Digitalisierung Soziale Medien Energie Klimakrise Service Desinformation Montagslächeln Wahlen Feminismus Menschenrechte

Am 24. März 2026 veröffentlichte das Justizministerium von New Mexico eine sehr bemerkenswerte Pressemeldung. Mit Stolz wird hier ein historischer Erfolg verkündet. Zum ersten Mal ist es einem US-Bundesstaat gelungen, juristisch gegen ein Big-Tech-Unternehmen wegen Schädigung junger Menschen zu gewinnen. Das ist kein einfaches Ergebnis, sondern ein Anfang.

Staatsanwalt Raúl Torrez erklärt: „Die Führungskräfte von Meta wussten, dass ihre Produkte Kindern schaden, haben die Warnungen ihrer eigenen Mitarbeitenden ignoriert und die Öffentlichkeit über das, was sie wussten, belogen.“ Heute hat sich die Jury den Familien, Pädagog*innen und Expert*innen für Kindersicherheit angeschlossen und sagt: „Es reicht!“

Deutlicher geht es kaum. Dieses Geschworenenurteil zog die Verantwortlichen bei Facebook und Instagram zur Rechenschaft. Dafür, dass sie Eltern in die Irre geführt, die Ausbeutung von Kindern ermöglicht und Kindern Schaden zugefügt haben. 

Influencer, Kinderschutzorganisationen, Politiker*innen, Medien, Eltern, Bildungseinrichtungen, Verantwortliche in Kommunikationsabteilungen und auch Werbetreibende sollten sich dieses Urteil genau ansehen. Sie alle, wir alle, machen mit der eigenen Präsenz und mit den eigenen Inhalten diese Plattformen für unsere Zielgruppen attraktiv. Wir laden Menschen sozusagen auf diese Plattformen ein.

Meta stellt Profit über Kinderschutz

Meta hat die eigenen Profitinteressen über die Interessen von Kindern und Jugendlichen gestellt. Auch Nutzende der Plattformen müssen sich jetzt fragen, inwiefern sie moralisch wenig anders handeln, während sie diesen Plattformen die Treue halten. Mit Nicht-Hinterfragen des Reichweite-Mythos und der Herden-Überzeugung, etwas tun zu müssen, weil es alle tun. 

Dazu kommen Geschäftsmodelle, die die negativen sozialen Auswirkungen von Big-Tech-Plattformen ignorieren. Zum Problem tragen auch Lippenbekenntnisse für bessere soziale Netzwerke bei, anstatt sich aktiv am mühsamen Aufbau besserer sozialer Medien zu beteiligen. 

Juristische Medien werden das Urteil aus New Mexico in nächster Zeit sicher noch analysieren. Aber auch Marketing- und Werbekreise sowie die Kommunikationsabteilungen der Republik müssen endlich das eigene Zutun hinterfragen. 

Doch über das Juristische hinaus sind in der Debatte um soziale Medien, Digitalkonzerne und Demokratie viele weitere Aspekte relevant. Eine Einordnung:

Nicht seit gestern und nicht nur Social Media

Den Anfang für mehr Kinderschutz machten Zivilgesellschaft, Journalismus, Whistleblower und Betroffene. Dem Verfahren in New Mexico ging eine aufwändige, zweijährige Recherche der britischen Tageszeitung The Guardian voraus. Journalist*innen deckten auf, wie Facebook und Instagram zu Marktplätzen für Kinderhandel geworden waren. 

Auf diese Recherche stützte sich die Staatsanwaltschaft mehrfach. Kritik am mangelhaften Kinder- und Jugendschutz bei Meta äußerte Frances Haugen, ehemalige Facebook-Managerin, bereits 2021. Sie veröffentlichte zudem Dokumente zur Jugendgefährdung von Instagram.

Ende 2025 sagte der Neurowissenschaftler und ehemalige Meta-Mitarbeiter Jason Sattizahn vor dem US-Senat aus. Sattizahn erzählte, wie die Konzernleitung Erkenntnisse zum Kinderschutz bei Metas VR-Brille unterbunden habe. „Wenn irgendetwas zum Grooming von Kindern oder zu sexuellem Missbrauch auftaucht – löscht es, schafft es weg. Wir dürfen das nicht haben, hieß es“, sagte Sattizahn im Interview der Tagesschau.

Nicht nur Meta und nicht nur Kinderschutz

Irreführendes Verhalten und Ignoranz gegenüber Kritik, Gesetzen und demokratischen Werten sind keine Probleme, die sich auf Meta und Kinderschutz beschränken. Leider gehört das seit vielen Jahren zum gewohnten Verhalten von Big-Tech-Plattformen. 

So hat die Organisation Corporate Europe Observatory mit einer Studie nachgewiesen, dass Big-Tech-Unternehmen gezielt Lobbyarbeit in der EU betreiben, um Nutzende von Social Media abhängig zu machen. Instagram toleriert Posts, die NS-Täter und ihre Verbrechen glorifizieren. Und vor kurzem stellte ein Gericht fest: Musk hat Twitter-Aktionäre bewusst geschädigt.

Eine weitere Studie weist darauf hin, dass der Algorithmus von X politisch rechte Inhalte bevorzugt.

Unterdessen stellte die EU-Kommission fest: Tiktok macht süchtig. Und bei Facebook sind sowohl die Freunde-Finder-Funk­tion als auch die Datensammlung über externe Seiten rechtswidrig – und sicherlich noch mehr. Google experimentiert derweil in den USA und schreibt die Schlagzeilen von Onlinemedien um. 

Das sind nur ein paar aktuelle Beispiele für die Geschäftskultur von Big-Tech. Aber wie viele Gerichtsurteile und Beispiele braucht es noch, bis endlich nach besseren Lösungen gesucht wird?

Verbieten und regulieren? Das wird Tech-Bros nicht interessieren

Langsam versteht die Gesellschaft, dass Big-Tech-Plattformen problematisch sind. Also diskutiert sie beispielsweise ein Social Media Verbot für junge Menschen. Jedoch hindert das Digitalkonzerne nicht daran, weiterhin problematisch zu sein. In gewisser Weise ermöglichen solche abwegigen Debatten dieses problematische Verhalten sogar. Warum?

Junge Menschen auszusperren, entbindet Digitalkonzerne von ihrer Verantwortung. Dazu ist die gesetzliche Regulierung generell langsam und lobbyanfällig. Gerichtsverfahren dauern ebenfalls lange. Selbst, wenn die Prozesse trotz der finanziellen Übermacht der Konzerne gewonnen werden, können sie die ideologischen Überzeugungen der Tech-Bros nicht ändern. Ich denke, allein gemeinwohlorientierte und neu verteilte Strukturen führen hier heraus.

Achtung vor der Überwachungs-Falle

2023 verschlüsselte Meta seine Nachrichten im Facebook Messenger. Zuvor nutzten Täter diesen, um mit Minderjährigen Kontakt aufzunehmen und sexualisierte Bilder auszutauschen. Durch die Verschlüsselung können Ermittlungsbehörden auf weniger Daten zugreifen. Auch um diesen Punkt ging es am Gericht in New Mexico. 

The Guardian berichtet, dass als mögliche Verbesserungen am technischen Design der Plattform, der „Schutz von Minderjährigen vor verschlüsselter Kommunikation” und wirksame Altersverifikationen diskutiert werden. Die Maßnahmen klingen nach Lösungen, sind aber hoch problematisch.

Zum einen würden das noch mehr hoch sensible Daten in die nicht vertrauenswürdigen Hände der Big-Tech-Plattformen spülen. Ein Verschlüsselungsverbot nimmt zudem jungen Menschen ein Recht, das älteren Menschen, die (in kleinen Teilen) das eigentliche (riesige) Problem sind, zur Verfügung steht. 

Mehr pauschale Überwachung ist verhältnismäßig billig und schnell eingeführt. Außerdem ein interessantes Macht- und Kontrollsystem. Deshalb wird sie diskutiert. Täter können und werden sich früher oder später darauf einstellen. Die restlichen 99,9 Prozent sind rechtstreue Nutzenden, die dann von Überwachung betroffen sind. 

Gezielte Maßnahmen, die auf Täter, Strukturen und direkten Kinderschutz zielen, sind aufwändig, teuer und entsprechen nicht dem Traum der schnellen technischen Lösung. Außerdem widersprechen sie der Tech-Bro-Ideologie. Was Kinder wirklich schützt, sind Sozialarbeit, Schutzprogramme, Bildung, sichere Orte, Ansprechpersonen, Hilfsangebote, Meldestellen und geschultes Personal. Und zwar überall dort, wo Kontakt zu jungen Menschen besteht. 

Dazu gezielte Programme für besonders vulnerable junge Menschen aus schwierigen Verhältnissen, also sprachlich und sozial isoliert. Zu diesem Thema empfehle ich gern das Buch »Direkt vor unseren Augen – Wie Pädokriminelle im Internet vorgehen – und wie wir Kinder davor schützen« von Daniel Mossbrucker.

AI Governance has failed

Im Bericht des Guardian über den aktuellen Meta-Kinderschutz-Prozess steckt noch eine weitere wichtige Information, die die Euphorie über sogenannte künstliche Intelligenz dämpft. Ermittler gaben an, Meta habe durch den übermäßigen Einsatz von KI zur Moderation seiner Plattformen eine große Menge an „falschen“ Meldungen ausgelöst. 

Verlängert und pauschalisiert heißt das: Plattform-Management mit KI – demnach der Versuch, ein soziales Netzwerk mittels sogenannter künstlicher Intelligenz sozial zu gestalten – ist gescheitert. Wer soziale Kommunikationsnetzwerke möchte, braucht Menschen, die wiederum menschenwürdige Arbeitsbedingungen brauchen. Aber auch das passt nicht in die Ideologie der Tech-Bros und die aktuelle sozial-kulturelle Austeritätspolitik in Ländern, Bund und EU.

Metas Geschäftsmodell des Scheiterns

Neulich musste Meta trotz Investitionen in Milliardenhöhe, kompromisslosem Willen zu Profit und Wachstum und der technologischen Macht und Fähigkeiten der USA sein Metaverse-Projekt einstellen. Um wirtschaftlich voranzukommen, hat der Konzern – das ist dokumentiert – jahrelang auf Kosten des Kinderschutzes gewirtschaftet. Daraus entstand ein gekipptes digitales Ökosystem der kommerziellen Überwachung, Ablenkung, Sucht und Macht. Ein positiver Beitrag zur Gesellschaft ist kaum noch zu erkennen. 

Staatsanwaltschaften, Gerichte, Kanzleien, einige Journalist*innen, Nicht-Regierungsorganisationen, Politiker*innen und viele Privatpersonen versuchen mit hohem finanziellen und zeitlichen Aufwand, Schadensbegrenzung zu betreiben. Ich möchte damit sagen: Wenn es um die Gestaltung der digitalen Zukunft geht, sollten Journalist*innen, Verantwortliche im öffentlichen und privaten Bereich und auch Politiker*innen aufhören, auf Meta zu hören.

Ein positiver Ausblick

Meta will gegen das Gerichtsurteil aus New Mexico vorgehen. Am 4. Mai soll das Verfahren in die nächste Runde gehen, am Ende wird das Urteil einer Richter*in stehen. Die Staatsanwaltschaft strebt weitere Strafen und Maßnahmen gegen die Plattformen an. 

Gegen Meta laufen derzeit viele weitere Klagen, auch weitere zum Thema Kinderschutz. Am 4. Mai findet in Hamburg ein Festival der guten Beispiele für bessere soziale Medien statt. Gemeinsam mit Björn Staschen und Florian König habe ich die #2MR-Konferenz initiiert, um zu zeigen, wie es besser geht. Wir freuen uns, über viele Kommunikationsverantwortliche, die nach Hamburg kommen und gemeinsam mit den Speaker*innen und den Gästen über echte Lösungen diskutieren und – anpacken!


Ob nun Meta, X oder ByteDance (TikTok): Eines der vielen Social-Probleme ist, nur wenige Konzerne dominieren den Markt. Ihre undurchsichtigen Algorithmen konzentrieren Information und Austausch, sind befreit von Gemeinwohlorientierung und journalistischen Qualitätsstandards. Diese Flut von Hass, Hetze und Desinformation gefährdet die Demokratie – dabei können soziale Netzwerke eine demokratische Kraft sein. Rund 100 Akteur*innen aus Kultur, Wirtschaft und Medien haben sich zusammengetan, um Social Media zu retten. Schließe Dich an.

Unterzeichne, um soziale Netzwerke zu retten

Autor*innen

Friedemann Ebelt engagiert sich für digitale Grundrechte. Im Campact-Blog schreibt er als freier Autor darüber, wie Digitalisierung fair, frei und nachhaltig gelingen kann. Er hat Ethnologie und Kommunikationswissenschaften studiert und interessiert sich für alles, was zwischen Politik, Technik und Gesellschaft passiert. Sein vorläufiges Fazit: Wir müssen uns besser digitalisieren! Alle Beiträge

Auch interessant

Feminismus Sibel Schick Wer schützt uns vor der Bundeswehr? Mehr erfahren
Digitalisierung Friedemann Ebelt Hallo Influencer: Der Hack einer Neonazi-Datingseite ist kein platter Content Mehr erfahren
Service Campact-Team Ist ein Social-Media-Verbot zu einfach gedacht? Mehr erfahren
Digitalisierung Campact-Team Montagslächeln: Europäische Autonomie Mehr erfahren
Demokratie Friedemann Ebelt Welche sozialen Medien können Demokratie? Mehr erfahren
Datenschutz Hannes Koch Wir brauchen einen Abschied von US-Digitalkonzernen Mehr erfahren
Demokratie Friedemann Ebelt Social Media: 2026 reden wir bitte mehr über Qualität, Souveränität und Demokratie Mehr erfahren
Digitalisierung Friedemann Ebelt Chatkontrolle: Warum es nicht vorbei ist Mehr erfahren
Datenschutz Campact-Team EU-Gesetz zur Chatkontrolle: Zwischen Kinderschutz und digitaler Massenüberwachung Mehr erfahren
Datenschutz Markus Beckedahl Broligarchie, Überwachungsstaat und Überwachungskapitalismus – bald auch in Deutschland? Mehr erfahren