Das Buch „Il Principe“ von Nicollo Machiavelli aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts steht für skrupellose Machtpolitik. Der Begründer des Faschismus, Benito Mussolini, war ein bekennender Anhänger seines Landsmannes Machiavelli. Daher vielleicht bezieht sich auch Björn Höcke immer wieder auf Machiavelli.
Andreas Kemper recherchiert als freischaffender Soziologe zu Netzwerken der Ungleichheit und analysiert deren Ideologien. Aktuell recherchiert er unter anderem zum Rechts’libertarismus‘ und totalitär-kapitalistischen Privatstadtprojekten. Im Campact-Blog schreibt er als Gast-Autor über seine aktuellen Recherchen und Beobachtungen.
Einer der wichtigsten rechten Think Tanks in Europa mit Verbindungen zur Heritage Foundation in den USA ist das Machiavelli Center for Political and Strategic Studies. Und auch der Berater von Donald Trump, Michael Anton, ist ein expliziter Machiavellist. So explizit, dass er in seinem berüchtigten Artikel aus dem Jahr 2016, kurz vor der ersten Wahl Trumps, im Untertitel und im letzten Satz sagte: Es werde sich mit dieser Wahl zeigen, wie viel „Virtù“ noch im amerikanischen Volk stecke. Anton bemühte in dem Satz die Metapher eines abstürzenden Flugzeuges (die US-Nation), und dass dessen Cockpit (Regierung) gestürmt werden müsse.
Machiavelli verstand im „Il Principe“ mit seinem zentralen Begriff „Virtù“ weniger die Tugend, als vielmehr („männliche“) Selbstermächtigung, Durchsetzungwillen und Wirkmächtigkeit im politischen Machtkampf. Michael Anton spielte unter Trump dahingehend eine wichtige strategische Rolle. Sein Kollege vom Claremonter Institute, John Eastman, riet eindringlich zur Nichtanerkennung der Wahl von Joe Biden. Und schließlich wurde dann ja 2020 tatsächlich das Regierungsgebäude (das Cockpit der abstürzenden Maschine) gestürmt. Laura K. Field unterstreicht in ihrem Buch „Furious Minds. The Making of MAGA New Right“ (Februar 2026), dass die „Claremonters“ den wichtigsten akademischen Zirkel bilden – wichtiger noch als die Postliberalen/ Neointegralisten, zu denen auch J.D. Vance gehört.
Über die Machiavelli-Bücher von Hölzig und Sloterdijk
Ich hatte bereits für Campact einen Beitrag zu Machiavelli geschrieben. Wenn ich jetzt noch einmal Machivelli thematisiere, dann hat dies nicht nur den Grund, dass ich nach wie vor denke, wir müssten Machiavellis „Il Principe“ richtig interpretieren, um die Faschisierung zu begreifen. Anlass ist auch das Erscheinen von zwei Büchern zu Machiavelli im deutschsprachigen Raum: Philipp Hölzig: „Republikanismus und Radikalismus. Politische Theorie nach Machiavelli“ und Peter Sloterdijk: „Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute“.
Ich hatte mir nicht viel versprochen von Peter Sloterdijks Buch. Aber da das Buch nun einmal „Spiegel Bestseller“ ist, habe ich die etwa 19 Euro ausgegeben, um das Buch über Machiavellis Aktualität möglichst schnell elektronisch überfliegen zu können. Ich habe nichts entdeckt, was interessant genug war, um in diesem Text zu landen. Schade um das Geld.
Spannender ist das Buch von Philipp Hölzing, welches bereits im letzten Jahr erschien. Hölzing sieht Machiavelli als einen Vorreiter des Klassenkampfes, sagte er zum Beispiel in einem Interview mit dem Magazin Jacobin. Ja, da würde ich mitgehen. Aber gerade weil er sich eigentlich progressiv gegen die Medici stellte, müsste geklärt werden, warum er sein Werk „Il Principe“ den Medici widmete.
„Il principe“: Von Trauma geprägt
Wie René König feststellte, weicht das Werk „Il principe“ des eigentlich aufgeklärten Republikaners Machiavelli von seinem sonstigen Schaffen ab. Auch das über Jahre geschriebene Werk „Discorsi“ zeigt eine Verlaufskurve: Die älteren Kapitel, unmittelbar nach der Folter geschrieben, wichen von der republikanischen Grundhaltung Machiavellis ab, zu der er in den später geschriebenen Kapiteln wieder zurückfand. Wenn sich jemand in einer sehr kurzen Zeitspanne um 180 Grad dreht und dann wieder zurück, dann ist das erklärungsrelevant.
Berücksichtigen wir, dass Machiavelli dieses dünne Büchlein unmittelbar nach seinen Folterungen mit verkrüppelten Händen schrieb. Es seinen Widersachern und Folterern widmete und sein Gefoltertwerden in dieser Handreichung nachträglich legitimierte. Berücksichtigen wir, dass er aus der Zelle Bettelbriefe schrieb, die Folterungen mögen ein Ende haben. Wie er seinen Ausnahmezustand beschrieb, als er den Text verfasste. Diese Zusammenhänge kann man nicht ignorieren.
Im 16. Jahrhundert gab es keine Traumatherapie. Sehr wohl aber gab es damals wie heute einen eher typisch männlichen Umgang mit Traumatisierung und dem damit einhergehenden und insbesondere für Männer wie Machiavelli unerträglichem Ohnmachtsgefühl: Dem Andocken an die Macht der Mächtigen. Das alles passt geradezu idealtypisch zu dem Phänomen, welches die Psychoanalyse als „Identifikation mit dem Aggressor“ beschreibt.
Nach der Folter: Selbst wie die Folterer
Das ist ein Begriff, den zuerst Sándor Ferenczi prägte, als er sich mit den Werken des vor den Nazis geflohenen Psychoanalytikers Otto Fenichel befasste. Fenichel befasste sich wie Freud mit psychischen Traumata, unterschätzte aber wie er die äußeren Faktoren, wie traumatisierende Gewalt.
Ich will hier Machiavelli keine Ferndiagnose zuschreiben. Sogar Hanna Fenichel Pitkin, Tochter des Psycholog*innen-Paares Fenichel und selbst Psychologin, sprach sich gegen eine Ferndiagnose aus, weil Daten zu Kindheit Machiavellis fehlen. Sie analysierte stattdessen Machiavellis problematische Männlichkeitseinstellungen aus seinen Texten und konstatierte einen gewissen Maskulinismus.
Betrachten wir das zusammen mit den inzwischen gut erforschten Auswirkungen von traumatisierender Folterungen, kann nicht mehr einfach ignoriert werden, dass die Differenzen in Machiavellis Schaffen mit Traumatisierung zu tun haben. Sehr gut erforscht sind die Folgen mehrfacher Folter auf das Selbstbild, insbesondere hinsichtlich des Gefühls von Wirkmächtigkeit. Dazu wurde Machiavelli sehr wahrscheinlich Zeuge davon, wie Kollegen von ihm während seiner Inhaftierung im selben Kerker hingerichtet wurden. Auch diese implizite und gleichzeitig sehr konkrete Todesdrohung hat Auswirkungen auf das Selbstbild.
Und hier wird Machiavelli unfreiwillig wertvoll, gerade in heutigen Zeiten. Denn der Psychoanalytiker Arno Grün erklärt mit der „Identifikation mit dem Aggressor“ die Sozialisation von Rechtsextremisten: Sie identifizieren sich mit den Posen ihrer gewalttätigen Väter.
Wie die Vorbilder, so die Rechtsextremisten
In „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ schreibt Eva von Redecker vom „Phantombesitz“ bzw. vom „Phantomschmerz“, der die Menschen – und vor allem die weißen Männer – zu Faschisten mache. Vielleicht könnte man von einem faschistischen Habitus sprechen. Der Habitus (von lat. habere = haben), also die Art wie ich mich habe und wie ich mich gebe, ist an den Besitz gebunden. Aber letztlich geht es nicht um Besitz oder um Phantombesitz, sondern um die mit diesem Besitz verknüpfte Wirkmacht. Es geht eher um die Mächtigkeit bzw. um die Phantom-Wirkmacht. Relevant ist weniger das Haben als das Teilhaben.
Thomas von Aquin sprach nicht nur vom konkreten Handeln (Actus) und vom Habitus, sondern auch vom Virtus als auf ein Ziel des Guten ausgerichteter Habitus. Virtus ist bei ihm nicht nur zielorientiert, sondern auch die Kraft, die dieses Ziel erreichen kann. Bei Machiavelli wurde das Gute und Tugendhafte aus dem Virtus gestrichen. Die Wirkmächtigkeit ist zugleich das Ziel.
Machiavelli: Ein Lesevorschlag
Ich denke, dass es allen Faschist*innen um die Wirkmacht geht, die Machiavelli mit Virtù beschreibt, und die Virtualität, die „Männlichkeit“ hervorherbt. Die Selbstermächtigung, zu lügen und zu foltern, die Macht um der Macht willen, die Identifikation mit dem Führer, die brutale Unterwerfung der Frauen, die es vermeintlich mögen, geschlagen zu werden, der Fokus auf die Gelegenheit, Fortuna beim Schopfe zu packen: Diese Elemente finden sich bei den Faschisten.
Virtù erlaubt es aber auch, das Unwahre des Faschismus zu benennen. Der Faschismus schafft sich durch Gewalt und Lüge, durch die Virtù im Volk und Führer. Er hält sich aufrecht durch Gewalt und Lüge – der Faschismus ist die Virtualität per se, ein System, welches nur durch Virtù bestehen kann. Etymologisch gehören Virtù und Virtualtiät zusammen, ähnlich wie Potenz und Potentionalität.
Virtualität …
… hat hier nichts mit digitalen Welten zu tun. Virtualität bezeichnet allgemeinhin etwas, das nicht real ist, sondern nur echt zu sein scheint. So ist die Virtualität bei Machiavelli zu verstehen: als Schein, und auch als bewusste Täuschung.
Die machiavellische Virtù kann heute als Sonderform eines faschistischen Habitus interpretiert werden. Die Energiekrise, die Klimakatastrophe und die Verknüpfung von fossiler Männlichkeit („Petromaskulinität“) mit einem drohenden „Klimafaschismus“ (Begriffe nach Cara New Daggett), zeigt, dass wir den Habitus zielgerichteter und energetischer verstehen sollten.
Virtus ist ein energetischer Aspekt. Eine Antwort auf die Frage, wo die Menschen ihre Energie her bekommen. Wie diese Energie aussieht. Wie sie sich äußert. Wo sie andockt und auch, wo sie ihre Energie loswerden können. Denn auch das zeigen gerade jetzt die Hitzetage im August: Unser Problem ist nicht einfach nur das Zuwenig an Energie, sondern auch das Zuviel.