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„Du lebst in Dubai – hast du keine Angst?“ Die Kamera schwenkt über beleuchtete Wolkenkratzer und Palmen. Im nächsten Schnitt folgt die Antwort: „Nein, denn ich weiß, wer uns beschützt.“ Eingeblendet wird der Emir von Dubai, unterlegt mit einer KI-Version von „Papaoutai“, einem Song des belgischen Musikers Stromae aus dem Jahr 2013. Seit der Eskalation des Kriegs von USA und Israel im Nahen Osten fluten diese fragwürdigen Influencer-Videos aus Dubai die Timelines in den sozialen Medien. Und wer springt in Deutschland auf diesen viralen Zug auf? Die Bundeswehr.

Die Inszenierung ist dieselbe: „Du lebst in Deutschland – hast du keine Angst?“ Die „Ich weiß, wer uns beschützt“-Antwort darauf ist ein Gewitter aus Flecktarn: Kampfjets, Kriegsschiffe, Panzer und feuernde Gewehre. Im Hintergrund ist „Papaoutai“ zu hören.

Krieg ist lukrativer als Menschenrechte

Wer hat in Deutschland wirklich Angst? Ein Blick in verschiedene Statistiken liefert die Antwort: Jeden Tag gibt es mehr als vier rechtsextreme Gewalttaten, fünf queerfeindliche Übergriffe, 63 Abschiebungen und fast ein Femizid. Die Bedrohung für marginalisierte Gruppen in diesem Land trägt keine fremde Uniform – sie ist hausgemacht.

Die Drohkulisse, Deutschland bräuchte rennende, schießende Soldaten, Panzer, Kriegsschiffe und Jets, um sicher zu sein, dient einem klaren Zweck: mehr Geld für die Bundeswehr zu rechtfertigen. Das bedeutet zwangsläufig, dass an anderer Stelle Geld fehlt, zum Beispiel bei Fürsorge-Strukturen oder der Infrastruktur. Noch marodere Straßen und Krankenhäuser, noch weniger Pflegepersonal pro Patient*in, noch weniger Kinderbetreuung. Keine bezahlbare Krankenversicherung, keine Rente, keine Sicherheitsstrukturen, wenn man arbeitslos wird.

Mehr Geld für die Bundeswehr bedeutet noch weniger staatliche Unterstützung für die Menschen, die im Kapitalismus täglich ums Überleben kämpfen. Das Bild der militärischen Bedrohung täuscht eine Notwendigkeit vor – und würgt jede Debatte über ein besseres Leben ab. Krieg ist lukrativer als Menschenrechte: 2024 generierte Deutschland mit Rüstungsexporten 13,3 Milliarden Euro.

(Keine) Angst durch die Bundeswehr

Deutschland ist nicht per se in Kriegsgefahr –gefährlich ist das Leben hier für mehrfach marginalisierte Gruppen. Vor wem soll uns die Bundeswehr also schützen? Oder vielleicht so herum: Wer schützt uns vor der Bundeswehr?

Skandale wie in Zweibrücken – von Hitlergrüßen über Kokainkonsum bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen – zeigen, dass die Institution selbst ein massives Gewaltproblem hat. Eine Armee, die ihre eigenen moralischen Trümmer nicht beseitigt, garantiert keine Sicherheit.

Mit Kriegspropaganda auf einen viralen Trend aufzuspringen ist unseriös. Wer sich die Musikauswahl des Videos ansieht, erkennt, wie zynisch das Ganze ist. In dem Song „Papaoutai“ verarbeitet der Sänger Stromae den Tod seines Vaters im Genozid in Ruanda. Die Bundeswehr instrumentalisiert hier ein Lied über ein Trauma, das durch koloniale Gewalt und Waffen entstanden ist. Es ist der Gipfel der Ignoranz, den Schmerz über Kriegsopfer als Rekrutierungswerkzeug zu nutzen.

Schulstreiks statt blindem Gehorsam

Echte Sicherheit entsteht nicht durch Aufrüstung, sondern dadurch, dass Fürsorgearbeit gestärkt und Familien vor Gewalt geschützt werden. „Papaoutai“ – übersetzt „Papa, wo bist du?“ – ist kein Soundtrack für Panzer, sondern eine Klage über die Trümmer, die sie hinterlassen. Sicherheit, die auf Zerstörung basiert, ist eine Lüge. Echte feministische Sicherheitspolitik bedeutet, Familien und alle Menschen durch stärkende Maßnahmen zu schützen, die Demokratie zu stärken und Diskriminierung zu beseitigen, statt Krieg mit Popmusik und Heldenmythen zu romantisieren.

Dennoch gibt es Hoffnung: die Schulstreiks gegen das neue Wehrdienst-Gesetz. Junge Menschen wissen, was gut für sie ist – und sie fordern die Zukunft ein, die ihnen zusteht. Statt den Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen, wird mit Einschüchterung reagiert: Die Polizei ermittelt gegen einen 18-Jährigen aus Berlin wegen eines Plakats. Die junge Generation zu fürchten, sobald sie artikuliert, wie sie leben will, ist ein Zeichen von Schwäche. Eine Gesellschaft ist nur so stark wie ihre schutzlosesten Mitglieder.

Autor*innen

Sibel Schick kam 1985 in Antalya, der Türkei, auf die Welt und lebt seit 2009 in Deutschland. Sie ist Kolumnistin, Autorin und Journalistin. Schick gibt den monatlichen Newsletter "Saure Zeiten" heraus, in dem sie auch Autor*innen, deren Perspektiven in der traditionellen Medienlandschaft zu kurz kommen, einen Kolumnenplatz bietet. Ihr neues Buch „Weißen Feminismus canceln. Warum unser Feminismus feministischer werden muss“ erschien am 27. September 2023 bei S. Fischer. Ihr Leseheft "Deutschland schaff’ ich ab. Ein Kartoffelgericht" erschien 2019 bei Sukultur und ihr Buch "Hallo, hört mich jemand?" veröffentlichte sie 2020 bei Edition Assemblage. Im Campact-Blog beschäftigte sie sich ein Jahr lang mit dem Thema Rassismus und Allyship, seit August 2023 schreibt sie eine Gastkolumne, die intersektional feministisch ist. Alle Beiträge

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