Hallo Felix, Campact setzt sich seit über 20 Jahren für eine progressive Politik ein. Was bedeutet progressiv für Dich, und was sollte man über Campacts politische Ausrichtung wissen?
Progressive, also fortschrittliche Politik bedeutet für uns, Demokratie und Menschenrechte zu schützen und auszubauen. Wir überlassen die Gestaltung unseres Zusammenlebens weder Traditionen noch der Macht der Stärkeren.
Die Idee des Fortschritts geht von den universellen Idealen der Aufklärung und der Französischen Revolution aus. Die progressive These ist: Menschen können ihre Gesellschaft selbst gestalten und gerechter machen.
Dafür müssen wir offen um den richtigen Weg streiten, bestehende Ungleichheiten kritisieren und die Macht politischer wie wirtschaftlicher Eliten immer wieder gemeinsam hinterfragen. Denn die Geschichte hat gezeigt: Fortschritt kommt nicht von allein. Und er bleibt ein nie endender Prozess.

Dr. Felix Kolb, Geschäftsführender Vorstand von Campact, hat 2004 Campact mitgegründet.
Viele Menschen denken bei politischer Ausrichtung zuerst an die klassische Links-Rechts-Skala und fragen sich: Ist Campact links oder linksradikal? Lässt sich Campact überhaupt auf einer Skala einordnen?
(lacht) Campact ist nicht linksradikal – wer das behauptet, hält wohl auch unser Grundgesetz mit seinem Fokus auf die Unverletzbarkeit der Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und die Gemeinwohlbindung von Vermögen für linksradikal.
Natürlich legen wir uns mit Lobbyist*innen, Milliardären und Konzernen an, wenn es nötig ist. Aber das ist kein Selbstzweck. Campacts politische Ausrichtung ist: Wir wollen Demokratie und Menschenrechte durchsetzen, was heute natürlich den Schutz von Umwelt und Klima einschließt.
Dabei können wir auf vielem aufbauen, was in der Bundesrepublik und der EU in den letzten Jahrzehnten von Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen erreicht wurde.
Dass diese Errungenschaften inzwischen nicht nur von Rechtsextremen für radikal oder gar extrem erklärt werden, zeigt vor allem eines: Wie stark rechtspopulistische Plattformen und fossile Lobbyist*innen die öffentliche Debatte in den letzten Jahren verschoben haben.
Doch wir lassen uns davon nicht beirren. Unsere Positionen bleiben ergebnisorientiert und unbequem. Und wir kritisieren jeden, der hinter den Anspruch von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, wie sie unser Grundgesetz fordert, zurückfällt.
Wie erklärst Du Dir, dass manche Menschen auch danach fragen, ob Campact rechts ist – obwohl sich Campact seit Jahren gegen Rechtsextremismus engagiert?
Wahrscheinlich liegt das daran, dass es leider auch ein einigermaßen prominentes Magazin von Rechtsextremen, Europafeinden und Putinfreunden gibt, das Compact heißt. Jürgen Elsässer hat das rechtsextreme Magazin 2010 gegründet; damals gab es Campact schon seit sechs Jahren.
Compact ist aber in jeder Hinsicht das Gegenteil von Campact. Daher habe ich schon häufig erlebt, dass sich dieses Missverständnis sehr schnell aufklärt.
Campact ist überparteilich und unabhängig, aber nicht neutral: Was bedeutet das im Alltag?
Dass wir unsere Aktionen und unser Engagement nicht davon abhängig machen, ob es gerade einer bestimmten Partei in den Kram passt. Wir entscheiden allein danach, ob eine Aktion, Petition oder Kampagne die Chance hat, zu mehr Gerechtigkeit, Menschenrechten oder Klimaschutz beizutragen – in Europa und weltweit.
Außerdem bedeutet das, dass wir uns nicht von Behörden, Lobbyist*innen oder privaten Geldgeber*innen vorgeben lassen, wo wir uns engagieren. Wir handeln unabhängig und überparteilich, immer bezogen auf das konkrete Anliegen. Neutral sind wir dabei aber natürlich nie: Wir beziehen stets klar Position für progressive Anliegen wie Verteidigung der Demokratie, Gleichberechtigung und Umweltschutz.
Abhängig sind wir nur von der praktischen wie der finanziellen Unterstützung von mehr als 4,25 Millionen Menschen. Diese Menschen bilden unser Fundament.
Wir fragen unsere Unterstützer*innen, ob sie ein bestimmtes Anliegen mittragen. Ohne erfolgversprechende Tests, die zeigen, dass es genug Unterstützung für ein Anliegen gibt, starten wir in der Regel keine Kampagnen. Denn nur mit ihrer Unterstützung können unsere Kampagnen die nötige Kraft und Dynamik entfalten. Das schaffen wir nur gemeinsam.
In öffentlichen Debatten gibt es vereinzelt Stimmen, die Campact eine Parteinähe zu den Grünen oder zur Linken vorwerfen. Wie würdest Du Campacts Verhältnis zu demokratischen Parteien beschreiben?
Programmatisch gibt es natürlich eine Nähe zu allen Parteien, die ein progressives Selbstverständnis haben. Doch wie das mit Parteien oft ist: In der Praxis lösen sie ihre Ansprüche nicht immer ein – vor allem, wenn sie mit FDP oder CDU/CSU koalieren. Gerade deswegen braucht es ja eine aktive Zivilgesellschaft, die da hinterher ist.
Wir scheuen uns nicht, auch mit progressiven Parteien in Konflikt zu treten, wenn es nötig ist. Wenn etwa die Linke aus falsch verstandenem Pazifismus die Solidarität mit der angegriffenen Ukraine verweigert oder die Grünen Flüchtlingsrechte und Klimaschutz dem machtpolitischen Kalkül unterordnen, dann werden wir aktiv – und kritisieren das öffentlich und mitunter auch sehr deutlich. Erst neulich haben wir zum Beispiel eine Anzeigen-Kampagne gegen die Zustimmung der Grünen in Baden-Württemberg zur Überwachungssoftware von Palantir gestartet.
Die AfD versucht natürlich, uns mit Anfragen als parteipolitisch gesteuert darzustellen, aber dass Rechtsextreme so etwas versuchen, ist ja wirklich kein Wunder – wir lassen uns jedenfalls nicht einschüchtern.
Nach den Landtagswahlen 2024 in Sachsen, Thüringen und Brandenburg wurde Campact mehrfach dafür kritisiert, dass ihr Wahlempfehlungen ausgesprochen und demokratische Kandidat*innen unterstützt habt. Was habt ihr über die Rolle von Campact in Wahlkämpfen gelernt?
Als zivilgesellschaftlicher Akteur Wahlempfehlungen auszusprechen, ist nie leicht – und selten macht man sich damit Freunde. Denn das bedeutet manchmal eher, die Chancen progressiver Politik als Ganzes im Blick zu haben, statt die Wünsche einzelner Parteien zu berücksichtigen. Und das sorgt verständlicherweise für Frust.
Parteipolitik folgt oft der Logik, die eigenen Interessen vor die gemeinsame Sache zu stellen – nachvollziehbar, aber nicht immer hilfreich. In solchen Momenten können Organisationen wie unsere Orientierung bieten und Impulse setzen. Das kann einen wichtigen Unterschied machen. Mit Wahlbeeinflussung hat das nichts zu tun – es ist einfach Teil der öffentlichen Debatte. Und die Wähler*innen entscheiden am Ende selbst, wen sie unterstützen.
Wir haben gelernt, dass manches weniger gut funktioniert. Die Wahlbeteiligung demokratischer Wähler*innen insgesamt zu steigern oder gar AfD-Wähler*innen umzustimmen, ist uns kaum gelungen. Gut funktioniert hat dagegen das strategische Wählen. Mit dem Ansatz waren wir, glaube ich, sogar ziemlich erfolgreich.
Ein Beispiel: Bei den letzten Landtagswahlen in Sachsen haben wir Wahlempfehlungen für die zwei jeweils aussichtsreichsten Kandidat*innen von Grünen und Linken ausgesprochen. Wir haben online und offline für sie mobilisiert und ihren Wahlkampf teils mit Spenden unterstützt – punktuell und zweckgebunden. Unser Ziel war, zu verhindern, dass die Rechtsextremen eine Sperrminorität im Landtag in Dresden bekommen. Im Ergebnis haben tatsächlich alle vier empfohlenen Kandidat*innen ihre Direktmandate gewonnen – und die AfD hat keine Sperrminorität erreicht.
Besonders eindrucksvoll war dabei: Alle vier von uns unterstützten Direktkandidat*innen haben deutlich mehr Erststimmen erhalten als ihre Parteien Zweitstimmen. Da war der Erfolg unserer Arbeit also direkt messbar.
Wie würdest Du Campacts Rolle in der deutschen Zivilgesellschaft beschreiben?
(lacht) Wir bewegen Politik. Aber im Ernst: Dank unserer vielen Unterstützer*innen und weil wir keine Steuergelder bekommen, können wir Themen groß machen, die noch zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Wir können Konflikte eingehen, bei denen andere Organisationen vorsichtiger sein müssen. Und wir haben glücklicherweise die Kraft, langfristig zu arbeiten, kleine Initiativen zu unterstützen und helfen auch gerne, neue Projekte zu entwickeln.
Daher könnte man vielleicht sagen, dass wir so etwas wie der Mutmacher der Zivilgesellschaft sind. Wir versuchen, unsere Demokratie im Vorwärtsgang zu verteidigen.
Bei unserer Arbeit folgen wir übrigens den Richtlinien der Initiative Transparente Zivilgesellschaft. Denn wir setzen uns seit Jahren für mehr Transparenz in der Politik ein – und das ist ja nur glaubhaft, wenn wir auch über die Strukturen und Finanzen von Campact transparent berichten. Deswegen man kann die Namen unserer Entscheidungsträger*innen sowie Angaben über die Herkunft unserer Mittel, ihre Verwendung und unsere Personalstruktur öffentlich nachlesen.
Transparenz
Campact setzt sich seit Jahren für mehr Transparenz in der Politik ein. Das können wir uns nur glaubhaft tun, wenn wir auch über die eigenen Strukturen und Finanzen von Campact seriös und transparent berichten. Campact beteiligt sich daher an der Initiative Transparente Zivilgesellschaft.
Warum sollten Menschen, die sich gegen rechts engagieren oder progressive Themen voranbringen wollen, ausgerechnet bei Campact mitmachen?
Ganz einfach: Weil wir mit unserer breiten Unterstützerbasis, einer professionellen Infrastruktur und einem erfahrenem Team einen starken Hebel haben, um gegen die extreme Rechte vorzugehen und Gerechtigkeit, Klimaschutz und Menschenrechte voran zu bringen.
Einige Beispiele zeigen das: Nachdem Friedrich Merz erstmals eine gemeinsame Mehrheit mit der AfD im Bundestag organisiert hatte, haben wir im letzten Bundestagswahlkampf durch bundesweite Demos erreicht, dass die Union wieder Abstand von einer Zusammenarbeit mit den Rechtsextremen genommen hat. Anschließend haben Zehntausende Campact-Unterstützer*innen E-Mails an CDU- und CSU-Abgeordnete geschrieben, um sie zu einer klaren Haltung gegen AfD-Politiker als Ausschussvorsitzende zu bewegen – mit Erfolg.
Und die Liste lässt sich verlängern: Nachdem über 100.000 Menschen eine Petition auf unserer Petitionsplattform WeAct unterzeichnet haben, haben alle großen Bahnhofsbuchhändler das rechtsextreme Compact-Magazin aus ihrem Verkauf genommen. Die Rückverlagerung der Arzneiproduktion nach Europa wurde im Koalitionsvertrag verankert; auch dank einer unserer WeAct-Petition. Und neue Gasbohrungen vor Borkum wurden gestoppt, nachdem wir mit einer Petition von Fridays for Future und Demonstrationen vor Ort den Protest dagegen unterstützt hatten.
Ich glaube, das macht deutlich, warum wir eines der Hauptziele rechtsextremer und rechtspopulistischer Verleumdungskampagnen und Hetzplattformen sind – wir stören sie massiv.
Zum Abschluss in einem Satz: Warum muss man keiner Partei nahestehen oder ein politisches Label haben, um bei Campact am richtigen Ort zu sein?
Weil unser Anliegen parteiunabhängig ist und alle angeht: Wir verteidigen unsere Demokratie, machen Druck für progressive Veränderungen und sind ein Mutmacher der Zivilgesellschaft – und dank unserer mehr als 4,25 Millionen Unterstützer*innen können wir oft den entscheidenden Unterschied machen.
Du willst über aktuelle Kampagnen, Appelle und Aktionen informiert werden? Dann bestelle gleich jetzt den Campact-Newsletter.