Immer mehr Menschen erleben, dass jemand aus dem nahen Umfeld die AfD wählt oder es nicht mehr ausschließt. Ob im Freundeskreis, der eigene Vater, eine frühere Klassenkameradin oder ein Kumpel aus der alten Fußballmannschaft: Was tun, wenn jemand Dir nahestehendes die AfD wählt?
Eine schwierige Situation ohne einfache Antwort. Häufig ist eine frontale Diskussion nicht unbedingt zielführend – gar nichts zu sagen, macht es auch nicht besser. Als guter Leitfaden im Gespräch dient ein einfacher, aber zentraler Faktor: das Gegenüber verstehen wollen.
„Wie Rechte reden“
Johannes Giesler und Maria Timtschenko analysieren, wie rechte Sprache und rechtsextreme Aussagen funktionieren. Wie Du sie erkennst, welche Gegenrede-Strategien helfen und wie Du auf typische Parolen konkret antworten kannst.
Welche Themen beschäftigen AfD-Wähler*innen?
Für ihr Buch „Zu Besuch am rechten Rand: Warum Menschen AfD wählen“ reiste Autorin Sally Lisa Starken durch Sachsen und Thüringen, sprach mit Menschen auf Marktplätzen, AfD-Veranstaltungen und Sommerfesten. Deren Themen, so Starkens Erfahrung, waren oft überraschend alltäglich:
- Miet- und Wohnkosten
- Rente und die Zukunft des Rentensystems
- Bildungsqualität für die eigenen Kinder
- Öffentlicher Personennahverkehr
- Zukunftsängste, also Inflation, Klima, Umwelt und Kriege
Warum sehen Menschen bei diesen Themen die Lösung in der AfD? Laut Wilhelm Heitmeyer, der seit über 40 Jahren zur politischen Rechten forscht, ist dabei ganz zentral das vermutete Nicht-gesehen-Werden durch die Politik. Dazu kommt das Gefühl, nicht mitentscheiden zu können und keine Wertschätzung für die eigene Arbeit zu erfahren. Wo sich Menschen mit ihren Sorgen und Lebensrealitäten von der Politik übersehen fühlen, so Heitmeyer, entsteht eine Lücke.
Es ist also häufig keine einzelne ausschlaggebende Erfahrung, die jemand gemacht hat. Keine persönliche Krise oder Hass. Es reicht ein diffuses Gefühl. Die Wahrnehmung, jemand möge einem was wegnehmen oder andere würden mehr gesehen werden als man selbst. Das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Hier können rechte Kräfte gut wachsen.
Warum wählen Freunde, Familie und Bekannte die AfD?
Die AfD ist hierfür in die Rolle der angeblichen Retter geschlüpft, die Stabilität und verlorene Kontrolle zurückgeben wollen. Dafür bieten AfD-Politiker praktischerweise für jeden Fall eine Art Allzwecklösung, die auf den ersten Blick sehr komplexe Probleme scheinbar einfach löst.
Beispielsweise Migration: Feindbilder lenken die Frustration auf Minderheiten. Je nach Zielgruppe lässt sich die Allzwecklösung entsprechend anpassen. Zum Beispiel das Märchen, nur die AfD könne Frauen vor Gewalt durch Männer auf der Straße schützen – nämlich, indem sie Migranten abschiebt.
Das ist eine vermeintliche Lösung für ein komplexeres Problem. Denn statistisch gesehen sollten Frauen dringender vor Männern im nahen persönlichen Umfeld geschützt werden. Die Femizide steigen seit Jahren, häusliche Gewalt ist auf einem Höchststand. Das Märchen der AfD scheint praktisch und greifbar – geht aber am eigentlichen Problem vorbei und ist nichts weiter als die Hülle eines leeren Versprechens.
Echtes Zuhören statt schnelles Urteil
Wie können wir also diese leeren Versprechen enttarnen? Sicher, AfD-wählenden Familienmitgliedern oder Bekannten angriffslustig Fragen hinzuschmettern, kann Spaß machen. Aber Angriff führt zu Verteidigung und Streit verhärtet die Fronten.
Stattdessen, so Sally Lisa Starken, sollte das Ziel sein, erstmal herauszufinden, welche konkrete Sorge hinter der Sympathie für die AfD steckt. Hier setzt das „Verstehen wollen“ an. Ohne direkt verbal einzuordnen, ob die Person damit richtig oder falsch liegt.
- Nicht mit Warum-Fragen konfrontieren: Eine Frage wie „Warum wählst du die AfD, die ist doch rechtsextrem?“ verhindert ein offenes Gespräch. Die andere Person wird dadurch sofort in eine Verteidigungshaltung gedrängt.
- Offen fragen statt bewerten: Besser funktioniert etwa „Was interessiert dich an der AfD?“. Der Fokus liegt auf verstehen statt widersprechen.
- Erst zuhören, dann reagieren: Versuche bewusst, eigene Positionen zurückzuhalten – außer Du wirst direkt danach gefragt. Dadurch kannst Du herausfinden, welches Problem die Ursache für die AfD-Sympathie ist.
- Achte auf Ort und Situation: Nicht jeder Zeitpunkt eignet sich für ein solches Gespräch.
- Aufklären statt Empören: Versuche, nachgeplapperte Parolen fragend einzuordnen. Was steckt dahinter? Warum wird das gesagt? Wie will die AfD das überhaupt umsetzen? Reine Empörung kann Botschaften ungewollt verstärken, statt sie zu entkräften.
- Haltung zeigen, ohne das Gespräch abzubrechen: Menschenfeindlichen Positionen im Umfeld solltest Du konsequent widersprechen. Unangefochten trägt das sonst zur Normalisierung solcher Positionen und Aussagen bei.
Wichtig ist auch zu verstehen, dass viele AfD-nahe Personen ihre Argumente in abgeschotteten „Filterblasen“ und „Echokammern“ aufgeschnappt haben, meint Wilhelm Heitmeyer. Also homogene Gruppen, die sich gegenseitig in ihren Wutspiralen bestätigen. Gegensätzliche Meinung oder verifizierte Fakten sind dort kaum zu finden.
Wer ein Gespräch mit einer AfD-nahen Person führen möchte, sollte damit rechnen, dass viele der Ansichten, Informationen und Deutungen dieser Person aus solch abgeschlossenen Räumen stammen. Ein zusätzlicher Grund, mit Zuhören statt reiner Faktenkorrektur zu beginnen.
Was Du sonst noch gegen Rechtsextremismus tun kannst
- Engagiere Dich lokal: Geh nicht nur einmal demonstrieren, sondern engagiere dich in Vereinen oder Initiativen vor Ort. Suche Gespräche im direkten Umfeld. Emotionale Beziehungen sind der wirksamste Hebel, um jemanden zurück in die Mitte der Demokratie zu holen.
- Verankere politische Bildung im Alltag: Neffen, Nichten, Paten- oder auch Nachbarskinder – führe Gespräche mit den Kleinen. Kinder stellen die ehrlichsten Fragen. Daran lässt sich ablesen, wo es Erwachsenen noch an politischem Grundwissen fehlt.
- Hab Geduld: Rechtsextremismus wird sich nicht schnell zurückdrängen lassen. Ob er wächst oder schrumpft, hängt von einem Zusammenspiel aus Zivilgesellschaft, Politik und Medien über einen längeren Zeitraum ab.
- Kenne Deine Grenzen: Nicht jedes Gespräch muss geführt, nicht jedes Weltbild verändert und nicht jede Beziehung gerettet werden. Achte auf Dich und Deine Gesundheit.
Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich Campact gegen Rechtsextremismus, um unsere Demokratie zu verteidigen. Mittlerweile bewegen wir mit über 4,5 Millionen Menschen Politik. Du willst wissen, wem wir uns entgegenstellen und was wir planen? Dann abonniere den Campact-Newsletter.