Die Bandbreite der Übergriffe auf dem Oktoberfest reicht von unerwünschtem Anfassen, ungewolltem Küssen bis hin zu schweren sexualisierten Übergriffen, Vergewaltigungen und Verabreichung von K.O.-Tropfen. Was jedoch in den allermeisten Fällen nicht in die Statistik wandert, ist die „Verletzung des Intimbereichs durch Bildaufnahmen“: das sogenannte Upskirting.
Upskirting und das Münchner Teufelsrad
Seit über 100 Jahren dreht sich das Teufelsrad auf der Wiesn, sorgt durch die Fliehkraft recht zuverlässig für abertausende hochgerutschte Dirndlröcke. Doch was jahrzehntelang für wenige Sekunden vorbeirauschend aufblitzte, landet heute in Zeitlupe und mit gut erkennbaren Gesichtern für immer im Internet. Mehr als 32.000 Upskirting-Videos vom Münchner Teufelsrad sind bei Meta, Tausende weitere auf den Videoplattformen Youtube und Tiktok zu finden. Teils verdienen die Accounts Geld damit.
Interessanterweise war Upskirting bis vor fünf Jahren quasi straffrei. Der rasant eingeführte Paragraf 184k im Strafgesetzbuch sollte das mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe ändern. Allerdings sagt ein auf Sexualstrafrecht spezialisierter Anwalt aus München der Süddeutschen Zeitung: Das Resultat ist „in blindem Aktionismus absolut katastrophal gestaltet“ und dadurch so schwammig formuliert, dass eine Upskirting-Anklage fast nie zustande kommt.
Denn ein weiteres Problem ist: Es handelt sich um ein sogenanntes Antragsdelikt. Das bedeutet, damit eine Strafverfolgung überhaupt stattfinden kann, muss die Geschädigte Anzeige erstatten. Aber in den wenigsten Fällen bekommen die Geschädigten mit, dass sie heimlich gefilmt wurden. Man könnte den Paragrafen vielleicht nicht mit einem zahnlosen, aber sehr wohl mit einem augenlosen Tiger vergleichen.
Kostenlose Radlerhosen fürs Dirndl
Auf die ersten großen Empörungswellen über die Upskirting-Videos vom Teufelsrad reagierte die Betreiberin mit Schildern, die auf wachsames Personal hinweisen. Dazu Hausverbote und kostenlose Radlerhosen. Aber sie sagt auch, Frauen, die nur mit Unterwäsche unter dem Dirndl aufs Teufelsrad steigen, tragen selbst einen Teil der Verantwortung.
Ein gängiges Narrativ, welches sich wie ein roter Faden durch übergriffige Erfahrungen zieht, die leider viele Frauen* in ihrem Leben machen. Warst Du betrunken? Warum bist Du nicht früher nach Hause gegangen? Wieso hast Du kein Taxi genommen? Was hattest Du an? Wieso hast Du nicht angerufen? Wenn Du doch einfach… Und wieso hattest Du denn eigentlich nur Unterwäsche unter dem Dirndl?
Frauen* werden angewiesen, sich zu schützen. Ja, sich zu bedecken, zu meiden, zu lächeln, zu ducken. Nur dann könne sie wirklich sicher sein, so lautet das hohle Versprechen. Vor allem aber verlagert es die Verantwortung und die Schuld – vom Täter auf die Geschädigte.
Smartglasses: Augenzwinkern und Schnitt
Nun sind filmende Smartphones für Außenstehende noch einigermaßen erkennbar. Aber kleine Kameras verschwinden vermehrt in Smartbrillen, Smartuhren oder unauffälligen Gegenständen. Das macht die Schwelle für Täter noch niedriger. Und die Gefahr für Frauen* und Kinder, ungewollt gefilmt zu werden, noch größer.
Denn das betrifft nicht nur Frauen* im Dirndl und das Teufelsrad auf dem Oktoberfest. Sondern Dich und Deine Freunde, wie ihr im Hochsommer Zeit am See verbringt. Im Park mit Freund*innen Volleyball spielt oder gegen Rechts demonstriert. Wie Du im Café eine Geschichte aus Deiner Vergangenheit mit einem Freund teilst. Oder im Restaurant Dein Kleinkind wickelst.
Private Momente werden öffentlich, für jeden im Internet zugänglich. Aber Du bist kein Content, Deine Privatsphäre muss geschützt werden – auch im öffentlichen Raum. Unterzeichne die Petition vom Zentrum für Digitalrechte und Demokratie: