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Erst noch die neusten Beauty-Tipps von Drogerien und Kosmetikherstellern, dann menschenverachtende Hetze, und am Ende noch ein paar Lebensmittel-Angebote von großen Supermarktketten – so kann ein ganz normaler Nachmittag auf der Videoplattform Youtube aussehen. Eine Schwarmrecherche von Campact hat herausgefunden: Hunderte Unternehmen lassen ihre Werbung vor Videos von Hetzkanälen ausspielen. Ihre Produkte landen damit in einen Umfeld, in dem sie vielleicht gar nicht gesehen werden wollen – und helfen AfD-nahen Youtubern noch.

Youtube: Spielwiese für die AfD

Wie konnte es dazu kommen? Youtube ist im Jahr 2005 als kleine Plattform für persönliche Videos gestartet, um sie mit Freund*innen und Familie auf der ganzen Welt teilen zu können. Davon sind wir inzwischen weit entfernt: Heute ist Youtube eine professionalisierte Plattform mit hochwertig produzierten Videos und Milliarden Klicks jedes Jahr. 

Die Unterhaltungsplattform ist mittlerweile eine Werbemaschine, mit der Menschen viel Geld verdienen können – und wichtige Spielwiese von rechtsextremen Akteuren. Neben lustigen Katzenvideos und Videospiel-Gameplay haben sich dutzende Kanäle etabliert, die mit menschenverachtenden Inhalten Millionen Klicks erzielen. Sie verbreiten Falschinformationen, hetzen gegen Migrant*innen und die demokratische Zivilgesellschaft oder bewerben offen die AfD – und beeinflussen Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. 

Rechtsextreme Netzwerke nutzen Youtube gezielt für sich. Die AfD bemüht sich seit Jahren speziell um die Gunst von verbündeten Youtubern und investiert aktiv in die Vernetzung mit extrem rechten Influencer*innen auf der Plattform. Mit professionellen Videos erreichen die AfD-nahen Hetzer*innen Millionen Menschen – und bereichern sich dabei teilweise sogar. Sie sammeln Spenden von Zuschauer*innen, verdienen Geld mit Produktplatzierungen – und auch mit Werbung von namhaften Unternehmen.

Die größte Bedrohung für unsere Demokratie geht derzeit vom Rechtsextremismus aus. Dabei hat sich Youtube zu einer wichtigen Radikalisierungsplattform für die extreme Rechte entwickelt. Wenn Werbung Hass und Hetze mitfinanziert, läuft etwas schief. 

Friederike Gravenhorst, Teamleitung Kampagnen

Wie verdienen Youtuber Geld mit Werbung? 

Youtube-Werbung funktioniert über die Plattform Google Ads, mit der Unternehmen bezahlte Videoanzeigen vor regulären Videos schalten können. Für Firmen und Marken ist das einfacher, als den direkten Kontakt mit Youtubern zu suchen. Sie müssen nur verschiedene Eckdaten ihrer gewünschten Zielgruppe eingeben, sogenannte Zielgruppen-Parameter. Das können zum Beispiel Alter, Geschlecht, Region, oder bereits bekannte Vorlieben für Produkte oder Marken sein. Davon ist abhängig, wem die Werbung tatsächlich ausgespielt wird.

Der Algorithmus platziert dann automatisch die Werbung in Videos, die diesen gewählten Zielgruppen-Parametern entsprechen. Unternehmen können also nicht aktiv bestimmen, wo ihre Werbung läuft. Doch sie können entscheiden, wo ihre Werbung nicht laufen soll. Dafür gibt es Sperrlisten, sogenannte Blacklists. Dort aufgeführte Kanäle schließt der Algorithmus aus.

Wie viel Geld gibt’s pro Klick? 

Wie viel Geld ein Youtuber mit Werbung verdienen kann, ist sehr unterschiedlich. Dabei geht es nach dem sogenannten RPM (Revenue per Mille): Bezahlt wird nach jeweils 1.000 Aufrufen beziehungsweise angesehener Werbung. Der RPM hängt unter anderem von den Zielgruppen-Parametern ab. Finanz-, Tech- und Business-Themen bringen beispielsweise mehr Geld, weil in der dortigen Zielgruppe eine höhere Kaufkraft vermutet wird.

Aber: Nicht alle Kanäle auf Youtube verdienen Geld mit ihren Videos. Zuerst müssen die Kanalbetreiber*innen Zugang zum Partnerprogramm bekommen. Dieses ermöglicht es, Geld mit Videos zu verdienen. Dafür notwendig: mindestens 1.000 Abonnent*innen und eine hohe Wiedergabezeit bei ihren Videos vorweisen können. Außerdem spielen Faktoren eine Rolle, die die Plattform nicht immer transparent macht. Nicht alle der von Campact ausgewählten Hetzkanäle verdienen direkt Geld mit der vorgeschalteten Werbung. Die Clips dieser großen Firmen verschaffen ihnen aber indirekte Legitimation, die Inhalte werden so normalisiert. 

Werbung dutzender namhafter Unternehmen

Unsere Recherche weist nun auf rund 90 relevante Unternehmen hin, deren Werbung mehrfach auf Hetzkanälen gemeldet wurde. 

Kein Unternehmen würde freiwillig sein Logo neben Hass, Hetze und Verschwörungstheorien aufhängen. Auf Youtube passiert genau das – und zwar jeden Tag. Dabei sind Unternehmen dem Youtube-Algorithmus nicht hilflos ausgeliefert. Sie können Hetzkanäle bei der Werbeschaltung ausschließen. Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen – ihre Werbebudgets dürfen nicht dazu beitragen, Kanäle zu finanzieren, die Hass und Hetze verbreiten.

Friederike Gravenhorst, Teamleitung Kampagnen

Durch die automatisierte Ausspielung der Werbeinhalte wissen Unternehmen oft nicht, dass ihre Werbung vor Hass und Hetze läuft – bislang. Campact informierte die Unternehmen darüber und rief sie zum Handeln auf. 

30 Unternehmen leiten Schritte ein 

Mit Erfolg: Innerhalb der ersten Woche zogen bereits knapp 30 Unternehmen Konsequenzen und kündigten an, dass sie die Kanäle auf ihre Sperrlisten setzen oder diesen Schritt zumindest prüfen – dazu gehören: Aldi Süd, Kleinanzeigen, Indeed, XXXLutz, DEVK, Constantin Film, Wolt, Bergfreunde, Immowelt, Euronics, Axa, Berliner Wasserbetriebe, Milram, dm, Immoscout, Edeka, Flixtrain, Bifi und Klosterfrau. 

Neun Unternehmen haben angekündigt ihre Sperrliste nach unseren Hinweisen zu prüfen: Miniatur Wunderland, LG Electronics, Krombacher, Sparkasse, Sumup, Lenor, Rewe, Booking und Samsung. 

In unserer Recherche wurde allein Kleinanzeigen über 1.200 Mal genannt. Dass gerade sie als Unternehmen mit scheinbar hohem Werbebudget für Youtube sich zu verantwortungsvoller Werbung bekennen, ist ein großer Erfolg und Vorbild für andere Unternehmen.

Maura Magni, Campaignerin

Was es bewirken kann, Unternehmen auf die Inhalte ihrer Werbepartner aufmerksam zu machen, zeigt diese Kampagne:

So haben wir die Kanäle ausgewählt

Ziel der Campact-Recherche war, besonders einflussreiche AfD-nahe Kanäle auf Youtube zu identifizieren. Dafür wählte das Rechercheteam rund 60 Hetzkanäle auf Youtube aus, die Werbung vor ihren Videos schalten. Dabei waren kleinere Kanälen mit etwa 10.000 Abonnent*innen bis zu großen mit bis zu 800.000 Abonnent*innen. 

Vor allem solche Kanäle kamen in die Auswahl, die systematisch gegen Minderheiten hetzen, Falschinformationen verbreiten, oder die rechtsextreme AfD bewerben. Rund 15.000 Menschen beteiligten sich an der Recherche. 

Wie eine Schwarmrecherche den Unterschied macht 

In einem von Campact eigens entwickelten Online-Tool konnten die Teilnehmenden der Schwarmrecherche angeben, welche Werbung ihnen vor dem einem zufällig ausgewählten Video der Hetzkanäle angezeigt wird. Tausende Menschen in ganz Deutschland haben dafür ihre Zeit zur Verfügung gestellt und meldeten knapp 40.000 Werbeanzeigen. So entstand ein breites Bild davon, welche Unternehmen auf diesen Kanälen mit Werbung auftauchen. Mit Tausenden Unterstützer*innen konnte Campact so erfolgreich gegen Hass und Hetze im Netz aktiv werden. Vielen Dank!

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