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Mittlerweile genügt ein schneller Blick in das bevorzugte Tagesmedium, um zu erkennen, dass demokratische Gesellschaften ein erhebliches Problem mit der Abhängigkeit von antidemokratischen Unternehmen und Regierungen haben. Das betrifft Privatpersonen, Legislative, Judikative und Exekutive ebenso wie Nichtregierungsorganisationen. Wir computern alle im selben Boot. 

Die großen Netze in den Händen der Wenigen

In der Welt der sozialen Medien sieht das Problem so aus: Rund um die Uhr leiten Plattformen und Apps sensible Nutzungs- und Bewegungsdaten von Millionen Menschen in antidemokratische bis faschistische Hände. Jeder Post wird von antidemokratischen Algorithmen analysiert, gefiltert und bewertet. Die Plattformen sind optimiert für Suchtverhalten, Ablenkung und Datenerhebung – wirkliche Inhalte haben es schwer. Jeden Moment können unliebsame Akteure durch die Sperrung von Accounts bestraft werden. Fast die gesamte öffentliche Kommunikations-Infrastruktur kann über Nacht ausgeknipst werden.

Auch dieser sogenannte „Kill Switch“ liegt, neben den Einnahmen und den Daten, in antidemokratischen Händen. Je nachdem, wie wichtig wir unabhängige Informationsvermittlung, Diskurs und Wissenskommunikation bewerten, desto größer oder kleiner erscheint das Problem.

Wie demokratisch wird die Social-Media-Zukunft?

Steile These: Angenommen, demokratische Kommunikationsstrukturen sind eine Bedingung von Demokratie. Dann erschwert, wer sich weiterhin an die problematischen Plattformen klammert (wie beispielsweise die Bundesregierung), demokratische Lösungen. Das ist hart und pauschal formuliert, aber angesichts des Fehlens demokratischer Kommunikations-Strukturen durchaus angemessen. 

Petition: Bundesregierung endlich runter von X!

Eine Petition auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, fordert, dass Bundesregierung und ihre Behörden X sofort verlassen und ihre Social-Media-Kommunikation auf offene, gemeinwohlorientierte Plattformen verlagern sollen. Schließe Dich über 150.000 Menschen an:

Was also tun? Diese Frage versuchen verschiedene Social-Media-Projekte mit sehr unterschiedlichen Zielen und Werten zu beantworten. Der gemeinsame Nenner ist die Idee, bessere Alternativen zu den gekippten Social-Media-Plattformen aufzubauen. Außerdem benötigen alle Projekte eine Finanzierung.

Vielleicht lässt es sich sogar so sagen: Jetzt ist die Zeit, in der öffentliche und private Budgets darüber entscheiden, ob die öffentliche Kommunikations-Infrastruktur in Zukunft demokratisch wird oder erneut in die Hände einiger weniger Menschen mit viel Macht über Millionen Nutzende gelegt wird.

Die monatliche Wechsel-Party: Digital Independence Day

Björn Staschen will mit der Initiative „Save Social“ soziale Netzwerke als demokratische Kraft retten. Für Menschen in sozialen Netzwerken empfiehlt er etwa den Wechsel von X zu Mastodon. Und tatsächlich sind durch Initiativen wie den Digital Independence Day und das Aktionsbündnis neue soziale Medien im Fediverse seit Jahresbeginn zu beobachten, dass wöchentlich neue interessante Akteure dazu kommen, zum Beispiel das Deutsche Technikmuseum Berlin, die Allianz Foundation, die Deutsche Physikalische Gesellschaft, das Netzwerk Gemeinwohl-Ökonomie Unternehmen in Berlin-Brandenburg, die Hochschulrektorenkonferenz und Ruprecht Polenz. Wechselangebote gibt es auch für E-Mail und Messenger, für den Browser, die Suchmaschine, die Textverarbeitung und mehr.

Im Interview erklärt Björn Staschen die Hintergründe und Ziele zum Digital Independence Day (DID).

Ebelt: Wie ist die Idee zum DID entstanden?

Staschen: Nach dem großen Erfolg unserer Petition „Save Social“ haben wir überlegt: Was können wir selbst machen, um die von uns geforderte Veränderung mit anzuschieben? Im Sommer 2025, vor dem 4. Juli, haben wir daher einmal den „Save Social Day“ ausprobiert mit dem Ziel, dass Menschen an diesem Tag nicht posten. Viele haben sich beteiligt, aber Schweigen kann man auf Social Media eben nicht so gut hören. Marc-Uwe Kling hat parallel die Idee beschrieben, einen Digital Independence Day auszurufen. Die Rückmeldungen waren so positiv, dass wir uns daran gemacht haben, den DID mit Leben zu füllen. 

Hat der erste DID am 4. Januar Deine Erwartungen erfüllt?

Mehr als das: So viele Organisationen haben sich gemeldet, die mitgemacht haben. Wir hatten bundesweit mehr als 60 Veranstaltungen, vor allem in den Regionalgruppen des Chaos Computer Clubs, aber auch online, zum Beispiel bei der Gesellschaft für Informatik. Unsere Save-Social-Sprechstunden haben mehr als 70 Menschen besucht. Und wir haben unendlich viele positive, ermutigende Rückmeldungen zu unseren Wechselrezepten bekommen.

Wie sind bisher die Reaktionen zum DID ausgefallen?

Sehr positiv. Natürlich gibt es immer Fragen: Warum empfehlt diese App, aber nicht jene? Unsere Kriterien sind ganz einfach: Wir wollen Menschen dazu bewegen, die großen Big-Tech-Silos zu verlassen, hin zu besseren Alternativen. Da ist das Spektrum manchmal groß – und es nützt nichts, wenn wir ein fantastisches dezentrales Open-Source-Projekt empfehlen, das aber niemand nutzt. Unsere Rezepte sind also immer auch praktikabel – und daher manchmal auch Kompromisse. In den Reaktionen sehen wir aber, dass das sehr gut ankommt, weil diese Wechsel eben realistisch und machbar sind. Schritte, nicht nicht zu groß sind und zum Sturz führen.

Was ist für 2026 geplant?

Wir machen an jedem ersten Sonntag im Monat einen Digital Independence Day, und im Idealfall wird die Bewegung so groß, dass sie von selbst wächst, dass sie niemand steuert oder koordiniert. Wir setzen auf viele dezentrale Projekte, Ideen und Gedanken. Save Social wird weitere Wechselrezepte beisteuern, mindestens eins pro Monat. 

Wie können sich Menschen beteiligen und wie können sie informiert bleiben? 

Sie können unseren Newsletter abonnieren – und sie können mit wechseln, sich an Veranstaltungen beteiligen und über ihre Erfahrungen sprechen: Auf unserer Website können die Rezepte auch als Social-Media-Posts geruntergeladen werden, was es ganz leicht macht, Familien, Freunden und Bekannten vom Wechsel zu erzählen. Wir freuen uns auch über Spenden, um durchzuhalten.

Es gibt viele Ideen zu der Frage, wie mit der Macht von Big Tech umzugehen ist: Mehr Regulierung, eine Digitalsteuer, die Vergesellschaftung von Digitalkonzernen und vieles mehr. Warum setzt der DID auf den Wechsel und wie steht ihr zu den anderen Debatten?

Der DIDAY ist nur eines unserer Projekte. Save Social wurde ja aus einer Petition geboren, die sich sehr klar für Veränderungen in der Medienpolitik ausspricht: Wir müssen den Big-Tech-Monopolen ihre Privilegien nehmen, wir müssen wieder Wettbewerb herstellen auf Quasi-Monopolmärkten. Und eine Digitalsteuer kann aus meiner Sicht dabei helfen, eine resiliente Informationsinfrastruktur aufzubauen. Der DIDAY allein wird’s nicht richten – er zeigt aber deutlich, dass auch wir Verbraucher Marktmacht haben, die wir einsetzen sollten.


Vier Alternativen zu X, Stand Januar 2026

Bluesky

Bluesky ist in einer Arbeitsgruppe innerhalb des X-Vorgängers Twitter entstanden. 2021 wurde eine eigene private, gewinnorientierte US-amerikanische Firma gegründet. Der führende Investor ist die umstrittene Blockchain Capital, über die Der Standard im November 2024 berichtet hat. Zur Struktur der Unternehmung gehört auch eine Art gemeinwohlorientierte Körperschaft, die nach US-Recht nicht in jedem Fall finanzielle Erträge priorisieren muss. Während Präsident Trumps Plattform Truth Social und Elon Musks Plattform X als republikanische Plattformen angesehen werden, gilt Bluesky als Plattform von Demokraten. In jedem Fall ist das Projekt, ob es will oder nicht, von den zukünftigen Entwicklungen in den USA abhängig.

W Social

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos haben „100 handpicked leaders“, wie es in der Videobeschreibung unter dem 10-minütigen Promo-Video auf Youtube heißt, eine neue Social-Media-Plattform für Europa vorgestellt. An einigen Stellen wird fälschlicherweise behauptet, es sei eine EU-Initiative, dabei ist es eine private Initiative aus Schweden. Im Video sind Menschen mit vermutlich ironischen Mützen in MAGA-Optik zu sehen, die erklären, was alle wollen und wie die perfekte Lösung aussieht. Zu der gehört eine Identifikationspflicht aller Nutzer*innen. Technisch ist W Social eine schnell gemachte Kopie des US-amerikanischen Dienstes Bluesky, was nicht offen kommuniziert wird. Dienste die, wie W Social, auf Bluesky basieren, sind nicht vollständig unabhängig vom US-Unternehmen Bluesky. Informationen dazu, wie es weitergehen soll, sind aktuell nicht zu finden. Auf der Website wird für eine Voranmeldung nach E-Mail-Adressen und LinkedIn sowie Bluesky-Accounts gefragt, außerdem werden Investoren, Medien und Partner gesucht.

Eurosky

Eurosky ist ein sorgfältig vorbereitetes Projekt mit dem Ziel, einen möglichst unabhängigen Bluesky-Ableger für Europa auf die Beine zu stellen. Im November 2025 wurde das Projekt mit einem Event der Öffentlichkeit detailliert vorgestellt. Zunächst für Januar 2026 angekündigt, soll der Start der Plattform jetzt Anfang Februar erfolgen. Wer bereits einen Bluesky-Account hat, sollte dann einfach zu Eurosky wechseln können. Finanziert wird Eurosky von der „Free Our Feeds“-Kampagne und von auf der Website nicht näher genannten Stiftungen.

Fediverse, Mastodon und Co.

Während W Social und Eurosky ihrem Namen und ihren Ankündigungen nach eine große europäische Plattform für Europa und die Welt sein wollen, entspricht das Fediverse dem Motto der Europäischen Union: „In Vielfalt geeint“. Im Fediverse gibt es nicht die eine große Plattform, deren von wenigen Menschen bestimmte Regeln für alle gelten. Das Fediverse ist eine Gemeinschaft, die aus vielen kleinen Plattformen besteht, die von Universitäten, Behörden, Berufsverbänden, Kommunen, Unternehmen, Vereinen oder auch Privatpersonen betrieben wird.

Finanziert wird das wohl sozialste aller sozialen Netzwerke durch diejenigen, die die Plattformen betreiben. Der Betrieb einer solchen Mini-Plattform ist im Vergleich zu Bluesky-Projekten extrem einfach und kostengünstig. Mastodon ist das bekannteste Projekt, das die Software für diese Mini-Plattformen entwickelt, inklusive Apps. Aus meiner Sicht hat das Fediverse mit Abstand die größten Potenziale für Demokratie, Wirtschaft und Innovation.

Autor*innen

Friedemann Ebelt engagiert sich für digitale Grundrechte. Im Campact-Blog schreibt er als freier Autor darüber, wie Digitalisierung fair, frei und nachhaltig gelingen kann. Er hat Ethnologie und Kommunikationswissenschaften studiert und interessiert sich für alles, was zwischen Politik, Technik und Gesellschaft passiert. Sein vorläufiges Fazit: Wir müssen uns besser digitalisieren! Alle Beiträge

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