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Der US-Schauspieler James Van Der Beek ist mit 48 Jahren an Darmkrebs gestorben. Viele kannten ihn als Dawson aus der Serie Dawson’s Creek – als Inbegriff des empfindsamen amerikanischen Teenagers, der an Liebe und Weltverbesserung glaubt. Der Schauspieler war, wie Millionen andere in den Vereinigten Staaten, konfrontiert mit einem Gesundheitssystem, das Krankheit zur finanziellen Katastrophe macht.

Berichten zufolge verkaufte er zuletzt Erinnerungsstücke aus seiner Karriere, darunter Kostüme seiner Serienfigur, um seine medizinischen Rechnungen zu bezahlen. Medizinische Rechnungen – eine Begrifflichkeit, die im Deutschen technisch klingt, in den USA jedoch für viele Familien den Zusammenbruch einer ganzen Existenz bedeutet. Seine Frau, jetzt allein mit sechs Kindern, ist damit konfrontiert, das Familienanwesen im Wert von etwa vier Millionen Euro zu verlieren.

Deutschland ist nicht weit von US-Zuständen entfernt

Van Der Beek bewegte sich in impfgegnerischen Kreisen. Seine Frau Kimberly (geb. Brook), Produzentin und Influencerin, verbreitete während der Corona-Pandemie immer wieder Falschinformationen über das Virus und über Impfungen. Man kann all das kritisieren. Doch selbst problematische politische Haltungen und dubiose Verbindungen ändern nichts an einer brutalen Realität: In den Vereinigten Staaten kann eine Krebsdiagnose selbst für Prominente den finanziellen Ruin bedeuten. Was heißt das erst für all jene, deren Gesichter niemand kennt?

Wir schauen gern mit einer Mischung aus Mitleid und Überlegenheit auf die USA. Auf ein Land ohne flächendeckende, solidarische Krankenversicherung. Auf Menschen, die Crowdfunding-Kampagnen starten müssen, um Chemotherapien zu bezahlen. Doch wer glaubt, Deutschland sei mit seinem eigenen Sozialstaat davon weit entfernt, irrt. Die politische Entwicklung zeigt in eine beunruhigende Richtung.

Die Aushöhlung des Sozialstaats

Die Union führt derzeit einen ideologischen Feldzug gegen den Sozialstaat – subtiler als in den USA, aber nicht weniger konsequent. Arbeitende Menschen sollen längere Arbeitszeiten leisten, später in Rente gehen, auch wenn die Rente kaum zum Leben reicht. Wer krank ist, soll trotzdem funktionieren. Wer Termine beim Amt versäumt, soll mit Kürzungen rechnen und teilweise mit Obdachlosigkeit bestraft werden. Zahnbehandlungen sollen wir künftig auch selber bezahlen, lautet ein weiterer Vorschlag, dabei ist ein gesundes Lächeln schon längst eine Klassenfrage.

Teilzeit? Ein Recht, das die CDU zunehmend infrage stellt – in einem Land, in dem ein Kitaplatz so etwas wie ein Sechser im Lotto ist. Wer Kinder betreut oder Angehörige pflegt, gerät schnell in den Verdacht mangelnder Leistungsbereitschaft. Wer krank ist, soll geräuschlos genesen. Und wer glaubt, der Sozialstaat werde ihn im Ernstfall auffangen, könnte bald feststellen, dass nichts mehr von dem System ist, das einem unter die Arme greifen kann.

Es braucht keine vollständige Privatisierung des Gesundheitssystems, um US-Verhältnisse zu erzeugen. Es reicht eine schleichende Aushöhlung: höhere Eigenanteile, längere Wartezeiten, Zwei-Klassen-Medizin. Es reicht die politische Erzählung, Krankheit sei vor allem ein individuelles Risiko – nicht ein gesellschaftliches.

Es kann jeden treffen

Am härtesten trifft das jene, die ohnehin weniger Schutz haben: Frauen, die häufiger in Teilzeit arbeiten und geringere Rentenansprüche erwerben. Einkommensarme Menschen, die Vorsorge aus Kostengründen aufschieben. Migrantische und mehrfach marginalisierte Gruppen, deren Zugang zu medizinischer Versorgung schon heute durch Diskriminierung und prekäre Beschäftigung erschwert ist.

Eine Krebsdiagnose darf kein Armutsurteil sein, weder in den USA noch in Deutschland. Krankheit ist kein moralisches Versagen. Und ein solidarisches Gesundheitssystem ist kein Luxus, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft. Wer heute glaubt, die Aushöhlung sozialer Sicherheiten betreffe nur „die anderen“, sollte sich erinnern: Auch ein Fernsehstar mit jahrzehntelanger Karriere konnte am Ende seine Krankenhausrechnungen nicht bezahlen.

Die Frage ist nicht, ob wir uns Solidarität leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, sie zu verlieren.

Autor*innen

Sibel Schick kam 1985 in Antalya, der Türkei, auf die Welt und lebt seit 2009 in Deutschland. Sie ist Kolumnistin, Autorin und Journalistin. Schick gibt den monatlichen Newsletter "Saure Zeiten" heraus, in dem sie auch Autor*innen, deren Perspektiven in der traditionellen Medienlandschaft zu kurz kommen, einen Kolumnenplatz bietet. Ihr neues Buch „Weißen Feminismus canceln. Warum unser Feminismus feministischer werden muss“ erschien am 27. September 2023 bei S. Fischer. Ihr Leseheft "Deutschland schaff’ ich ab. Ein Kartoffelgericht" erschien 2019 bei Sukultur und ihr Buch "Hallo, hört mich jemand?" veröffentlichte sie 2020 bei Edition Assemblage. Im Campact-Blog beschäftigte sie sich ein Jahr lang mit dem Thema Rassismus und Allyship, seit August 2023 schreibt sie eine Gastkolumne, die intersektional feministisch ist. Alle Beiträge

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