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Die AfD ist rechtsextrem, Björn Höcke ist ein Faschist, die USA steuern auf eine Autokratie zu – solche Schlagzeilen liest man immer wieder. Aber was heißt das eigentlich? Worin unterscheiden sich Rechtsextreme von Faschist*innen, und was hat es mit Autoritarismus auf sich? Wagen wir uns also in den Begriffsdschungel. Vorab ein paar Hinweise, gewissermaßen als Reise-Beipackzettel: Worte sind mächtig. Sie helfen uns, die Welt möglichst präzise zu beschreiben, zu interpretieren und dem Geschehen um uns herum einen Sinn zu geben.

Umso schwieriger, wenn einem die Worte fehlen – oder unklar ist, was sie genau bedeuten. In der Wissenschaft ist das nichts Ungewöhnliches, hier wird herzhaft um Begriffe gestritten, Definitionen werden geschärft und weiterentwickelt. Doch wenn diese Begriffe dann den Weg in unsere Alltagssprache finden, verlieren sie oft die Ambivalenz und das Ringen, das ihnen vorausgegangen ist. Darum ist dieser Überblick vor allem als genau das zu verstehen: eine grobe Einordnung, eine alltagspraktische Hilfe. Er kann und will nicht die vielfältigen Diskussionen abbilden, die in den Geistes- und Sozialwissenschaften um diese Begriffe tobten und toben. Beipackzettel Ende, los geht’s.

Rechtsextremismus

Der deutsche Soziologe Wilhelm Heitmeyer definiert Rechtsextremismus entlang von zwei Kernelementen: erstens der „Ideologie der Ungleichwertigkeit“, also der Überzeugung, dass Menschen nicht gleichwertig sind. Und zweitens der Gewaltakzeptanz, die bereits beginnt, wenn Gewalt als legitimes Mittel zur Problemlösung befürwortet wird – nicht erst, wenn jemand tatsächlich zuschlägt. Ich mag diese Definition, weil sie zeigt, dass Rechtsextremismus ein Spektrum ist. Es gibt keine starre Grenze, ab der jemand rechtsextrem ist. Stattdessen bilden „Gewaltakzeptanz“ und die „Ideologie der Ungleichheit“ zwei Achsen, auf denen sich Akteur*innen mehr oder weniger stark befinden. Das ist wichtig, weil Rechtsextremismus kein isoliertes Randphänomen ist. Er findet immer wieder Anschluss an die gesellschaftliche Mitte, zum Beispiel, wenn es um Rassismus geht. 

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Autoritarismus

Autoritarismus beschreibt eine Regierungspraxis: die Abkehr von demokratischen Debatten und Pluralismus zugunsten konzentrierter Macht – meist zugeschnitten auf eine charismatische Führungsperson. Man denkt unweigerlich an Beispiele aus den USA, Ungarn oder Argentinien. Die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Lucan A. Way sprechen von „kompetitivem Autoritarismus“, um die Besonderheit heutiger autoritärer Systeme zu beschreiben: Die demokratische Fassade bleibt erhalten – Wahlen finden statt, die Opposition existiert –, doch die Regierung manipuliert systematisch die Spielregeln zu ihren Gunsten. Sie besetzt die Gerichte mit Loyalist*innen, kontrolliert die Medien und schneidet Wahlkreise neu zu. Der Staat wird gewissermaßen zu einer Waffe, die gegen seine Gegner*innen eingesetzt werden kann. Der entscheidende Maßstab: Wie hoch ist der Preis für Widerstand? Je autoritärer das System, desto gefährlicher wird Kritik.

Faschismus

Um den Faschismusbegriff laufen im Moment besonders heiße wissenschaftliche Diskussionen. Einig ist man sich inzwischen zunehmend, dass Faschismus nicht nur historisch zu verstehen ist. Er benötigt weder Mussolini noch SA-Trupps auf den Straßen, sondern lebt auch im 21. Jahrhundert weiter. Faschismus kultiviert die „Lust an der Gewalt“ und setzt auf die „Wiedergeburt“ der Nation durch erlösende Gewalt. Während Konservative bewahren wollen, streben Faschisten nach einer radikalen Erneuerung, die eine mythische Vergangenheit verklärt. Faschismus sieht heute anders aus als in den 1930ern, doch seine Kernmerkmale – Ablehnung der Moderne, Feindbilder, Führerkult, Verachtung der Schwachen – bleiben bestehen.

Das autoritäre Playbook: Typische Merkmale des Autoritarismus

Wie also sieht Autoritarismus in der Praxis aus? Werfen wir einen Blick auf sieben zentrale Merkmale autoritärer Herrschaft: 

1. Die Politisierung unabhängiger Institutionen

Wo autoritäre Regierungen an der Macht sind, werden Institutionen mit unterschiedlichen Mitteln politisch aufgeladen. Viktor Orbán nutzte in Ungarn seine Zweidrittelmehrheit im Parlament, um eine Reihe von Verfassungsänderungen durchzusetzen. In den USA haben Trump und seine Verbündeten in allen Bereichen – Exekutive, Legislative und Judikative – die Macht inne und können so die etablierten Kontrollmechanismen aussetzen. Der zentrale Hebel ist hier Loyalität und rohe Machtausübung. Der Staat wird „als Waffe“ gegen Demokratie und Pluralismus sowie zum eigenen politischen und ökonomischen Vorteil genutzt. Betroffen sind staatliche Behörden, die mit regierungstreuen Personen besetzt werden, die Gerichte, deren Unabhängigkeit eingeschränkt oder deren Urteile missachtet werden, oder öffentliche und private Medien, die auf Regierungslinie gebracht werden.

2. Die Verbreitung von Desinformation

Die Verbreitung von Desinformation ist ein Kerninstrument autoritärer Regierungen, wie sich etwa in Ungarn, den USA oder auch in Polen unter der PiS-Regierung beobachten lässt. Insgesamt haben Desinformationen und Verschwörungserzählungen stark zugenommen, eng verknüpft mit der Verbreitung digitaler sozialer Medien. Rechtsautoritäre Politiker*innen versuchen, die Realität mithilfe von Desinformationen in Zweifel zu ziehen. Dafür nutzen sie oft ein großes Netz eigener Kommunikationskanäle, wie es sich auch die AfD aufgebaut hat. Über diese Kanäle wird Misstrauen gesät, um sich selbst als vertrauensvolle und sorgende Führung zu inszenieren. Ziel der Desinformation ist weniger, die Zuhörer*innen zu überzeugen, sondern politische Feinde zu markieren und den Anspruch auf Wahrheit zu untergraben. Propaganda zerstört die Grundlage, auf der eine Gesellschaft über Richtig und Falsch streiten kann. So entsteht eine polarisierte Gesellschaft, die nicht mehr über dieselben Fakten spricht, sondern über vollkommen unterschiedliche Realitäten – und damit jede gemeinsame Diskussion unmöglich macht. 

3. Die Konzentration von Macht in der Exekutive

Über Verfassungsänderungen und parlamentarische Prozesse häuft die Regierung Macht bei sich an. Zu sehen ist das beispielsweise in Ungarn, Polen, den USA und Italien. Diese Machtkonzentration rechtfertigen Politiker*innen wie Meloni, Trump oder Orbán mit einem vermeintlichen Willen des Volkes: Sie nehmen für sich in Anspruch, unmittelbar im Namen der Menschen im Land zu sprechen. Doch sie definieren sehr selektiv und ihrer Ideologie entsprechend, wer zu diesem Volk gehört – etwa abhängig von der Hautfarbe oder der Religion. So tarnen sie autoritäre Politik als Demokratie. Faktisch fehlen aber zentrale demokratische Pfeiler wie die Gewaltenteilung, der Schutz von Minderheiten und die Garantie von Menschenrechten.

4. Die Unterdrückung von Kritik

Autoritäre Regierungen bringen kritische Stimmen zum Verstummen, um ihre Macht zu sichern. Dafür greifen sie die unabhängige Presse, Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie die Justiz an. Besonders besorgniserregend ist es, wenn diese Institutionen aus Angst vor Repression in vorauseilenden Gehorsam verfallen. So gelingt es der US-Regierung aktuell, mit gezielten Einschüchterungen Institutionen zur Zusammenarbeit zu zwingen und kollektiven Widerstand zu brechen. Parallel beschneiden autoritäre Akteure die Handlungsmöglichkeiten der demokratischen Zivilgesellschaft auf vier Ebenen. Erstens durch neue rechtliche Regeln, die oft damit begründet sind, dass Nichtregierungsorganisationen von ausländischen Kräften unterstützt würden. Zweitens durch Kürzungen staatlicher Fördermittel für zivilgesellschaftliche Organisationen. Ein drastisches Beispiel aus den USA ist das Ende von USAID, der Entwicklungsbehörde, die weltweit Projekte gegen Hunger und Armut unterstützte. Drittens die diskursive Delegitimierung von ehrenamtlichem Engagement. In Deutschland ist etwa oft die Rede von Gutmenschentum, um politische Arbeit abzuwerten. Und viertens über die Androhung oder Legitimierung von Gewalt.  

5. Sündenböcke und Identitätspolitik

Autoritäre Akteur*innen schieben die Schuld an sozialen und politischen Missständen auf vermeintliche Sündenböcke. Die identitätspolitischen Erzählungen der extremen Rechten drehen sich vor allem um traditionelle Werte wie Nation, Familie und Heimat sowie das Christentum. Ein zentrales Feindbild sind dabei Migrant*innen. Autoritäre Akteur*innen verknüpfen Migration mit Problemen wie sexuellen Übergriffen, Wohnungsmangel oder fehlenden Kitaplätzen und schieben die Verantwortung auf Zugewanderte. Auch die LGBTIQ*-Community wird gezielt angegriffen. Auf deren Rücken lässt sich der Kampf um die Vorherrschaft der patriarchalen Kleinfamilie bestens austragen. Immer öfter geraten zudem arme Menschen ins Visier. Die Trennlinie verläuft hier zwischen „fleißig“ und „faul“. Als Lösung wird im Extremfall – wie in Italien nach der Abschaffung des Bürgergeldes – der faktische Zwang zur Arbeit propagiert. 

6. Manipulation von Wahlen

Bei einer autoritären Transformation werden demokratische Institutionen und Prozesse nicht unbedingt diktatorisch zerstört, sondern geschwächt. Dazu gehört auch die freie Wahl: Autoritäre Politiker*innen versuchen, die Bedingungen der Wahlen zu ihren Gunsten zu verändern. In Italien plant die Regierung Meloni Reformen, um im Zweifel auch ohne die Mehrheit der Stimmen die Mehrheit der Sitze im Parlament zu erlangen. In Ungarn oder den USA werden Wahlkreise neu zugeschnitten oder Menschen wird die Registrierung als Wähler*innen erschwert. Im kompetitiven Autoritarismus wird also zwar noch gewählt und die autoritären Machthaber*innen können Wahlen verlieren, aber Wahlen finden nicht mehr unter fairen Bedingungen statt.

7. Schüren von Gewalt

Oft vermeiden autoritäre Regierungen es, explizit Gewalt auszuüben – eine Ausnahme ist Donald Trump. Er rüstete die Einwanderungsbehörde ICE auf und setzte die Nationalgarde ein, um seine Interessen durchzusetzen. Aber Gewalt beginnt nicht erst, wenn zugeschlagen wird, sondern schon dann, wenn sie als akzeptiertes Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme betrachtet wird. In autoritären Ländern dominiert häufig ein Law-and-Order-Diskurs, der hartes und auch gewaltsames Durchgreifen gegenüber Abweichler*innen gutheißt. Trump etwa rechtfertigt militärische Einsätze im Inneren, indem er politische Gegner zu moralischen Feinden erklärt, wie etwa „die Antifa“. Es geht aber nicht nur darum, was der Staat selbst tut, sondern auch darum, wie frei sich rechtsextreme Akteur*innen entfalten können und mit ihren Gewalttaten ungeschoren davonkommen. In Ländern wie Ungarn, Serbien oder Polen unter der PiS-Regierung öffnen extrem rechte Regierungen oft Räume für gewalttätige rechte Gruppen, ohne selbst zuzuschlagen. Zudem nimmt digitale Gewalt stark zu, die Menschen einschüchtert, belastet und zur realen Bedrohung werden kann.

Wie Zivilgesellschaft autoritären Tendenzen etwas entgegensetzen kann

Die Merkmale des autoritären Playbooks zeigen: Erstarken extrem rechte Kräfte, hat das massive Auswirkungen auf demokratisches Engagement. Zivilgesellschaftliche Räume schrumpfen, wenn autoritäre Akteure demokratische Strukturen rasch aushöhlen und universelle Werte und Normen untergraben. 

Doch selbst unter schwierigsten Bedingungen sind Protest und Engagement möglich und können Erfolg haben. In Polen gelangen Grassroots-Bewegungen landesweit riesige Mobilisierungen, die zur Abwahl der PiS-Regierung beitrugen. In den USA sind Millionen Menschen bei den ‚No Kings‘-Protesten auf der Straße. Sogar in Ungarn, das seit beinahe 15 Jahren autoritär regiert wird, erringen zivilgesellschaftliche Organisationen Erfolge gegen die Fidesz-Regierung. Widerstand ist nicht aussichtslos – er erfordert nur andere Strategien, Mut und vor allem: Vorbereitung.

Was also können wir tun – besonders wenn sich bei den Landtagswahlen 2026 auch in Deutschland weitere Fenster zu schließen drohen? Der Thinktank Rechtsextremismus von Campact (TTRex) hat mit zivilgesellschaftlichen Expert*innen aus Ländern mit starken autoritären Kräften gesprochen und in einem neuen Paper Handlungsoptionen zusammengetragen. Dazu gehören eine gute Vorplanung, alltagsnahe Themen und vorausschauende Bündnisarbeit. Die Gespräche zeigen: Auch unter schwierigsten Bedingungen bleibt Zivilgesellschaft aktiv, entwickelt kreative Widerstandsformen und schafft Räume der Hoffnung und Solidarität. Menschen organisieren sich weiter, trotzen der Einschüchterung und beweisen jeden Tag aufs Neue, dass autoritäre Macht nicht allmächtig ist.

Lies hier das Paper des TTRex

Autor*innen

Victoria Gulde ist seit 2018 Campaignerin bei Campact. Als Teil des Kampagnen-Teams gegen Rechtsextremismus setzt sie sich gegen die Normalisierung rechten Gedankenguts ein. Sie hat Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Internationale Beziehungen studiert. Für den Campact-Blog schreibt sie über Gedenktage und die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur. Alle Beiträge

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