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Tourblog aus Berln

Tour durch Deutschland

Berlin, 5. September 2009

50.000 auf der Straße gegen Atomkraft

Atomfässer

Die S-Bahnen sind voll. Die Berliner fahren zum Hauptbahnhof. Auf dem Vorplatz ist es voll, nur langsam kommt man vorwärts. Heute demonstrierend tausende gegen den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke. Noch weiß niemand, dass am Ende der Demo verkündet wird, dass 50.000 Menschen dabei sind.

Das Wetter ist gut, die Sonne scheint, der Wind weht. Hanna Poddig ärgert das. Die Atomkraftgegnerin läuft auf Stelzen und verteilt Flugblätter. Der Wind quält sie ein wenig. „Es ist derbe anstrengend“, sagt sie. Für die vielen Fahnenträger hingegen ist das Wetter optimal. Auffällig sind vor allem die Grünen-Fahnen und die gelben Fahnen mit der Anti-Atom-Sonne.

Atomfässer

Transparente sind auch überall zu sehen. „Es geht wieder los!“, begrüßt ein rund zehn Meter breites Banner der Anti-Atom-Kampagne „ausgestrahlt“ die Demonstranten am Hauptbahnhof. Im Kampf um die größte Sichtbarkeit dürfte es aber von der CDU-Werbefläche übertroffen werden. „Klug aus der Krise“, steht darauf, daneben lächelt Angela Merkel. Doch das Plakat bleibt nicht lange heile. Mehrere Dutzend Anti-Atom-Aufkleber verdecken den CDU-Schriftzug – mehr oder weniger. Dann wird das Riesenplakat zerschnitten. Zunächst ist im Hals der Kanzlerin ein Loch. Dann wird es ausgeweitet, am Ende ist auch ein Teil des CDU-Schriftzugs nicht mehr zu sehen. Zwei Meter hoch, ein Meter breit – dieses Stück fehlt nun.

Atomfässer

Über Sachbeschädigung dürfte sich nicht nur die Union beschweren. Auch die Autos am Straßenrand bleiben nicht verschont. Aufkleber mit der Anti-Atom-Sonne kleben an Fensterscheiben, am Rückspiegel oder auf dem Mercedes-Stern. Wer es war, lässt sich wohl nicht mehr ermitteln. Tausende ziehen durch die Straßen. Nur zehn Leute rollen gegen den Strom. Die Bunte Jugend Reinickendorf – kurz BJR – bahnen sich den Weg durch die Demonstration mit ihrem Atommüllfass. „Achtung, Achtung! Räumen Sie die Straße“, rufen sie dazu.

Das Atommüllfass kommt eigentlich aus dem Campact-Castorbehälter. Heute ist der nachgebaute Atommülltransport bereits zum zweiten Mal in Berlin dabei. Rund 50 Aktivisten beschützen den Lkw mit der vermeintlich gefährlichen Fracht, messen die Strahlung und rollen die Atomfässer vor sich her. Auch die Lautsprecheranlage mit vier Boxen kommt heute erstmals zum Einsatz. Als der Demozug an den Zentralen der Energiekonzerne RWE und EnBW vorbeikommt, werden die Orte auf ihre Endlagertauglichkeit überprüft – leider erfolglos.

Atomfässer

Erfolgreich sind die Campact-Leute hingegen beim Flugblätter-Verteilen. Am Bundespresseamt stehen acht Leute und verteilen allen Demonstranten insgesamt 10.000 „Abschalt-Aufträge“. Über 100.000 Menschen haben die Erklärung bereits unterzeichnet, die das Abschalten der Reaktoren fordert. Vielleicht werden es in den nächsten Tagen noch ein paar mehr.

An den Campact-Leuten ziehen Leute aus allen möglichen Zusammenhängen vorbei: Im „weißen Block“ versammelt sich die spirituelle Szene, die satirische ClownsArmy beteuert immer wieder, es gebe „keinen Grund zur Panikmache“ und die mehrere Meter lange Drächin Futura macht Stimmung gegen Atomkraft und Patriarchat. Ein Fahrradanhänger macht Werbung für einen Film über Uranabbau, der gegen eine Spende von 10 Euro auch direkt nach Hause genommen werden kann. Wirklich kostenlos ist aber auf der Demo auch einiges: Nicht nur die Tageszeitungen taz, Neues Deutschland und jungeWelt werden verteilt, vor dem Friedrichsstadt Palast haben sich auch Mitarbeiter des Greenpeace Magazins postiert mit einem Atommüllfass und einem großen Packen Zeitschriften. Demonstranten können also richtig absahnen – regulär kostet das Greenpeace Magazin über fünf Euro.

Atomfässer

Die Demo scheint zwar kostenlos – in Wirklichkeit haben die Veranstalter aber ordentliche Mengen bezahlt, alleine die Bühne soll 30.000 Euro gekostet haben. Deswegen sind fast hundert Menschen unterwegs, die mit einer langen Spendendose aus Pappe den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Als Dankeschön gibt es einen gelben Button als Andenken von der Demo. Der Richtwert ist zwei Euro, viele Leute hätten aber auch Scheine eingeworfen, erzählt eine Spendensammlerin.

Geld kriegen die Veranstalter auch von Sponsoren wie dem Ökostromanbieter Lichtblick, die ihre Stände vor dem Brandenburger Tor aufgebaut haben. Die Energieversorger Greenpeace Energy, die Elektrizitätswerke Schönau und Naturstrom sind auch dabei. Naturstrom-Anbieter laufen sogar mit einem eigenen Transparent bei der Demo mit. „Energiewende jetzt! Naturstrom wählen“, ist darauf zu lesen. Die vier Naturstrom-Demonstranten werden für ihre Teilnahme jedoch weder bezahlt noch vom Unternehmen dazu gedrängt, versichert einer von ihnen. Hier verbringen sie ihre Freizeit. „Weil ich davon überzeugt bin, fahre ich auch gerne mal nach Berlin.“

Atomfässer

Nicht nur die Ökostromanbieter werben bei der Abschlusskundgebung. Auch Parteien, Umweltverbände und andere politische Gruppierungen haben hier ihre Stände aufgebaut. Von der Bühne wird ordentlich Stimmung gemacht. „Sind wir viele?“ „Ja!“ „Sind wir mehr denn je?“ „Ja!“ Zunächst wird die Teilnehmerzahl auf 40.000 beziffert, dann wird sie auf 50.000 nach oben korrigiert. Die Polizei spricht von 36.000 Demonstranten.

Ab 17 Uhr werden es aber weniger. Die Leute müssen zu ihren Bussen zurück, sie sind erschöpft. Aber man sieht ihnen an: Die heutige Demo war ein Erfolg. Drei Wochen vor der Bundestagswahl hat die Anti-Atom-Bewegung ein deutliches Zeichen für den Ausstieg gesetzt. Bleibt abzuwarten, ob die Parteien das verstehen.

Atomfässer

Bilder und Filme:

Medienberichte zur Aktion:

Tour durch Deutschland

Berlin, 28. August 2009

Endlagersuche in Berlin gestartet

Es ist eine gelungene Premiere: Rund 100 Menschen sind zur Vattenfall-Zentrale in Berlin gekommen, um von dort aus einen Castor-Transport der besonderen Art zu begleiten. Ein Lastwagen mit dem mehrere Meter langen Behälter für den Atommüll, umringt von Wissenschaftlern mit ihren Geigerzählern und Ordnern, die darauf achten, dass niemand zu nahe kommt. Hinzu kommen zahlreiche Plakate, auf denen in großen Lettern gewarnt wird: „Achtung Atommüll“. Und wie es sich für einen ordentlichen Castor-Transport gehört, ist auch die Polizei dabei. Einsatzwagen am Anfang und am Ende des Umzugs sorgen dafür, dass die strahlende Fracht ohne Verzögerung ans Ziel kommt.

Atomtransport

Vorsicht Atomtransport!

Endpunkt ist der Pariser Platz, direkt vorm Brandenburger Tor. Dort ist bereits eine menschengroße Bohranlage aufgebaut, umgeben von einer rot-weißen Absperrung. Daran prangt ein Schild: „Achtung Probebohrung“. Doch das ist nach wenigen Sekunden nicht mehr zu sehen, denn die Pressevertreter stürzen sich auf das Schauspiel, das nun beginnt: Die Maschine wird angeschmissen, die Wissenschaftler mit Helm und Maske zaubern eine Bodenprobe hervor. Danach wird sie mit Geigerzählern und Lupen untersucht, der Platz vorm Wahrzeichen Berlins aus untauglich für ein Endlager eingestuft.

Probebohrung

Richtig wissenschaftlich ist das nicht, doch das spielt bei der Entscheidung für einen Standort ohnehin keine Rolle, wie wir die letzten Tage gelernt haben. Schließlich haben Wissenschaftler schon vor über 20 Jahren gewarnt, der Salzstock in Gorleben sei als Endlager nicht geeignet. Die Bundesregierung hat trotzdem daran festgehalten. „Jetzt kommt an den Tag, was eh alle wussten“, ruft Kerstin Schnatz bei der Auftaktkundgebung in das Megafon. „Gorleben wurde nicht nach wissenschaftlichen Kriterien ausgewählt.“

Peter Dickel kommt aus der Nähe von Gorleben. Der Sprecher der AG Konrad sagt, für eine Endlagersuche brauche man in Deutschland bloß ein ruhiges Hinterzimmer, „und dann streicht man das Wort ‚Bedenken’ und schreibt ‚eignungsfähig’ hin“. Gemeint sei damit aber, dass ein Endlager „durchsetzungsfähig“ sei.

Endlagersuchende

Mehr als 100 "WissenschaftlerInnen" waren in Berlin auf Endlagersuche

Auf der Abschlusskundgebung redet auch Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe. Er sagt, dass neben der Atommüllfrage inzwischen auch ein anderes Argument gegen die Nutzung der Risikotechnologie spreche: Je stärker die erneuerbaren Energien ausgebaut werden, desto weniger Grundlastkraftwerke würden benötigt. Deswegen würden Atomkraft und Erneuerbare nicht zusammenpassen. „Es ist keine Frage der Ideologie, sondern eine Frage der Technik“, so Rosenkranz. Denn die Regenerativen liefern nur zeitweise Strom, die Zwischenzeiten müssten durch flexible Kraftwerke ausgeglichen werden. Und Atomkraftwerke können nicht so schnell an- und abgeschaltet werden.

Castor-Transport

Auch vor der Zentrale des Atomkonzerns ENBW finden wir kein Endlager für Atommüll.

Gesteinsprobe

Letzte Messungen ergeben, dass Berlin nicht als Endlager geeignet ist.

Weitere Bilder:

Medienberichte zur Aktion: