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Ob Patriarchat oder Kapitalismus: Die Systeme, in denen wir leben, sind nicht gerecht. Sie begünstigen weiße Männer in fast jeder erdenklichen Hinsicht. Das ist kein Zufall. Wenn wir für soziale Gerechtigkeit kämpfen, müssen wir deshalb genau hinschauen: Wo treffen Ungleichheiten bestimmte Geschlechter und warum? Am 8. März ist feministischer Kampftag. Ich finde, das ist ein guter Zeitpunkt, genau das zu tun. 

Warum sich der queerfeministische Blick auf soziale Gerechtigkeit lohnt

Sozialpolitik ist ein riesiges Feld. An sehr vielen Stellen versucht der Staat, mal vermeintlich, mal real, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. All diese Gerechtigkeitsfragen sind queerfeministisch, denn soziale Fragen verlaufen oft entlang der Geschlechtergrenzen. 

Feminismus ist keine Frage von Frauen oder FLINTA* vs. (cis-)Männern. Feminismus strebt eine Gesellschaft an, die Diskriminierung und die daraus resultierende Ungleichheit abschaffen möchte. Davon sollen alle profitieren. 

Sexuelle und reproduktive Rechte, Teilhabe und Diversität, Schutz vor Gewalt, dazu Pflege und Gesundheit, Wohnraum und Care-Arbeit, Armut und Reichtum: Der Blick auf die verschiedenen Felder der Sozialpolitik erinnert, wie fest verankert die Ungleichheit der Geschlechter in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens ist. 

(Care-)Arbeit im Patriarchat 

Pflege und Sozialarbeit sind klassische „Frauenberufe”: systemrelevant, unterirdisch bezahlt und selten von Männern ausgeübt. Der Pflegeberuf ist darüber hinaus mit verschiedenen, oft sexualisierten, Klischees über Pfleger*innen konfrontiert. 

Unbezahlt bleibt die private und zwischenmenschliche Sorgearbeit, die meist an Frauen hängen bleibt. Jährlich leisten Menschen in Deutschland 117 Milliarden Stunden dieser Arbeit – ohne Lohn. Weit mehr als die Hälfte dieser Arbeit wird von Frauen ausgeführt, die dafür zwar kein Geld bekommen, aber Zeit, Karriere und Einkommen investieren. Mit dem ständigen Risiko, in Altersarmut zu landen. 

Auch Lohnarbeit ist durchzogen von patriarchalen Herrschaftsverhältnissen. Eine feministische Arbeitspolitik würde dafür sorgen, dass es keinen Gender Pay Gap gäbe. Flexible Arbeitszeitmodelle könnten es Menschen ermöglichen, Verantwortung für Familie zu übernehmen und gleichzeitig ein angemessenes Einkommen zu haben. Und Fotos auf denen Aufsichtsräte und Personen aus Führungsebenen zu sehen sind, würden nicht alle gleich aussehen – nämlich weiß und männlich. 

Gesundheit im Patriarchat 

Nicht nur, aber auch in der medizinischen Forschung klafft ein Gender Data Gap: Frauen, trans- und nicht-binäre Personen sind unterrepräsentiert. Dadurch leiden sie häufiger an unerwünschten Nebenwirkungen von Medikamenten. Beispielsweise reagiert das Immunsystem von Menschen mit erhöhtem Östrogenspiegel anders auf äußere Einflüsse – aber ob deshalb eine andere Version von Impfstoffen benötigt wird, ist nicht gut erforscht. Ärzt*innen diagnostizieren Krankheiten bei Frauen und nicht-binaeren Personen später oder gar nicht – weil die Forschung den cis-Mann als Norm setzt. Wenn also eine Frau einen Herzinfarkt erleidet, wird das oft viel später registriert. Das ist gefährlich.  

Eine geschlechtergerechte Sozialpolitik könnte die Finanzierung von Forschungsprojekten in Gendermedizin fördern und die Gefahr unerkannter Erkrankungen verringern.

Wohnen im Patriarchat 

Die meiste Gewalt gegen Frauen findet im eigenen Zuhause statt. Über zwei Drittel der Betroffenen von häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt sind Frauen*. Doch Frauenhausplätze sind rar und der Wohnungsmarkt ist extrem angespannt: Für Menschen, die aufgrund von Gewalterfahrung schnell Schutz brauchen, eine Katastrophe. 

Der Gender Pay Gap sowie der überproportionale Anteil an Frauen in Sorgearbeit (also Kindererziehung und Pflege von Angehörigen) erschweren die Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Dazu ist der Wohnungsmarkt geprägt von Rassismus und Sexismus: (Migrantisierte) Frauen und queere Menschen sind deshalb besonders betroffen von der generellen Wohnungsnot in den Städten. Die Vergesellschaftung von Wohnraum könnte eine Möglichkeit bieten: Sie holt private Not in den oeffentlichen Raum – macht sie sichtbar und wirkt ihr entgegen.

Armut im Patriarchat 

„Armut in Deutschland ist weiblich und migrantisch”, schreibt Kolumnistin Sibel Schick. Weil Frauen überwiegend für Sorgearbeit zuständig sind, arbeiten sie seltener in Vollzeit. Sie verdienen weniger, sind häufiger alleinerziehend und landen dadurch potenziell vermehrt in Altersarmut. 

Wohnungs- und obdachlose FLINTA* sind überdurchschnittlich von körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt bedroht. Viele von ihnen leben daher in verdeckter Wohnungslosigkeit. Sie kommen bei Freund*innen und Bekannten unter, um nicht schutzlos auf der Straße zu sein. Das bedeutet eine enorm hohe Dunkelziffer. 

Migrantische Frauen, behinderte FLINTA* und trans-Personen erleben Mehrfachdiskriminierung – das verschaerft ihre Lage. Trans*-, inter- und nicht-binäre Menschen sind überdurchschnittlich von Wohnungslosigkeit betroffen. 

Dazu kommen oft ein mangelnder Zugang zu Bildung, Ressourcen und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Feministisch wäre eine Grundsicherung, die existenzsichernde Perspektiven bietet, anstatt in noch prekärere Positionen zu drängen. 

Reichtum im Patriarchat 

Während Armut in Deutschland weiblich ist, ist Reichtum männlich. Nicht nur der reichste Mensch in Deutschland (Lidl-Gründer Dieter Schwartz) ist ein Mann: Mehr als zwei Drittel aller Millionär*innen in Deutschland sind Männer, westdeutsch und über 50. Insbesondere die profitieren von fehlender Besteuerung von Vermögen und den Lücken im Erbschaftsteuerrecht.

Die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer wäre ein Werkzeug gegen die strukturelle Benachteiligung von FLINTA* und könnte gegen die geschlechtsspezifische Vermögensungleichheit wirken. Das dadurch gewonnene Geld könnte in öffentliche Infrastruktur und Daseinsvorsorge fließen. 

Neueste Studien rechnen mit bis zu 147 Milliarden Euro Mehreinnahmen durch eine Vermögenssteuer – und das pro Jahr! Von einer gut ausgebauten öffentlichen Daseinsvorsorge würden wiederum insbesondere FLINTA* profitieren. 

Soziale Gerechtigkeit ist auch Geschlechtergerechtigkeit 

Als Feministin bin ich unbedingt für geschlechtersensible Wohnungspolitik und Investitionen in die Pflege. Aber auch für eine gerechte Grundsicherung und für die Besteuerung von Reichtum. 

Die zuvor aufgezählten Ungerechtigkeiten verhindern (auch) eine Gleichstellung der Geschlechter und manifestieren Unterdrückung: gegen FLINTA*, gegen migrantisierte Personen, gegen behinderte Menschen. 

Gleichzeitig muss klar sein: Patriarchat und Kapitalismus gehen immer Hand in Hand. Ungerechtigkeit benennen heißt immer auch, das System als Ganzes zu hinterfragen.

Feminismus: Kampf für Gerechtigkeit

Feminismus ist ein bedingungsloser Kampf für Gerechtigkeit. Er endet nicht an dem Punkt, an dem ein Teil von uns ein Fünkchen Privilegien erreicht hat. Das bedeutet auch: Als weiße cis-Frau werde ich nicht aufhören, am 8. März auf die Straße zu gehen.

Und zwar bis trans-Menschen in Deutschland beim ärztlichen Besuch keine Diskriminierung mehr fürchten müssen. Und bis meine Schwarze Freundin die gleichen Jobchancen hat wie mein weißer Nachbar – ohne als Token herhalten zu müssen. Bis Deutschland endlich genug Frauenhausplätze hat, deren Finanzierung gedeckt ist und die Mitarbeiterinnen nicht mehr in Burnout oder Altersarmut treibt.

Der 8. März ist ein Kampftag. Weil er geprägt von berechtigter Wut über Missstände ist, die es nicht geben darf. Der 8. März symbolisiert aber auch, dass wir nicht aufgeben werden, für Gerechtigkeit auf die Straße zu gehen. Und bei all der Ungerechtigkeit finde ich das ziemlich ermutigend.


Du willst etwas ändern?

Die Liga für unbezahlte Arbeit e.V. fordert eine Verankerung von Care-Arbeit im Grundgesetz. Denn Care-Arbeit kostet Zeit, Einkommen, Karriere und manchmal sogar die eigene Gesundheit – obwohl sie das Fundament unserer Gesellschaft bildet. Über 72.000 Menschen haben bereits unterschrieben. Schließe Dich jetzt an.

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Autor*innen

Maria Kruskop ist Politikwissenschaftlerin und Soziologin. Als Campaignerin für Campacts Petitionsplattform WeAct begleitet sie langfristige wie kurzfristige Kampagnen, berät Aktivist*innen und Vereine und baut neue Netzwerke mit Initiativen und Bewegungen auf. Für den Campact Blog schreibt sie über soziale Gerechtigkeit. Alle Beiträge

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