Sitzen zwei Personen im Neustrelitzer Schlossgarten. Sie unterhalten sich darüber, dass sie gerade von der Mahnwache aus Neubrandenburg kommen, die anlässlich des Anschlags auf den Berliner CSD stattgefunden hat. Fragt die eine Person: Ob der CSD am 15. August trotzdem in Neustrelitz stattfinden wird? Antwortet die andere prompt: „Aber natürlich!“ Diese Szene mit Christian Arnold Krüger ist Teil eines Instagram-Videos von @queerstrelitz.
Krüger ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Queer-Strelitz und damit der CSD in der 20.000-Menschen-großen Stadt Neustrelitz existiert. Gegründet 2018, zählt der Verein – inklusive Fördermitgliedern – mittlerweile etwa 20 Menschen. Sie haben den CSD in die Stadt gebracht, den sie nun alle zwei Jahre im Wechsel mit queerNB aus Neubrandenburg ausrichten. Daneben organisieren sie queere Volleyballturniere, gemeinsame Pilzwanderungen und eben alles, was gebraucht wird. Laut Webseite will der Verein vor allem Menschen in der ländlichen Gegend erreichen, wo es immer noch viele Vorurteile gebe. Mehr Sichtbarkeit, mehr Schutzräume, mehr Berührungspunkte, mehr Aufklärung über jegliche sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten sei gerade hier vor Ort wichtig.
Petition: Schutz queerer Menschen ins Grundgesetz!

Seit Jahren nehmen Hass, Hetze und Angriffe gegen LGBTQIA* massiv zu. Queerfeindliche Hasskriminalität hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht.
Ein großes zivilgesellschaftliches Bündnis fordert deshalb von der Bundesregierung: Sexuelle Identität als Diskriminierungsmerkmal im Grundgesetz Artikel 3 aufnehmen!
Kein Treffpunkt, keine Beratung, kein Rückzugsort
Obwohl Queerfeindlichkeit überall in Deutschland ein Thema ist, bekommt man vor allem von queeren Menschen in kleineren Dörfern medial weniger mit. Dabei sind sie mit teilweise schwierigeren Voraussetzungen konfrontiert als diejenigen in den Städten. Es gibt keine oder zumindest weniger queere Strukturen, Anlaufstellen, Rückzugsorte, Treffpunkte und Beratungsangebote. Um Gleichgesinnte oder Beratung zu finden, fahren queere Menschen deswegen in die nächste Großstadt – also, sofern es Züge gibt.
Ob sich das Schaffen solcher Angebote überhaupt lohne, ist eine häufig geäußerte Kritik. Immerhin gibt es keine Erhebungen, wie viele Menschen in MV tatsächlich queer sind, da sie weder im Melderegister noch im Zensus erfasst werden. Bezieht man sich auf die Ipsos-Studie und rechnet die rund zwölf Prozent der LGBTQIA+-Bevölkerung in Deutschland auf die 1,57 Millionen Einwohner*innen in MV, ergäbe das etwa 188.000 queere Menschen im Bundesland. Das ist so viel, wie Potsdam Einwohnende hat.
AfD setzt die Community unter Druck
Inwiefern das hinkommt? Keine Ahnung. Sehr wahrscheinlich ist: Schlechte Voraussetzungen auf dem Land wie geringe Sichtbarkeit und eine nicht so super ausgeprägte Infrastruktur führen dazu, dass Menschen abwandern. Das schwächt die verbleibende Community vor Ort weiter – noch mehr Menschen wandern ab. Möglicherweise leben also viele queere Menschen MV-weit in eher größeren Städten. Queere Vereine lassen sich jedenfalls in Rostock, Schwerin, Greifswald, Wismar, Stralsund, Neubrandenburg, Neustrelitz und mittlerweile auch in Waren an der Müritz finden.
Diese mühsam erarbeiteten queeren Strukturen brauchen, was alle brauchen: Geld. Denn wo weniger Geld, da weniger Möglichkeiten für Projekte. Doch Krüger sagt: Gerade das ist ein Punkt, der jetzt schon unter anderem durch die AfD gefährdet ist. Dazu verweist er auf Anfeindungen, Ausgrenzungen, weniger Sichtbarkeit, ein krudes Bild von der Rolle der Frau und der Familie: „Dass auch zwei Männer Kinder haben können, scheint bei der AfD noch nicht angekommen zu sein.“ Darüber hinaus sieht er besonders die Akzeptanz gegenüber Transmenschen gefährdet, wenn die AfD Einfluss gewinnt.
Queer auf dem Land: Fast gefährlich
Alice ist ebenfalls Teil von Queer-Strelitz und erweitert um zwei Punkte: Anfeindungen in den sozialen Medien gegenüber der queeren Community – was womöglich auch in städtischen Strukturen bekannt ist, aber im ländlichen Raum gefährlicher sein kann. Immerhin kennen die Leute vor Ort dein Autokennzeichen, deinen Arbeitsweg und deine Adresse. Dazu kommt laut Alice: „Die AfD normalisiert gewaltvolle Sprache gegen Queers. So sind Queers in ihrem Alltag mehr Diskriminierung ausgesetzt, verbalen und körperlichen Übergriffen. Und das ist direkt, unmittelbar spürbar.“
Einer der Austragungsorte der Gewalt gegen Queers sind CSDs. Davon gab es im vergangenen Jahr deutschlandweit so viele wie noch nie: 245 Veranstaltungen. Obwohl nur ein Viertel davon in den ostdeutschen Bundesländern stattfand, gab es dort mit 66 Prozent viel mehr Angriffe und Störungen. Dazu gehören körperliche Gewalt, Hatespeech, Online-Hetze und Sachbeschädigung, wie die Amadeu-Antonio-Stiftung listet.
Dahin, wo die Lücken sind
Auch für MV gibt es Zahlen zu queerfeindlichen Straftaten. Das LKA registrierte 2025 insgesamt 56 Delikte gegen Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. Im Jahr 2024 waren es 41 und 14 im Jahr 2023. Es ist von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen. Sebastian Witt vom Landesverband LSVD Queer Mecklenburg-Vorpommern geht sogar davon aus, dass bis zu 80 Prozent der Taten nicht angezeigt werden.
Ein konkretes Beispiel dafür, wie queerfeindliche Gewalt aussehen kann und nicht in die Statistik findet, aber trotzdem massiven Einfluss auf das Leben vor Ort hat, kommt von Marcel Spittel von queerNB. Ich traf ihn vor einiger Zeit, als mal wieder die Regenbogenflagge in Neubrandenburg geklaut wurde. Er berichtete mir von einer queeren Person, die nach einer Demo auf dem Heimweg massiv bedrängt wurde. Ihr sei die Regenbogenflagge entwendet und angezündet worden. Gerade deswegen wolle er mit seinem Verein sichtbar sein, positive Lebensentwürfe zeigen und Identifikationsmöglichkeiten schaffen. Fragt man ihn, wieso er nicht nach Hamburg, Berlin oder Leipzig zieht, sagt er: „Weil es wichtig ist, dorthin zu gehen, wo Lücken zu füllen sind.“
1,5 Stunden von Gesundbrunnen
Und genau dort engagieren sich queere Menschen heute auch – unter anderem mit CSDs. Die Veranstaltungen in Parchim, Waren, Schwerin und Rostock sind schon vorbei. Wismar feiert am 12. September, Greifswald am 27. September. Und Neustrelitz? Plant einen CSD am 15. August. Von der Berliner Station Gesundbrunnen sind es knapp eineinhalb Stunden mit dem RE5 dorthin. Ohne umsteigen.