Nachdenkseiten im Überblick

Was sind die Nachdenkseiten?
Die Nachdenkseiten sind ein Urgestein der sogenannten alternativen Medien. Der Blog existiert seit 2002 und trägt den Untertitel „Die kritische Website“. Von links kommend, hat er sich über die Jahre von einem gesellschaftskritischen Portal mit thematischem Fokus auf neoliberale Wirtschaftspolitik hin zu einem breiter aufgestellten Medium mit Nähe zu Verschwörungserzählungen entwickelt. Zu den Schwerpunkten gehören heute: eine Pauschalkritik an journalistischen Medien und politischen Eliten sowie an der Russland-Politik des Westens und insbesondere der USA. Die Texte sind häufig von irreführenden Nachrichten und einem Freund-Feind-Denken geprägt, im Ton oft zugespitzt bis polemisch. Die Nachdenkseiten wollen nach eigenen Angaben zum kritischen Nachdenken anregen. Kritiker werfen der Webseite hingegen vor, komplexe politische Debatten regelmäßig auf eine einfache Gegenerzählungen zu reduzieren.
Die Aufmachung des Blogs ist journalistisch. Dazu gehören verschiedene Rubriken, Audio- und Videoangebote sowie eine tägliche Presseschau. Herausgeber ist Albrecht Müller; Jens Berger ist Chefredakteur. Artikel erscheinen mehrfach am Tag und werden von den 14 Redaktionsmitgliedern und Gastautoren verfasst – unter ihnen Oskar Lafontaine, ehemals SPD und Linke, und Sevim Dağdelen, Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Die politischen Aktivitäten von Lafontaine und BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht begleiteten die Nachdenkseiten jahrelang wohlwollend. Auch Pseudoexperten aus dem Querdenken-Umfeld bekommen regelmäßig eine Bühne, unter ihnen Daniele Ganser und Ulrike Guérot – beiden werfen Kritiker die Verbreitung von Verschwörungserzählungen u.a. zum Angriffskrieg auf die Ukraine vor. Seit 2009 haben die Nachdenkseiten eine Kooperation mit dem Westend-Verlag, der zuletzt wegen der Ankündigung des Buches von Julian Reichelt, Chef des Rechtsaußen-Portals Nius, in die Kritik geriet.
Laut Similarweb haben die Nachdenkseiten etwa 800.000 Aufrufe im Monat (Stand Juli 2026). Das Angebot finanziert sich laut eigenen Angaben aus Spenden.
Querdenken
Als „Querdenker“ bezeichneten sich ab 2020 Personen und Gruppen, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrierten, die Gefährlichkeit und teilweise die Existenz des Virus oder sogar die Legitimität der Regierung in Frage stellten. Zu Hochzeiten mobilisierte Querdenken Zehntausende. Es entstanden Ortsgruppen wie „Stuttgart-711“ und Chatgruppen, die von alternativen Medien begleitet wurden. Unter dem Querdenken-Label sammelten sich Verschwörungsgläubige, Menschen mit ausgeprägter Skepsis gegenüber Wissenschaften und Rechtsextreme. Ab 2021 beobachtete der Verfassungsschutz einen Teil der Szene.
Wer steckt hinter den Nachdenkseiten?

2003 gründeten die ehemaligen SPD-Politiker Albrecht Müller und Wolfgang Lieb die Nachdenkseiten als Reaktion auf das umstrittene Reformpaket „Agenda 2010“ unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder. Bis heute wichtigste Person hinter dem Blog und Herausgeber ist Albrecht Müller, ein ehemaliger Mitarbeiter der SPD-Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt. An seiner Seite stand bis 2015 Wolfgang Lieb, früherer Sprecher der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Schwerpunkt des Mediums war in der Anfangszeit: eine Kritik an Privatisierung und dem Abbau des Sozialstaates. Hierher rührt der Ruf des Portals als verlässliche Stimme einer linken Gegenöffentlichkeit. Entsprechend standen die Nachdenkseiten zunächst Gewerkschaften, der globalisierungskritischen Szene und auch der ehemaligen Friedensbewegung nah. Denn neben einer generellen Kritik an Kriegseinsätzen war auch die neue Ostpolitik (Stichwort „Wandel durch Annäherung“) früh Thema des Blogs.
2009 erhielten die Nachdenkseiten den „Alternativen Medienpreis“ in der Sparte Internet – als gutes Beispiel für kritischen und unabhängigen Journalismus. Das Portal galt damals als wichtiger Teil einer linken Gegenöffentlichkeit. Und noch 2013 fand der ehemalige SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel in einer Grußbotschaft lobende Worte zum zehnjährigen Bestehen: Er informiere sich regelmäßig auf den Nachdenkseiten, denn ihm sei „ein unkonventioneller und unabhängiger Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wichtig“. Preis wie Grußwort wären heute kaum mehr vorstellbar. Ab den 2010er Jahren und spätestens nach der Annexion der Krim 2014 gab es einen Wandel der inhaltlichen Ausrichtung der Nachdenkseiten – und mit diesem immer häufiger Kritik.
Der Bruch von Wolfgang Lieb
2015 stieg Mitgründer Wolfgang Lieb bei den Nachdenkseiten aus. Seine Begründung: die zunehmende Dominanz Müllers sowie eine inhaltliche und methodische Verengung des Blogs. In einem öffentlichen Beitrag schrieb Lieb zum Abschied: Es reiche nicht, „die Welt moralisch in ‚Freund‘ und ‚Feind‘ aufzuteilen und die Ursache nahezu allen Übels auf der Welt ‚einflussreichen Kräften‘ (oft in den USA) oder undurchsichtigen ‚finanzkräftigen Gruppen‘ oder pauschal ‚den Eliten‘ zuzuschreiben“. Lieb kritisierte nicht nur einzelne Inhalte, sondern die redaktionelle Methodik und die Art der Auseinandersetzung mit Menschen anderer Meinung. Die Antwort auf eine Form der Meinungsmache, so Lieb, dürfe nicht „eine andere Form von Meinungsmache“ sein.

Die Kritik Liebs kam nicht von ungefähr. Die verschiedenen Themenbereiche wurden von den Nachdenkseiten zunehmend unter einem umfassenden Narrativ zusammengefasst. „Wir sind umgeben von Propaganda, von gezielter Propaganda – für das Impfen, gegen die Russen und für die sogenannte westliche Wertegemeinschaft, für Militär und Aufrüstung“, heißt es auf dem Portal.
In der Zeit, als Lieb sich von den Nachdenkseiten abwendete, entstanden neue Protestbewegungen. So etwa die rassistische und antiislamische Pegida-Bewegung, die sogenannten Mahnwachen für den Frieden, an die später in Teilen die Querdenken-Proteste während der Covid-Pandemie anschließen sollten. Hier trafen sich die politischen Ränder entlang einer geteilten Fundamentalkritik an „Mainstreammedien“, angeblicher Fremdbestimmung, Russland-Politik und Pandemie-Restriktionen. Vielfach entstanden Überschneidungen zu rechten Bewegungen, sogenannte Querfronten.
Querfront
Als Querfront wird das Bestreben nach einem Bündnis zwischen Gruppen und Personen bezeichnet, die aus unterschiedlichen politischen Lagern kommen – meist dem extrem rechten und extrem linken. Konkret geht es dabei um die Übernahme von Mode, Aktionsformen oder Theorien. Gemeinsame Bezugspunkte sind potenziell der Kampf gegen Globalisierung, Imperialismus oder politische Eliten. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung bemühen sich vor allem Rechtsextreme um ein Bündnis mit Linksextremen – allerdings ohne, dass es bislang zu tatsächlichen Zusammenarbeiten kommt.
Die Nachdenkseiten als Teil der „Alternativmedien“
Die Entwicklung der Nachdenkseiten verlief parallel dazu. Der Politikwissenschaftler und Experte für „Alternativmedien“ Markus Linden fasst dies so zusammen: Aus der linken Kritik ökonomischer Verhältnisse und politisch-medialer Machtstrukturen sei eine „ränderübergreifend anschlussfähige Erzählung über Fremdbestimmung, Öffentlichkeitskontrolle und diktaturähnliche ‚Fassadendemokratie‘“ geworden.
Begleitet werden die Proteste auf der Straße von einem neuen Phänomen: vielfältige „Alternativmedien“, in denen ihre Inhalte und Slogans widerhallen. Auch die Nachdenkseiten sind hier gut vernetzt. Noch 2019 tritt Albrecht Müller zum Beispiel mit dem rechtsoffenen Verschwörungsideologen Ken Jebsen auf der Frankfurter Buchmesse auf – Jebsen wurde einst vom RBB wegen Antisemitismusvorwürfen gefeuert und tritt heute unter seinem Namen Kayvan Soufi-Siavash auf. Michael Butter, Professor an der Universität Tübingen und Experte für Verschwörungserzählungen, ordnet die Nachdenkseiten entsprechend in eine „alternative“ Medienszene neben KenFM oder Rubikon ein. Ihre Gemeinsamkeiten: Sie bedienten Verschwörungstheorien wie die von der „Lügenpresse“.
Feindbild etablierte Medien: von „Gleichschaltung“ bis RT DE
„NachDenkSeiten wollen hinter die interessengebundenen Kampagnen der öffentlichen Meinungsbeeinflussung leuchten und systematisch betriebene Manipulationen aufdecken.“ So beschreiben sich die Nachdenkseiten heute auf ihrer Website. Die Pauschalkritik an den Medien, gepaart mit der Selbstinszenierung als Stimme einer manipulierten Mehrheit, ist bis heute Herzstück des Blogs. Zurückgeschreckt wird dabei auch nicht vor dem rechten Kampfbegriff der „Lügenpresse“. Es ist von medialer „Gleichschaltung“ zu lesen oder von „Zensur“.

Als Gegenpol sehen die Nachdenkseiten sich und andere Empörungsmedien. „Ohne RT Deutsch wären wir noch schlechter informiert“, heißt es noch 2021 in einem Plädoyer für den russischen Staatssender. Bereits ein Jahr später hatte die EU RT und seinen deutschsprachigen Ableger wegen Desinformation mit einem Verbreitungsverbot belegt. Die Nachdenkseiten verlinken weiterhin regelmäßig auf die Ausweichseiten des Propagandaportals und veröffentlichten eine Anleitung zur Umgehung der Sperre via VPN.
Nachdenkseiten zwischen Antiamerikanismus und Kreml-Nähe
Auch personell zeigt sich diese Nähe. So wechselte Florian Warweg, jahrelang für RT DE tätig, nach dessen Verbot zu den Nachdenkseiten. Zu den regelmäßigen Autoren zählen der Kreml-nahe Russland-Korrespondent Ulrich Heyden, dem 2022 die Wochenzeitung Der Freitag die Zusammenarbeit aufgekündigt hatte, weil er den Westen für den russischen Angriffskrieg mitverantwortlich gemacht habe, oder Tom J. Wellbrock – wie Heyden RT-Autor.
Weiterführende Artikel:
- „NachDenkSeiten: Wagenknechts Schreibbrigade“, Die Zeit, 8. Dezember 2023
- „Fallstudie 1. Nachdenkseiten: Vom Aufklärungs- zum Querfront-Medium“, Zentrum Liberale Moderne, April 2022
- „Nachdenkseiten: Einst links, jetzt Propaganda für Rechtsradikale“, Volksverpetzer, 20. Oktober 2022
- „Down the rabbit hole. Verschwörungsideologien: Basiswissen und Handlungsstrategien“, Amadeu Antonio Stiftung, 2021
- „Die Anti-Lügenpresse-Front“, Frankfurter Rundschau, 4. September 2020
Inhaltlich zeigt sich die prorussische Haltung deutlich. Keine Woche nach Russlands Überfall auf die Ukraine heißt es auf den Nachdenkseiten, den Kriegseinsatz könne man „teilweise als Notwehr einordnen“. Dies ist ein auch in Russland verbreitetes Narrativ zur Legitimierung des Angriffes als notwendige Reaktion. Mit Hilfe irreführender Nachrichten und Verweisen auf explizite Propagandaseiten wird die russische Aggression verharmlost und gleichzeitig die westliche Geopolitik mitverantwortlich gemacht. Dabei ist die Rede von der „Einkreisung Russlands“, einem „Wirtschaftskrieg gegen Russland“, vom „Stellvertreterkrieg“ oder einem von den USA angeleiteten „Regimechange“.
Hier zeigt sich eine wiederkehrende Methodik der Nachdenkseiten: In Andeutungen, in Überschriften oder mit Signalwörtern werden die Leser in eine bestimmte Richtung geleitet. Explizite Falschinformationen finden sich hingegen einen Klick weiter oder in den Antworten von Interviewten. Markus Linden nennt diese Methode in einer umfangreichen Untersuchung zu den Nachdenkseiten „Halbwahrheitenstrategie“ und kommt zu dem Schluss: „Nicht zuletzt deshalb handelt es sich um ein professionell gemachtes Desinformationsmedium“.
Häufig legen die Auswahl der Quellen oder eine scheinbar offene Frage eine bestimmte Aussage nahe, ohne alternative Erklärungen ernsthaft zu prüfen. Zum 17. Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center 2001 etwa fragt ein Mitarbeiter der Nachdenkseiten: Wenn dieser „Staatsterrorismus“ gewesen sei, „waren dann die Anschläge in Paris, Madrid, Barcelona usw. nicht vielleicht auch verdeckte Anschläge des tiefen Staates, die man Terroristen in die Schuhe schieben will?“ Die gestellte Frage ist keine offene, hinter ihr steckt deutlich eine Unterstellung: Die US-Regierung und ihre Geheimdienste seien Urheber des Terroranschlags. Genau diese Behauptung vom „tiefen Staat“, also einer Verschwörung von nicht gewählten Eliten und Geheimdiensten gegen die Bevölkerung, wie sie auch die MAGA-Bewegung in den USA prägt, gehört zum Standardrepertoire radikaler Verschwörungserzählungen.
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Weitere Parallelmedien
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