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Alle zwei Minuten stirbt weltweit eine Frau an Komplikationen durch Schwangerschaft oder Geburt. Unsichere Schwangerschaftsabbrüche zählen dabei zu den häufigsten Ursachen. Trotzdem gilt der gesellschaftliche Kinderwunsch als selbstverständlich. Während der Wunsch, keine Kinder zu bekommen, sich permanent rechtfertigen muss. 

Warum? Dieser Frage geht Sibel Schick in ihrem neuen Buch „Mein Körper – wessen Entscheidung?” nach, das am 25. Februar bei S. Fischer erscheint. Schick ist freie Autorin, Kolumnistin und Journalistin. Seit 2022 schreibt sie auch regelmäßig für den Campact-Blog. Es ist ihr zweites Sachbuch – und ungeschönt.

Zwischen Gesetz und gelebter Realität

In Deutschland sind Schwangerschaftsabbrüche laut § 218 StGB rechtswidrig, bleiben aber unter bestimmten Bedingungen straflos. Dazu gehören eine ärztliche Bestätigung, eine Pflichtberatung bei einer anerkannten Stelle und eine dreitägige Bedenkzeit. Abgebrochen werden darf unter der Beratungsregelung nur innerhalb der ersten zwölf Wochen.

Was in der Theorie nach einem geregelten Verfahren klingt, ist in der Praxis ein Spießrutenlauf. Schick schildert ihn aus eigener Erfahrung. Eine Ärztin, die ihr statt fachlicher Einschätzung ihre „Lebenserfahrung” serviert. Eine Schwangerschaftskonfliktberatung, die sich wie eine Prüfung anfühlt. Eine saftige Rechnung.

2024 entschieden sich 106.455 Schwangere in Deutschland für einen Abbruch. 96,1 Prozent davon über die Beratungsregelung. Die Schwangerschaftskonfliktberatung soll laut Gesetz ergebnisoffen sein, zugleich aber „dem Schutz des ungeborenen Lebens” dienen.

Wer entscheidet über meinen Körper?

„In meinem Bauch wuchs etwas gegen meinen Willen.“ Ein Satz, über den selten so direkt gesprochen wird. Genau darin liegt die Stärke des Buches: Die politische Dimension des Themas entsteht nicht durch Theorie, sondern durch gelebte Erfahrung der Autorin.

Denn reproduktive Entscheidungen sind nie nur privat. Frauen übernehmen noch immer den Großteil der Care-Arbeit. Alleinerziehende tragen ein überdurchschnittlich hohes Armutsrisiko. Selbst der Zugang zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch ist eine Frage des Geldes. Gesellschaftlich werden Kinder eingefordert, aber ihre Versorgung wird privatisiert.

Reproduktive Gerechtigkeit als Antwort

Schick fordert deshalb „reproduktive Gerechtigkeit“, ein Konzept, das 1994 von Schwarzen Feministinnen in Chicago entwickelt wurde. Es verbindet reproduktive Rechte mit sozialer Gerechtigkeit und intersektionalem Feminismus: das Recht auf körperliche Autonomie, die freie Entscheidung für oder gegen Kinder, sowie das Recht, Kinder in sicheren, nachhaltigen Umgebungen großzuziehen. Dazu gehören Gesundheit, Bildung, existenzsichernde Löhne und ein Leben ohne Gewalt.

Doch Schick bleibt nicht bei der Forderung stehen – sie denkt weiter. Das Ziel: Eine Gesellschaft, in der Leid nicht individuell getragen wird, sondern gemeinsam. In der sich alle betroffen fühlen, wenn einer betroffen ist. Kollektive Heilung, schreibt sie, müsse als politische Aufgabe verstanden werden. „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Und es braucht ein ganzes Dorf, um eine Revolution auf die Beine zu stellen.“ Dieses Dorf, so Schick, müssen wir uns erst aufbauen – Stein für Stein. 

Fazit: Das Selbstverständlichste überhaupt

Sibel Schick gelingt es, auf 208 Seiten Zusammenhänge sichtbar zu machen, die im politischen Alltag zu oft getrennt behandelt werden: Armut und Mutterschaft, politische Kontrolle und persönliche Freiheit, gesellschaftliche Erwartungen und individuelle Konsequenzen.

Quelle: S. Fischer Verlage
„Mein Körper – wessen Entscheidung?“, 208 Seiten von Sibel Schick, erscheint am 25. Februar

„Mein Körper – wessen Entscheidung?“ ist kein lautes Buch, aber ein drängendes. Es fordert nichts Radikales, sondern das Selbstverständlichste überhaupt: die Kontrolle über den eigenen Körper. Und es erinnert daran, dass das keine Frage individueller Stärke ist, sondern kollektiver Verantwortung. Wir haben Besseres verdient. Und Besseres, so Schick, ist möglich. Eine Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, warum reproduktive Gerechtigkeit nicht nur Frauen angeht – sondern uns alle.

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