Annalena Baerbocks Zeit bei den Vereinten Nationen ist vorbei. Und damit auch ihre Zeit in der Politik. Ab dem kommenden Jahr lehrt sie an der New Yorker Columbia University. Auf die Nachricht über ihren neuen Job reagierte das rechte Lager wie erwartet: mit Häme und Falschbehauptungen.
Ob als Parteivorsitzende, Außenministerin, Kanzlerkandidatin oder Präsidentin der UN-Generalversammlung – Baerbock wurde pausenlos angegriffen. Neben den zahlreichen herablassenden Kommentaren, Beleidigungen und Bedrohungen wurden auch immer wieder Falschmeldungen über sie verbreitet. Faktenchecks, die sich mit Annalena Baerbock beschäftigen, gibt es reichlich. Sie widerlegen unter anderem: Fake-Zitate, erfundene politische Forderungen und ein Fake-Nacktfoto im Wahlkampf 2021.
Desinformation gegen Frauen hat System
Die Angriffe auf Baerbock sind ein besonders sichtbares Beispiel, aber keine Ausnahme. Seit Jahren zeigen Untersuchungen, dass Frauen und Minderheiten besonders betroffen sind von Desinformation und Hassrede.
Geschlechtsbasierte Desinformation, also Fakes und Lügen, die sich auf das Geschlecht von konkreten Personen oder Gruppen beziehen, kommen dabei häufig zum Einsatz. Es geht um klischeehafte Behauptungen, die Ausdruck tiefsitzender Frauenfeindlichkeit sind. Frauen seien angeblich: nicht qualifiziert, zu emotional oder ihnen wird ihr Erfolg aberkannt. Berufliche Positionen oder Auszeichnungen, so die Behauptung, hätten sie nur wegen sexueller Dienste oder Quoten bekommen.
Diese Lügen wurden vor einigen Jahren um sexualisierte Deepfakes erweitert, nicht einvernehmliche, pornografische Darstellungen, die per KI erzeugt werden. 2026 begann mit der Meldung, dass Grok, die KI von X, massenhaft genutzt wurde, um sexualisierte Deepfakes zu erzeugen. Die meisten Bilder zeigten Frauen. Selbst bei Bildern offensichtlich Minderjähriger griff kein Sicherheitsmechanismus. Folgen hatte das für X und Elon Musk bis dato kaum.
Später im Jahr ging Collien Fernandes an die Öffentlichkeit: Jahrelang hat Ex-Mann Christian Ulmen Beziehungen im Namen von Fernandes geführt. Ohne ihr Wissen, gegen ihren Willen. Auch Deepfakes sollen dabei zum Einsatz gekommen sein.
Deepfakes haben auch eine Kontrollfunktion
Deepfakes erfüllen ihre Funktion als pornografisches Konsummaterial. Sie sind aber auch ein Werkzeug, um Frauen bloßzustellen, einzuschüchtern, zum Rückzug zu drängen oder sogar um Drohungen und Gewalt auszulösen.
Eine neue Untersuchung von Agora Digitale Transformation zeigt, dass das Problem in der Politik weit verbreitet ist. Parlamentarierinnen in der Europäischen Union werden 33-mal häufiger als ihre männlichen Kollegen in pornografischen Deepfakes abgebildet oder damit in Verbindung gebracht.
Wie Nudifier-Apps an sexualisierter Gewalt verdienen
Nudifier-Anwendungen „ziehen“ Menschen per KI aus. Nur dafür gibt es sie – und das Geschäft wächst. Viele der Websites zählen jeden Monat Millionen Nutzer. Immer wieder decken Journalist*innen ganze Netzwerke aus Telegram-Gruppen mit Millionen Mitgliedern auf. Viele von ihnen zahlen kleine oder größere Beträge für Deepfake-Services.
Inzwischen treten vermehrt Fälle von Erpressung auf. Kriminelle nutzten kürzlich ein Foto eines völlig harmlosen Posts einer britischen Schule über eine Mädchenfußballmannschaft um Deepfake-Videos der Mädchen zu erstellen und die Schule zu erpressen. Kinder sind immer wieder von Erpressungsversuchen mit echten oder per KI-erzeugten Fotos und Videos betroffen. Mitte des Monats erhielten Schülerinnen einer Oldenburger Schule E-Mails mit Deepfakes und Drohungen.
Keine Wehrlosigkeit
Das Problem genderbasierter Desinformation und Deepfakes ist riesig. Und doch gibt es Mittel und Wege, gegen Plattformen, Nudifier-Anbieter und Erzeuger von Deepfakes vorzugehen. Für Plattformen wie X gibt es den Digital Services Act (DSA) der Europäischen Union. Donald Trump nutzt den DSA immer wieder als Druckmittel in seinen Zollkriegen und Erpressungsversuchen. Trotzdem kann das Gesetz einen Beitrag zur Eindämmung des Problems leisten – als eines von vielen Mitteln.
Viele diskutieren gerade über Jugendschutzsperren für soziale Netzwerke. Gegen Deepfakes helfen solche Sperren aber nicht. Erpresser*innen schicken ihre Drohungen ohnehin meist per Messenger oder E-Mail. Und das Beispiel der britischen Fußballmädchenmannschaft zeigt, dass Betroffene nicht selbst in sozialen Netzwerken unterwegs sein müssen.
Der Fall der Aktivistin Theresia Crone hat gezeigt, dass auch Einzelpersonen gegen Deepfake-Verbreiter vorgehen können. Vor einigen Jahren erhielt Crone anzügliche Nachrichten. Kurz später entdeckte sie sexualisierte Deepfakes von sich im Netz. Inzwischen hat Crone juristische Erfolge erzielen können. Ihr Fall zeigt aber auch: Betroffene brauchen oft viel Geduld, Zeit und Geld. Crone schildert, dass die Polizei sie zunächst nicht ernst genommen habe – und, dass das Profil mit den Deepfakes erst nach Monaten gelöscht wurde.
Möglichkeiten, die Lage zu verbessern, gibt es genug. Jetzt müssen Politik, Polizei und Plattformen sie nutzen.
Gefälschte Bilder und Videos, die ohne das Einverständnis der gezeigten Menschen entstanden sind, gehören verboten. Das fordert Bestsellerautor Marc-Uwe Kling gemeinsam mit über 400.000 Unterzeichner*innen auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact. Schließe Dich jetzt an.