Aktualisiert am 26. August 2026

Nius im Überblick

Wer steckt dahinter? Julian Reichelt, Frank Gotthardt Wer kommt zu Wort? Konservative bis extrem rechte Akteure, Politiker mehrerer Parteien (v.a. Union, FDP, AfD) Inhaltliche Ausrichtung/Blattlinie: Rechtspopulistisch bis rechtsaußen Nähe zur AfD: Inhaltliche Nähe und Interviews; Scharnierfunktion zwischen Union und AfD Warum problematisch? Polarisierende und verzerrende Inhalte, irreführende Meldungen sowie Kampagnen gegen Personen und Gruppen

Nius ist ein 2023 gestartetes Portal, das wegen seiner reißerischen Berichte und Kampagnen wie kaum ein anderes Medium in der Kritik steht. Die Website umfasst mehrere News-Kategorien und einzelne „Shows“, die zugleich als digitale Eigenmarken auftreten (u.a. „Achtung, Reichelt!“, „Gio unzensiert“, „Schuler! Fragen, was ist!“). Das Portal vermarktete sich lange als „Stimme der Mehrheit“ und damit als Gegenentwurf zur etablierten Medienlandschaft, mittlerweile erscheint es unter dem Zusatz „Überparteilich. Populär”.

Im Frühjahr 2026 verzeichnete die Seite nur noch 3,5 Millionen Visits pro Monat – im August 2024 waren es noch 9,5 Millionen gewesen – und lag damit weit außerhalb der Top 100 Onlinemedien Deutschlands. Trotzdem hat Nius auf sozialen Plattformen wie Youtube oder X eine beachtliche Reichweite aufgebaut, in mehreren Bundesländern sendet es sein Programm auch im linearen Radio. Für Beobachter gilt das Portal derzeit als einer der zentralen „Brückenbauer” vom bürgerlich-konservativen Lager zur AfD.

Nius-Chef Julian Reichelt bei einer Demonstration mit einem Mikrofon mit Nius-Logo
Früher Bild-Chefredakteur, heute Chef von Empörungsportal Nius: Julian Reichelt. Credit: IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Nius: Wer steckt dahinter und wer arbeitet für das Portal?

Das prominenteste Gesicht bei Nius war von Beginn an Julian Reichelt, der als ehemaliger Chefredakteur der Bild einst zu den mächtigsten Journalisten Deutschlands zählte. Reichelt musste den Konzern Axel Springer im Oktober 2021 verlassen, nachdem Vorwürfe von Machtmissbrauch und Fehlverhalten gegenüber jungen Mitarbeiterinnen bekannt geworden waren. Bereits im Juli 2022 startete er als Moderator den Kanal „Achtung, Reichelt!“, der später zum wohl krawalligsten Format bei Nius wurde. Mittlerweile ist Reichelt sowohl dessen Chefredakteur als auch einer der beiden geschäftsführenden Direktoren der VIUS Management SE, welche die Betreibergesellschaft von Nius vertritt. Laut der Zeit sei es Reichelt entgegen ursprünglichen Plänen gelungen, aus dem Portal zunächst eine „One-Man-Show“ zu machen.

Hinter Nius steckt eine Redaktion von rund 40 Mitarbeitern (Stand August 2026). Manche haben schon zuvor mit Reichelt zusammengearbeitet, wie Ralf Schuler, langjähriger Leiter der Parlamentsdirektion von Bild. Im Sommer 2022 verließ Schuler die Boulevardzeitung, u.a. weil sie sich die „Agenda der LGBTQ-Bewegung“ zu eigen gemacht habe. Ein weiterer prominenter Akteur seit 2024 ist Alexander Kissler, der über viele Jahre das Kulturressort des Cicero leitete und danach der Berliner Redaktion der NZZ angehörte. In den Shows verbreiten die Mitarbeiter vor allem Meinungsinhalte und erinnern dabei eher an Politfluencer als an Journalisten. Dementsprechend sorgte es zuletzt für Kritik, dass Pauline Voss als dritte Nius-Mitarbeiterin einen Zugang zur Bundespressekonferenz erhielt.

„Sehr düster, sehr aggressiv im Auftritt“

Obwohl Nius also mehrere bekannte Akteure gewinnen konnte, kennzeichnen das Portal von Beginn an personelle Abgänge: Nur wenige Monate nach dem offiziellen Start im Juli 2023 verlor Nius schon seinen damaligen Chefredakteur Jan David Sutthoff, der laut Medienberichten kein gutes Verhältnis zu Julian Reichelt gehabt haben soll. Erst im Jahr 2026 verlassen drei weitere Mitarbeiter das Unternehmen, ohne die genauen Gründe dafür öffentlich bekanntzugeben. Und andere prominente Personen, die ursprünglich mit eigenen Formaten an Bord sein sollten, zogen sich noch vor dem Start zurück, darunter der Comedian Oliver Pocher oder der Autor und Kolumnist Jan Fleischhauer. Als Gründe nannte Fleischhauer damals den düsteren, aggressiven Auftritt des Portals und die Dominanz Reichelts: „Reichelt ist bei ‚Nius‘ die dominierende Figur, und da habe ich gesagt: Wenn das so bleibt, dann kann ich bei euch nicht anfangen“.

Welche Inhalte verbreitet Nius?

Laut eigener Website recherchiere Nius „furchtlos und objektiv“ und berichte „die Fakten, auch wenn sie unbequem sind“. Dabei inszeniert sich das Portal als Kämpfer für Meinungsfreiheit und gegen „Cancel Culture“. In der Praxis zeichnen sich die Inhalte weniger durch seriöse Recherchen aus, sondern durch maximale Zuspitzung und Emotionalisierung: Deutschland im Ausnahmezustand, dominiert von unkontrollierter Masseneinwanderung, irrationaler Energiepolitik, einer unfähigen Bundesregierung oder ominösen „Kulturlinken“. Die Themenfelder – Anti-ÖRR, Anti-Migration, Anti-Grün, Anti-Woke – unterscheiden sich kaum von anderen rechten „Alternativmedien“. Allerdings wirkt Nius in seiner Aufmachung deutlich professioneller, weshalb es eher mit dem US-Fernsehsender Fox News verglichen wird. Für Experten hat das Portal wenig mit Journalismus gemein, es sei eine „Empörungsmaschine im Redaktionskostüm“, wie es die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (DJU) in einer Erklärung festhält.

Fox News

1996 von Rupert Murdoch gegründeter US-Fernsehsender. Trotz hoher Reichweite steht Fox News wegen seiner Nähe zu Donald Trump und irreführender Berichte vielfach in der Kritik. Mehrere Medien bezeichnen Nius als das „deutsche Fox News“, was vor allem an den Parallelen zwischen der ehemaligen Show mit Tucker Carlson und dem Kanal „Achtung, Reichelt!“ liegt.

Immer wieder verbreitet Nius auch irreführende Meldungen, die ins eigene Narrativ passen und die Mär vom angeblichen Niedergang Deutschlands bedienen – sei es, dass sich ein Wolfsburger Weihnachtsmarkt in „Winterwunderland“ umbenenne, oder einer Reisewarnung Kanadas zufolge Deutschland durch gestiegene Ausländergewalt so unsicher wie Simbabwe wäre. In jüngerer Vergangenheit fiel Nius zudem mit erfundenen Zitaten auf, konkret dass Wolodymyr Selenskyj sich bei Donald Trump „aufrichtig für jegliche Verärgerung“ entschuldige oder der Ökonom Lars Feld vor höheren CO₂-Preisen warne – gegenüber dem Spiegel erklärte Reichelt später, dass man mit „maschinellem Lernen“ experimentiert hätte. Angesichts solcher Falschnachrichten erscheint es nachvollziehbar, dass Nius den Pressekodex nicht anerkennt und sich damit einer freiwilligen Kontrolle durch den Deutschen Presserat entzieht. Allerdings hat seine reißerische Berichterstattung vermehrt juristische Folgen.

Im September 2024 beanstandete die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) einen Beitrag über Zahnbehandlungen von Asylwerbern, weil die darin abgebildeten Männer nicht hinreichend über Zweck und Umfang der Berichterstattung aufgeklärt worden seien. Der Bescheid der MABB inklusive Verwaltungsgebühr von 5.000 Euro ist bislang nicht rechtskräftig. Daneben muss sich Nius wiederkehrend bei Gericht verantworten: 2023 untersagte das Landgericht Hamburg zentrale Aussagen in „Achtung, Reichelt!“ u.a. wegen unzulässiger Verdachtsberichterstattung über die damalige SPD-Innenministerin Nancy Faeser. Im März 2024 verhängte das LG Berlin ein Zwangsgeld, weil Reichelt eine Gegendarstellung zur Finanzierung der NGO Mission Lifeline nicht ordnungsgemäß publik gemacht hatte. Zuletzt klagt die türkeistämmige Pächterin einer Behördenkantine auf Unterlassung, weil Nius ihre selbst bezahlte Eröffnungsfeier u.a. als „Fastenbrechen für Bürgergeldempfänger“ und „finanziert vom Steuerzahler“ darstellte. Die Kernaussagen des Berichts seien „sämtlich unwahr“, entscheidet das LG Köln.

Kampagnen und „Hetzjagden“

Ein weiteres Kennzeichen von Nius sind die aggressiven Kampagnen gegen politische Gegner. In den ersten Jahren zählten dazu vor allem die Grünen, wie zahlreiche Headlines zeigen: „Grüne lassen uns fürs Klima hungern“, „So gierig bereichern sich die Grünen an unserem Land! Öko-Raffkes!“, „Der grüne Kollektivismus endet im Gulag“. 2024 gingen auch die Grünen – teilweise erfolgreich – juristisch gegen das Portal vor, nachdem Reichelt ihnen den Aufbau einer eigenen Polizeieinheit unterstellt hatte. Passend zum Hass auf die Grünen agitiert Nius auch gegen die Klimaforschung, wenn es den Konsens zum menschengemachten Klimawandel als „hartnäckigste Klima-Lüge“ betitelt oder dem Klimawissenschaftsleugner Fritz Vahrenholt eine unkritische Bühne bietet. In Podcasts beschreibt Reichelt es als seine wichtigste Mission, angeblich linke Begriffe wie „Energiewende“ aus dem Diskurs zu drängen.

Seit die Grünen nicht mehr Teil der Bundesregierung sind, richten sich die Angriffe von Nius verstärkt gegen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und andere zivilgesellschaftliche Einrichtungen, die etwa für Flüchtlingshilfe oder Klimaschutz eintreten. Unter dem Schlagwort „NGO-Komplex“ zeichnet Nius das Bild eines scheinbar mächtigen Netzwerks, das linksradikal und zugleich staatlich gelenkt sei. 2025 erschien eine eigens produzierte Doku sowie ein gleichnamiges Buch eines damaligen Redakteurs. Auch als zuletzt die Schauspielerin Collien Fernandes Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann wegen sexualisierter digitaler Gewalt erhob, fokussierte sich Nius auf ein hinter Fernandes stehendes „Aktivisten-Netzwerk“. Die Kampagne hat offenbar Erfolg: Medien wie Bild, Welt oder NZZ übernehmen inzwischen das NGO-Feindbild und tragen es damit in die gesellschaftliche Breite.

Nius fährt seine Kampagnen auch gegen Einzelpersonen. Auffallend oft richten sich diese gegen in der Öffentlichkeit stehende Frauen wie Politikerinnen oder Moderatorinnen, die anschließend von einer aggressiven Social-Media-Community im Netz attackiert werden.

  • „Praxis der Nachrichtenmedien im Spring 2025: ‚Stimme der Mehrheit?‘ – Die journalistische Qualität von ‚Nius‘ im Kontext der Alternativmedien“, zu.de, 1. Juli 2025
  • „Ist ‚Nius‘ nur ein Scheinriese, der von der Aufmerksamkeit seine Kritiker lebt?“, stefan-niggemeier.de, 27. Mai 2026
  • „Verlustgeschäft mit Einfluss. Das System Nius – hauptsache gegen ‚links‘“, Belltower News, 1. Juli 2026
  • „Portal von Reichelt und Gotthardt: Was ist ‚Nius‘ – und was wird den Machern vorgeworfen?“, Tagesspiegel, 21. August 2025
  • „Wieso geben Politiker ‚Nius‘ Interviews? Wir haben sie gefragt“, Übermedien, 1. März 2024
  • „Reichelt revanchiert sich“, Jungle World, 17. August 2023
  • „Medien und Medizinsoftware: Der Profiteur von Spahns Politik“, Correctiv, 25. Juli 2025
  • „Reichelts Empörungsmaschine“, Spiegel, 2. Juli 2026

Der Fall Alexandra Föderl-Schmid

Im Februar 2024 brachte das Portal zahlreiche Beiträge zu angeblichen Plagiatsvorwürfen gegen Alexandra Föderl-Schmid, Journalistin und damalige stellvertretende Chefredakteurin der Süddeutschen Zeitung, auf Basis eines privaten Gutachtens, das Nius selbst bezahlt hatte. Die Vorwürfe wurden später von mehreren Stellen entkräftet, seriöse Medien bezeichneten die Kampagne gegen Föderl-Schmid als „Hetzjagd“. Der Fall Föderl-Schmid zeigt exemplarisch, wie Nius mit einer größeren Zahl von Artikeln, zugespitzten Vorwürfen und der Skandalisierung über soziale Medien Druck auf einzelne Menschen ausübt.

Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf

Noch mehr Aufsehen erregte eine im Sommer 2025 gestartete Aktion gegen die von der SPD vorgeschlagene Verfassungsrichterkandidatin Dr. Frauke Brosius-Gersdorf, an der sich Nius maßgeblich beteiligte: In nur zehn Tagen veröffentlichte das Portal mehr als 20 Artikel gegen Brosius-Gersdorf, Reichelt bezeichnete sie auf Sendung als „übelste, extrem linke Aktivistin“ und „Richterin des Grauens“. Im Mittelpunkt der Kampagne standen Brosius-Gersdorfs vermeintliche, teils irreführend dargestellten Positionen zum Schwangerschaftsabbruch. Wenig später zog die Juristin ihre Kandidatur zurück, da Teile der Unionsfraktion ihre Zustimmung verweigerten. Laut einer Analyse der Beratungsfirma polisphere zählten „Alternativmedien“ wie Nius zu den entscheidenden Playern beim Erfolg der Aktion gegen Brosius-Gersdorf.

Nius und die Politik: Scharnier zwischen Union und AfD?

Nius-Autor Alexander Kissler in einem Sitzungsraum des Bundestags bei einer AfD-Veranstaltung, vor ihm eine Reihe von Getränken
Nius-Autor Alexander Kissler bei einer AfD-Veranstaltung im Bundestag. Credit: IMAGO / Bernd Elmenthaler

Dass es Nius mit seinen Kampagnen immer wieder gelingt, die öffentliche Debatte zu beeinflussen, dürfte speziell an seiner Wirkmacht auf politische Parteien liegen. Im Unterschied zu anderen Empörungsmedien sind Politiker bei Nius deutlich präsenter, etwa im Format „Schuler! Fragen, was ist“ oder in der früheren Talksendung „Stimmt!“. Die Auftritte beschränken sich dabei nicht auf ein politisches Lager – mit Ausnahme von Grünen und Linken haben schon Vertreter aller Parlamentsparteien dem Portal Interviews gegeben. Ein Stammgast ist von Beginn an der aktuelle FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki, aber auch der SPD-Abgeordnete Ralf Stegner saß bei Schuler bereits im Studio. In jüngerer Zeit treten vermehrt AfD-Vertreter bei Nius auf, darunter Alice Weidel und Ulrich Siegmund.

Noch häufiger waren in der Vergangenheit aber Politiker der Union zu Gast. Dazu zählten CDU-Bundestagsabgeordnete wie Christoph Ploß oder Caroline Bosbach, und sogar der frühere CDU-Generalsekretär und aktuelle Gesundheitsminister Carsten Linnemann, sowie die Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU), Sven Schulze (CDU) und Markus Söder (CSU). Die Auftritte hochrangiger bürgerlicher Politiker führen angesichts der aggressiven Agenda von Nius zu viel Kritik. Der Medienkritiker Stefan Niggemeier warnte bereits 2024: „Wer mit ‚Nius‘ redet, verschafft diesem Medium Aufmerksamkeit und den Anschein von Satisfaktionsfähigkeit.“ Mittlerweile hat die Zahl der Unionsgäste deutlich nachgelassen, was Reichelt gegenüber dem Spiegel auf die Causa Brosius-Gersdorf zurückführt, die auch innerhalb der Bundesregierung für Unmut sorgte.

In der Union wird Nius derzeit also durchaus unterschiedlich bewertet. Anfang 2026 etwa sprach Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) bei Markus Lanz hinsichtlich Nius von „Feinden von Demokratie“ und kritisierte, dass Parteikollegen solche Portale positiv rezipieren. Das Portal reagierte prompt: In einem manipulativen TV-Zusammenschnitt erweckte es den fälschlichen Eindruck, Günther hätte ein Verbot des Portals gefordert und ging sogar gerichtlich gegen den CDU-Politiker vor – wegen vermeintlicher Verletzung des Neutralitäts- und Sachlichkeitsgebots als Ministerpräsident, bis dato ohne Erfolg.

Wer finanziert Nius?

Die Offenheit vieler Unionspolitiker gegenüber Nius dürfte auch mit seinem Hauptfinanzier zusammenhängen. Zum Start von „Achtung, Reichelt!“ kam bereits die Frage auf, wie sich der Kampagnenkanal ohne Abo- und Werbeeinnahmen überhaupt trägt. Bald fiel hier der Name des CDU-nahen Unternehmers und damaligen Milliardärs Frank Gotthardt, nachdem T-Online ein geheimes Treffen mit Reichelt und gemeinsame Firmensitze in Berlin aufgedeckt hatte. Dennoch blieb die Finanzierung von Nius lange offiziell geheim, ehe Gotthardt im Februar 2024 in einem regionalen Podcast erklärte, dass man etwas gegen „die Übermacht der Medien, die eher links zu verorten sind“ tun müsse, weshalb er bei Nius aus einer „staatsbürgerlichen Verantwortung“ eingestiegen sei.

Nius-Investor Frank Gotthardt auf einer Pressekonferenz der Kölner Haie
Nius-Investor Frank Gotthardt ist auch Hauptinvestor der Kölner Haie. Credit: IMAGO / Eduard Bopp

Frank Gotthardt: Zentraler Geldgeber hinter Nius

Gotthardt war Gründer und langjähriger Geschäftsführer der CompuGroup Medical (CGM), einem der größten europäischen Anbieter von IT-Systemen für Arztpraxen, Kliniken und Apotheken. Laut Correctiv steigerte die CGM ihren Umsatz speziell während der Amtszeit von CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn, dessen Digitalisierungsmaßnahmen im Medizinbereich der CGM als Softwareunternehmen zugute kamen. Daneben ist Gotthardt Hauptinvestor des Eishockey Clubs Kölner Haie und Besitzer einiger Regionalfernsehsender. Obwohl der 75-Jährige offiziell parteilos ist, war er über viele Jahre Landesvorsitzender des Wirtschaftsrates der CDU in Rheinland-Pfalz und spendete im Bundestagswahlkampf 2025 gemeinsam mit seiner Frau 180.020 Euro an die CDU sowie 200.000 Euro an die FDP.

Wirtschaftsrat der CDU

Ein der CDU nahestehender Lobbyverein, der sich in Landesverbänden organisiert und laut Lobbycontrol als „einflussreicher Klimaschutz-Bremser“ gilt. Mehrere führende Vertreter des Wirtschaftsrats traten schon bei Nius auf, darunter dessen Präsidentin Astrid Hamker. Gotthardt war lange Bundesvorstandsmitglied, seit 2022 ist er Ehrenvorsitzender des Wirtschaftsrats Rheinland-Pfalz.

Derzeit hält eine Firma Gotthardts rund 88 Prozent an der VIUS SE & Co. KGaA, der Betreibergesellschaft von Nius. Laut seinem Umfeld habe er zu Reichelt ein vertrautes Verhältnis, die beiden seien fast wie Vater und Sohn. Das einstige Ansehen des IT-Unternehmers wirkt aber zunehmend beschädigt: 2024 gab es eine Diskussion zum Image der Kölner Haie anlässlich Gotthardts Medienengagement, nachdem ein offener Brief eines besorgten Fans publik wurde. Laut Medienberichten würden außerdem immer mehr Kassenärzte von CGM zu Konkurrenzprodukten wechseln, manche Einrichtungen soll die Verbindung zu Nius stören. Und im Sommer 2025 sorgte die Teilnahme von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner an einem CDU-Fest in den Räumlichkeiten der CGM für Wirbel, wodurch auch die Nähe Klöckners zu Gotthardt in den Fokus geriet.

Nius, Exxpress und MCC: Verbindungen ins Ausland

Gotthardts medienpolitisches Interesse scheint sich nicht auf Deutschland zu beschränken: Im Mai 2024 steigt die ViUS SE beim österreichischen Exxpress ein, der damals unter finanziellem Druck steht und inhaltlich ähnlich auftritt wie Nius. Mittlerweile ist Gotthardts Firma mit rund 75 % Mehrheitsgesellschafterin des österreichischen Onlinemediums. Seither übernimmt der Exxpress regelmäßig bei Nius erschienene Inhalte und hat seine TV-Formate an das deutsche Mutterportal angeglichen. Außerdem ist Exxpress-Geschäftsführerin Vera Regensburger auch geschäftsführende Direktorin bei Nius neben Julian Reichelt. Regensburger war bis 2022 Vizekabinettschefin im ÖVP-geführten Bundeskanzleramt und arbeitet zusätzlich noch als Geschäftsführerin eines Unternehmens von Sebastian Kurz, der von Beginn an ein Naheverhältnis zum Exxpress hatte.

Sebastian Kurz

Ehemaliger österreichischer Bundeskanzler (ÖVP), der 2021 wegen strafrechtlicher Ermittlungen zurücktrat und danach u.a. für Peter Thiel tätig war. Während seiner Amtszeit genoss Kurz das Wohlwollen der Bild-Zeitung. Sein gutes Verhältnis zu Julian Reichelt dürfte bis heute anhalten, zur US-Wahl 2024 trat er exklusiv bei Nius auf. Mehrere enge Vertraute von Kurz sind inzwischen für Unternehmen von Frank Gotthardt tätig.

Die Verbindungen von Nius ins Ausland reichen aber über Österreich hinaus: 2025 berichtet der Wiener Falter, dass das Portal offenbar mit der ungarischen Wochenzeitung Mandiner kooperiert, die dem Orbán-nahen Matthias Corvinum Collegium (MCC) gehört und Videoinhalte von Nius exklusiv übernimmt. Passend dazu trat Nius-Politikchef Ralf Schuler in den letzten Jahren bei Events des MCC als Gastredner auf. Auch zur US-Administration unter Donald Trump, die bei Nius auffallend unkritisch wegkommt, scheint man gute Kontakte zu haben. Als Friedrich Merz im Mai 2025 bei Trump im Oval Office zu Gast ist, sitzt Reichelt im Publikum, obwohl er nicht der deutschen Pressedelegation von Merz angehört. Im Nachhinein erklärt Reichelt, dass er sich persönlich bei der US-Regierung darum gekümmert habe, im Weißen Haus dabei sein zu dürfen.

Julian Reichelt auf der linken Seite des Bildes, Österreichs früherer Bundeskanzler Sebastian Kurz auf der rechten Seite, beide im Gespräch für Nius Live
Sebastian Kurz hat ein enges Verhältnis zur Nius-Schwester Exxpress und war auch schon bei Nius zu Gast. Quelle: Screenshot Nius

Warum ist Nius gefährlich?

Mit permanenter Skandalisierung, Verzerrung und Feindbildern zielt Nius auf Polarisierung ab und trägt damit zur Spaltung der Gesellschaft bei. Der Politikwissenschaftler Markus Linden beobachtet eine gewisse Radikalisierung, die das „rechtspopulistische Agitationsformat mit journalistischem Anstrich“ durchlaufen habe: „Nius ist bereit, über die rein ideologisch geprägte Darstellungsweise hinauszugehen, also bewusst manipulative Methoden der Desinformation zu nutzen“, es stellt somit eine ernstzunehmende Gefahr für die informierte Öffentlichkeit dar. Eine Studie gelangte 2025 zum Ergebnis, dass Nius sich dem aggressiven Kulturkampf der US-Republikaner anpasse, der vorrangig auf die Durchsetzung kultureller Hegemonie abziele, „indem Menschen eingeschüchtert werden, bestimmte Ansichten oder Merkmale öffentlich zu vertreten.”.

Jens Spahn

Langjähriger CDU-Politiker und bis Juli 2026 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Spahn pflegt gute Kontakte zu US-Republikanern und nahm an Veranstaltungen des „Dialog“-Netzwerks vom umstrittenen Tech-Milliardär Peter Thiel teil. Daneben soll er ein enges Verhältnis mit Julian Reichelt gehabt haben, als dieser noch Chefredakteur bei Bild war. Auch bei Nius war Spahn schon zu Gast.

Der Kulturkampf von Nius dürfte eine Radikalisierung des bürgerlich-konservativen Lagers beabsichtigen und adressiert damit primär die CDU. Dabei zeigt man sich immer offener gegenüber der AfD und springt dieser regelmäßig zur Seite, wenn etwa die Brandmauer als „lebensgefährlich“ oder ein verfassungsrechtliches Gutachten zur AfD als „NGO-Gutachten“ betitelt wird. Der Journalist Robert Pausch betrachtet Nius als derzeit vermutlich lautesten Akteur, um „die Union in Richtung AfD zu öffnen“. Es überrascht somit nicht, dass es im Bundestagswahlkampf 2025 zu den von der AfD am häufigsten geteilten Medien zählte, und ein neues KI-Tool der Partei seine Informationen bevorzugt aus dem Portal speist. Zuletzt postete ein Nius-Mitarbeiter für kurze Zeit das Foto einer Schusswaffe und eines blauen AfD-Kugelschreibers mit dem Beisatz „Falls jemand fragt, mit welchem Stift wir unsere Texte schreiben“.

Berührungspunkte gibt es vereinzelt auch zum rechtsextremen Vorfeld: Ende 2024 deckte das ZDF Magazin Royale auf, dass eine Aktivistin aus dem Umfeld der Identitären Bewegung bei Nius als externe Autorin gelistet sei. Im Mai 2026 fand ein vom neurechten „Jungeuropa“-Verlag organisiertes Vernetzungstreffen statt, bei dem ein damaliger Nius-Mitarbeiter als Podiumsgast teilnahm. Ebenso traten in den Formaten schon einschlägige Akteure wie die niederländische Aktivistin Eva Vlaardingerbroek oder die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen auf. Zu den Nius-Dauergästen zählen aber vor allem rechtskatholische Akteure wie die Publizistin Birgit Kelle oder Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Beobachter bewerten das Portal daher auch als Scharnier zwischen dem konservativen und extrem rechten Lager.

Wie erfolgreich ist Nius?

Binnen weniger Jahre hat Nius in der politischen Debatte eine gewisse Diskursmacht erlangt, indem seine Kampagnen und Wordings speziell auf bürgerliche Akteure Einfluss ausüben. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt dabei seine starke Präsenz auf Social Media: Nach einer Auswertung vom Februar 2026 rangierte Nius auf Platz 3 der deutschsprachigen reichweitenstärksten X-Accounts und Julian Reichelt auf Platz 8, was wohl auch mit den veränderten Plattformlogiken seit Elon Musks Übernahme zusammenhängt. Auf dem Youtube-Kanal folgen Nius rund 580.000 Abonnenten, sodass seine Videos oft mehrere hunderttausend Aufrufe erzielen (Stand August 2026). Hierfür dürfte man auch ordentlich Geld in Hand nehmen: Allein zwischen 2023 und 2025 gab Nius mindestens 1,4 Millionen Euro für politische Online-Werbung aus, wie die Google- und Meta-Transparenzdatenbanken zeigen.

Die wirtschaftliche Situation von Nius erscheint hingegen weniger rosig. Zwar bietet das Portal ein Abomodell an, das einem Datenleak zufolge aber bis Juni 2025 nur ca. 350.000 Euro an Einnahmen generierte und damit kaum zahlende Leser hat. Auch seriöse Werbekunden sollen Kooperationen mit dem umstrittenen Portal scheuen, wie ein Ex-Mitarbeiter 2024 der Zeit mitteilte. Im Juni 2026 startete Nius eine Werbekampagne in den Fahrzeugen der Berliner Verkehrsbetriebe. Die BVG versuchte, die Kampagne zu beenden, worauf eine juristische Auseinandersetzung folgte, die im August 2026 noch andauerte. 

Das Portal erweist sich bislang als offenkundiges Verlustgeschäft für Frank Gotthardt, der schon bis zu 50 Millionen Euro in das Medienprojekt gesteckt haben soll, ohne dass ein Geschäftsmodell dahinter erkennbar wäre. Nius ist damit ein primär ideologisch motiviertes Projekt, dessen Zukunft für Beobachter letztlich auf eine Frage hinausläuft: Wie lange bleibt ein Investor gewillt, sein Vermögen und Ansehen für ein rechtes Krawall-Portal weiter zu schmälern?

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