Die Björn-Steiger-Stiftung hat in einer Studie 14 Großstädte weltweit darauf untersucht, was die Einführung von Tempo 30 für die Verkehrssicherheit und den Verkehrsfluss bedeutet. Zu den Städten gehören neben Metropolen wie Berlin und London auch Orte wie Graz, Münster oder Belfast. Die Ergebnisse sind eindeutig: Wir brauchen mehr Tempo 30.
Über die Stiftung
Die Björn-Steiger-Stiftung ist eine gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts. Sie ist benannt nach einem 8-jährigen Jungen, der im Jahr 1969 auf dem Heimweg angefahren wurde. Ein Krankenwagen wurde alarmiert, aber brauchte fast eine Stunde bis zum Unfallort. Björn Steiger verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus.
Die Stiftung wurde noch im selben Jahr von Björns Eltern gegründet. Sie hat seitdem wesentlich zum Aufbau des modernen Rettungssystems beigetragen und setzt sich heute weiter für die Verbesserung der Notfallhilfe ein.
Weniger Unfälle, weniger Tote
In allen untersuchten Städten sank die Zahl der Unfälle – teilweise um über 20 Prozent. Auch die Zahl der Toten und (schwer) Verletzten ging überall zurück. Das überrascht wenig, denn laut der Studie ist die Wahrscheinlichkeit einer tödlichen Verletzung bei geringeren Geschwindigkeiten deutlich kleiner. Wenn ein Auto einen Fußgänger mit rund 25 km/h erfasst, liegt sie bei 3,5 Prozent. Ist das Auto etwa 50 km/h schnell, endet der Unfall in 37 Prozent der Fälle tödlich, ist also 10-mal so hoch.
Reaktionsweg und Bremsweg sind entscheidend, wie alle Autofahrer*innen in Deutschland einmal in der Fahrschule lernen mussten. Bei Tempo 30 beträgt der Reaktionsweg 8,3 Meter und der Bremsweg 5 Meter – zusammen sind das 13,3 Meter. Bei Tempo 50 beträgt alleine der Reaktionsweg schon 13,9 Meter und dann kommt noch der Bremsweg mit 13,8 Metern dazu. Sprich: Das auf die Straße laufende Kind, vor dem ich bei Tempo 30 gerade noch zum Stehen komme, wird bei Tempo 50 mit voller Geschwindigkeit getroffen.
Weniger Feinstaub, weniger Lärm und kaum Zeitverlust
Abgesehen von weniger Unfällen wirkt sich das Tempolimit auch darüber hinaus positiv für die Menschen in der Stadt aus: Schadstoffbelastungen und Lärmbelastungen sinken durch Tempo 30. Angesichts der Tatsache, dass Straßenlärm 76 Prozent der Menschen in Deutschland belastet, scheint diese Maßnahme überfällig. Tempo 30 verbessert aber nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Gesundheit – und kommt damit uns allen zugute, weil das Gesundheitssystem entlastet wird.
Für viele vermutlich überraschend kommt die Studie zu der Erkenntnis, dass es durch Tempo 30 kaum zu Zeitverlusten kommt. Eine Auswertung von GPS-Daten in Großbritannien zeigt, dass sich die Fahrzeit in Wohngegenden um lediglich drei Prozent und im Stadtzentrum um nur fünf Prozent erhöht. Das entspricht einer Zunahme der Reisezeit von weniger als einer Minute auf einer acht Kilometer langen Fahrt. Das Gefühl vieler Kritiker*innen, bei Tempo 30 viel langsamer voranzukommen, ist also größtenteils genau das: ein Gefühl.
Als gelegentlicher Autofahrer kann ich das nachvollziehen: Eine breite Straße lädt direkt dazu ein, schneller zu fahren. Darum ist es so sinnvoll, Tempo 30 durch bauliche Maßnahmen zu ergänzen, die es auch physisch schwieriger machen, schnell zu fahren, etwa durch Verkehrsinseln oder Bodenschwellen.
Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit
Die Kampagne „Lebenswerte Städte“, an der mehr als 1.000 Städte, Gemeinden und Landkreise teilnehmen, konnte 2024 nach jahrelangem Bemühen erreichen, dass Städte und Gemeinden mehr Freiheiten bekommen, Tempo 30 innerorts einzuführen, etwa entlang viel befahrener Schulwege oder rund um Spielplätze. Außerdem ist es seitdem möglich, zwei Tempo-30‑Strecken zu verbinden, sofern der Abstand nicht mehr als 500 Meter beträgt.
Eine wirkliche Änderung würde jedoch die Regelgeschwindigkeit auf 30 km/h setzen, wie es das Umweltbundesamt seit 2023 fordert, und nur Ausnahmen für große Durchgangs- oder Ringstraßen machen. Das würde dem Verkehrsfluss zugutekommen und Ausweichverkehr durch Wohngebiete vermeiden. Ein gelungenes Beispiel dafür ist die belgische Stadt Gent, deren Innenstadt in Zonen aufgeteilt wurde, die nur über die Ringstraße erreichbar sind.
Tempo 30 würde die Verkehrswende weiter voranbringen. Denn wenn Menschen sich sicherer fühlen, werden sie eher zu Fuß oder mit dem Rad am Straßenverkehr teilnehmen. Das wiederum beruhigt den Verkehr noch mehr und vermeidet noch mehr Emissionen und Lärm. Wenn dauerhaft weniger Autos in der Stadt sind, entsteht mehr Platz für Begegnungsräume und Grünflächen. Davon können auch Einzelhandel und Gastronomie profitieren.
Regierung tut nichts für eigene Ziele
Die schwarz-rote Bundesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag verpflichtet, sich am Ziel der „Vision Zero“ zu orientieren, sprich: alles zu tun, damit die Zahl der Verkehrstoten auf null sinkt. Das wäre nur möglich mit einem Tempolimit auf Autobahnen und flächendeckend Tempo 30 in Städten. Pläne dazu sind nicht bekannt – im Gegenteil, die Union etwa hat sich stets gegen ein Tempolimit auf Autobahnen ausgesprochen.
Bis auf Weiteres ist es also an Bürger*innen und Bürgermeister*innen dafür zu sorgen, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die die Straßenverkehrsordnung jetzt schon bietet, um mehr Tempo 30 auszuweisen. Der Aufwand lohnt sich – und Hilfe gibt es auch: VCD und Deutsche Umwelthilfe geben Tipps, wie Menschen bei sich vor Ort Tempo 30 einführen können. Viel Erfolg!