespalten werden. Wir interessieren uns nicht für das Wohlbefinden obdachloser Menschen – weil wir uns nicht angesprochen oder verantwortlich fühlen. Sie haben sich ja – laut Merz – selbst für diese Situation entschieden. Sie sind also “selbst dran Schuld”.
Vor allem führt es aber zu dem Irrglauben, selbst niemals obdachlos werden zu können. Solange man es selbst nur nicht will. Rein rechtlich gesehen sind wir alle aber meist nur zwei fehlende Kaltmieten von einer fristlosen Kündigung entfernt.
Was müssen wir aus Soest lernen?
Viele sind über das Verbrechen in Soest entsetzt. Aber Entsetzen reicht nicht mehr aus. Es muss ein systemischer Wendepunkt sein. Und dafür brauchen wir unbequeme Fragen:
Was passiert mit einer Gesellschaft, deren Mitglieder sich nicht füreinander verantwortlich fühlen?
Sie werden leichte Beute. Wir sind nämlich aufeinander angewiesen und füreinander verantwortlich – auch wenn uns etwas anderes vermittelt wird. Eine Frau ist extrem erpressbar, wenn sie gleichzeitig obdachlos ist. Wir brauchen Frauenhäuser, finanziell und personell gestärkt, und solide Strukturen für aufsuchende Sozialarbeit. Und wir brauchen ausreichend bezahlbaren Wohnraum.
Was machen wir als Gesellschaft falsch, dass Minderjährige zu solchen brutalen Handlungen fähig sind?
Zwei der insgesamt vier angeklagten Männer des Falls aus Soest sind minderjährig. Das bedeutet: Im Stich gelassene und zu Täter*innen gemachte Kinder, die nicht mit einer guten Zukunft rechnen können. Wir brauchen Konzepte transformativer Gerechtigkeit und systemische Täter*innenarbeit.
Wie können wir solche Wunden heilen?
Wir brauchen Gesundheitsversorgung für alle. Wir müssen hinsehen, etwas sagen und sicher sein, dass alle Anliegen gehört und verstanden werden. Dazu die Gewissheit, von der Gesellschaft aufgefangen zu werden. Nur so können wir sicherstellen, dass solche Taten nie wieder stattfinden.