Wie kann es sein, dass wir immer noch in Zeiten leben, in denen man mit Entmenschlichung und Rassismus Punkte sammelt – und jene, die sich empathisch zeigen, die „Buuh“-Rufe ernten?
Denn es hätte ein entspannter Badetag werden können für schwarze Kinder und Jugendliche in Berlin. Die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz hatte mit dem Verein Each One Teach One (EOTO) geplant, das temporär eingerichtete Freiluft-Schwimmbecken schwarzen Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 6 und 14 Jahren zur Verfügung zu stellen.
Eine geschlossene Veranstaltung für acht Stunden. Und im Einklang mit der Berliner Gesetzeslage, was die Leiterin der Ombudsstelle des Landesantidiskriminierungsgesetz extra noch einmal im Nachgang klarstellte. Als ich von der Aktion hörte, dachte ich: Toll!
Freibad, 30 Grad und Pommes: Maximale Freiheit
Als Tochter, die in einem Gastarbeiterhaushalt ohne finanziellen Spielraum aufwuchs, weiß ich, wie schwer es ist, unbeschwerte Sommer zu erleben. Urlaub ist für gesellschaftlich marginalisierte Menschen oft ein Fremdwort. Sommerferien waren für mich und meine Geschwister meist eines: Sechs Wochen Langeweile.
Tristesse, die man irgendwie füllen musste, zwischen der viel zu engen Wohnung, in der 14 Menschen zusammen lebten, und der urlaubsbedingt entleerten Nachbarschaft. Freibad, das ging nur mit dem Ferienpass, einem Angebot der Stadt Hannover für Kinder aus finanziell schwierigen Verhältnissen.
30 Grad, Schwimmen, Pommes rot-weiß: Das alles war maximale Freiheit für uns. Im Freibad waren wir wirklich mal kurz frei – von den vielen Erwartungen, die an uns gestellt wurden, von innen und außen. Von der eigenen Familie, von der Schule und von der Gesellschaft.
Shitstorm statt unbeschwerter Sommertag
Jedes Kind sollte ein Recht auf einen unbeschwerten Sommer – ja, ein leichtes Leben haben. Ein Stück davon hätte es an diesem besagten August-Freitag in Berlin für einige Kinder und Jugendliche geben können.
Es kam anders: Ein sozial-medialer shitstorm, losgetreten von einer CDU-Lokalpolitikerin, der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und rechts- bis rechtsextrem gerichteten Medien, brach sich Bahn: „Weiße dürfen nicht ins Schwimmbad!“, „Rassismus!“. EOTO und der Volksbühne wurde Gewalt angedroht. Die Veranstaltung konnte nicht stattfinden – weil man die Sicherheit der Kinder- und Jugendlichen sowie der Mitarbeiter nicht garantieren konnte.
Wir brauchen Safe Spaces
Stell dir vor, deine Identität ist so fragil, dass du Kinder bedrohen musst. Stell dir vor, du siehst direkt die Apartheid heraufziehen, wenn irgendwo im Land ausnahmsweise mal für ein paar Stunden – noch dazu während der Werktags-Kernarbeitszeit – deine Freiheit eingeschränkt ist, damit andere auch mal durchatmen können. Stell dir vor, du wetterst 364 Tage im Jahr gegen woke Identitätspolitik – und machst am Ende selber genau das: Identitätspolitik.
Durch die Mobilisierung von rechts entstand eine Situation, die rassistischer nicht sein kann: Schwarze Menschen mussten plötzlich im öffentlichen Raum Angst haben. Ein Beweis dafür, dass es safe spaces braucht, solange der status quo ist, wie er ist. „Volksbad“, das hat jetzt einen neuen Klang. Es steht die Frage im Raum: Wer gehört wirklich dazu?
Anti-schwarzer Rassismus?
Betroffene von (anti-schwarzem) Rassismus können sich selbst am besten verteidigen. So, wie Denise M‘baye oder Suraj Mailitafi, die Gegenrede geleistet haben. Sie haben in Erinnerung gerufen, dass anti-schwarzer Rassismus in Deutschland gang und gäbe ist – gerade in Freibädern:
Menschen mit schwarzer Hautfarbe werden hier häufig rassistisch angefeindet. Das sind Rassismuserfahrungen, die weiße Deutsche nicht machen. Ja, die auch ich als Kind von Gastarbeitern aus der Türkei nicht machen musste. Ich war „weiß genug“.
Einfach mal sein dürfen
Die Schauspielerin M’baye sagte in einem ihrer Videos, dass sie sich als Heranwachsende safe spaces gewünscht hätte. Weil alle Kinder um sie herum weiß waren. Sie habe häufig das Gefühl gehabt, die Ausnahme zu sein. Dass sie auf- und „aus dem Rahmen“ fällt.
Was macht das mit Kindern, mit Jugendlichen, über Jahre hinweg? Und wie ist es, wenn mal ausnahmsweise alle um einen herum so aussehen, wie man selbst? Man einfach mal sein darf, ohne Zuschreibungen und dieses Gefühl des Anders-Seins?
Was ist unsere Aufgabe?
Der Bedarf an safe spaces ist keine woke Laune aus Jux und Dollerei. Er steht am Ende einer Entwicklung und ist eine Reaktion: Auf eine Gesellschaft, die von jahrhundertealtem rassistischem und kolonialem Machtgefälle geprägt ist. Niemand kann diese Geschichte ungeschehen machen.
Deshalb ist es unsere Aufgabe, an der Seite der Betroffenen zu stehen. Haltung zu zeigen, uns zu positionieren und andere Lebensrealitäten zu verstehen. Und so gut es geht, an einer besseren Welt arbeiten.
Auch das tun wir mit unserer Bildungsbewegung GermanDream, wo wir viele Wertebotschafter*innen haben, die für anti-schwarzen Rassismus sensibilisieren. Die sich immer wieder selbst in die Bresche werfen, während sie weiter Rassismus erfahren. Das sollte eigentlich nicht ihr Job sein. Denn wir alle müssen für eine Gesellschaft ohne Rassismus einstehen!
Millionen von Menschen sind in Deutschland von Diskriminierung betroffen: auf der Arbeit, bei der Wohnungssuche, in Schulen, beim Arzt, im Supermarkt.
Eigentlich sollte das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) Menschen in Deutschland vor Diskriminierung schützen – allerdings geschieht das häufig nur auf dem Papier. Schließe Dich an und fordere den Deutschen Bundestag auf, das AGG endlich zu einem wirksamen Instrument zu machen.