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Hinweis: Dieser Text enthält explizite Schilderungen sexualisierter Gewalt und Suizide.

In der Mitte eines Friedhofs in Demmin, einem Ort in Mecklenburg-Vorpommern ziemlich genau zwischen Rostock und Usedom, liegt ein Stein. Er ist recht unscheinbar, dabei erinnert er an den wohl größten Massensuizid des Zweiten Weltkriegs. An ihm befestigt ist ein Schild mit der Aufschrift: „Freitote, am Sinn des Lebens irre geworden. Hier ruhen im Massengrab und in Einzelgräbern Hunderte bekannte und unbekannte Opfer der Demminer Tragödie vom Mai 1945.“ Dass keine genaue Anzahl genannt wird, ist kein Zufall. Denn bis heute ist unklar, wie viele Menschen sich im Frühjahr 1945 in Demmin das Leben genommen haben.

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Schön, dass Du hier bist! Das Erinnern von bedeutenden oder tragischen Ereignissen und eine Erinnerungs-Kultur sind wichtig – gerade, wenn es darum geht, zukünftig Taten zu verhindern oder zu Warnen.

In der Hansestadt leben heute knapp 10.000 Menschen, die Innenstadt unterscheidet sich kaum von anderen Orten im ländlichen Raum Mecklenburg-Vorpommerns. Es gibt Blumenläden, ein paar angekratzte AfD-Sticker und sogar einen Bahnhof. Ein Einwohner erklärte mir vor Kurzem, dass man mehr Nazis als Biber – das Stadtmaskottchen – zu Gesicht bekomme. Fährt man die Hauptstraße entlang, gelangt man schnell an einen idyllischen Platz neben einem alten Kornspeicher, direkt am Wasser, dem Herz der Stadt. Denn in der Hansestadt treffen sich gleich drei Flüsse: Tollense, Peene und Trebel. Das Revier um Demmin gilt Anglern mit Hecht, Zander und Barsch bundesweit als fischreich und verspricht großen Fang-Erfolg.

Um dem Schicksal zu entgehen

Wo heute Angelköder sachte ins Wasser gleiten, stiegen vor 81 Jahren ganze Familien mit steinbeschwerten Rucksäcken ins Nass. In genau diesen Gewässern haben etliche Frauen sich selbst und ihre Kinder ertränkt. Davon berichten Zeitzeug*innen. Einer davon, Heinz-Gerhard Quadt, damals 14, sei selbst mit seiner Mutter am Flussufer gestanden – und soll sie dann doch überredet haben, es nicht zu tun. Andere Zeitzeug*innen berichten, dass Menschen sich vergiftet, erschossen, erhängt und Rasierklingen umher gereicht haben. 1945 wollten viele Menschen in Demmin sterben.

Was wir über die Situation damals wissen: Der Krieg ist verloren, durch Deutschland weht der Nero-Befehl. In dessen Logik gilt: Krieg verloren, Volk verloren. „Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zum primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil ist es besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Was nach dem Kampf übrig bleibt, sind ohnehin die Minderwertigen; denn die Guten sind gefallen.“ Manche Nazis bringen sich um, weil sie Angst vor Rachegelüsten der anrückenden Sowjets haben oder schlicht den Führertod nicht verkraften, schreibt der Historiker Thomas Stamm-Kuhlmann. 

Sexualisierte Gewalt als „Bestrafungssystem“

Die Zivilgesellschaft sitzt fest. Denn die letzte Wehrmachtsreserve verlässt Demmin nicht, ohne alle Brücken zu sprengen. Panik kommt auf. Was jetzt kommt, ist in der Reihenfolge ungeklärt: Nazis schießen auf Sowjets. Diese wiederum legitimieren dadurch die Gegenwehr nach sowjetischem Kriegsrecht. Häuser brennen. Wer Brand stiftet und wie die Vorfälle zusammenhängen – dazu gibt es verschiedene Informationen.

Unbestreitbar ist, dass ein Übermaß an sexualisierter Gewalt stattgefunden hat, oder konkreter: massenweise Vergewaltigungen. „Mädchen von zehn Jahren bis zur 80-jährigen Großmutter wurden vergewaltigt“, erzählt Zeitzeuge Quadt. Weitere Zeuginnen berichten, wie ihre Mütter vor ihren Augen missbraucht wurden oder „die gelähmte Frau des Bäckermeisters“. Spätere Briefwechsel von Frauen geben Aufschluss darüber, wie 14-jährige Mädchen „geholt“ wurden. Manche finden ihr restliches Leben keine Worte, um auszudrücken, was ihnen widerfahren ist. „Die Nacht kann ich nicht schildern. Es war zu schrecklich“, berichtet eine Frau in einem Brief. Das sind nur ein paar der abartigen Beispiele, die sich finden lassen.

Durch Nazi-Propaganda in Panik getrieben ist die einzige Hoffnung für viele, das eigene Leben zu beenden. Motive für diese Suizide fasst Stamm-Kuhlmann so zusammen: „Sie geschahen nach einer als demütigend empfundenen Tat, oder sie wurden vorgenommen, um einem solchen Schicksal zu entgehen.“ Dass das weder Einzelschicksale noch Einzeltäter*innen waren, sondern ein „gesicherter massenhafter Vorgang“, gilt als belegt. Akten der Uni Greifswald aus dem Oktober 1945 dokumentieren, dass es Überlegungen gab, inwiefern vergewaltigungsbedingte Schwangerschaften legal abgebrochen werden konnten. In der Peene und in der Tollense schwimmen im Mai 1945 die Leichen der Einwohnerinnen Demmins.

Bis zu 1.000 Tote allein in Demmin

Wie viele Menschen genau sich das Leben genommen haben, ist bis heute ungewiss. Verschiedene Zahlen kursieren, und auch verschiedene Zeiträume. 621 Todesfälle vermerkt die Tochter des Friedhofsgärtners in einem Totenbuch zwischen 6. Mai und 15. Juli. 80 Prozent der Stadt sind zerstört, dazu gehört das abgefackelte Standesamt. Ein Standesbeamter erstellt ein neues Sterberegister und verzeichnet dort von Mitte Mai bis Oktober 927 Tote. Historiker*innen gehen – Dunkelziffer inklusive – von 900 bis 1.000 Toten aus, bei Menschen, die „bei Kriegsende ums Leben gekommen sind, ohne dass es Kampfhandlungen gegeben hätte“. In Demmin wohnen damals 15.000 Menschen. Es sind also fünf Prozent der Stadtbevölkerung, die sich umbringen. Doch nicht nur in Demmin, auch in anderen Orten in MV – Neustrelitz, Neubrandenburg, Friedland, Teterow – haben sich Menschen in großer Zahl das Leben genommen. 

Aufarbeitung? Fehlanzeige. Historiker Florian Huber schreibt in seiner Publikation „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“ darüber, wie zu DDR-Zeiten mit dem Geschehen umgegangen wurde. Kurze Antwort: gar nicht. Viele Selbsttötungen seien als „rein private Tragödien“ abgetan worden, die „Selbstmordepidemie“ sei „aus dieser Gedächtnisoffensive ausgeklammert“. Das liegt auch daran, dass die „Befreier vom Faschismus“ nicht in ein schlechtes Licht gerückt werden sollten. Über all die Suizide wird also jahrzehntelang geschwiegen. 

Gerade scheint sich daran etwas zu ändern. Demmins Geschichte rückt seit der Wende ins mediale Bewusstsein. Es gibt Bücher und Dokus. Und einmal im Jahr wird auch überregional berichtet: Am 8. Mai, dem Tag, der offiziell als Tag der Befreiung gilt.

Narrativ verändern als Trick

Der 8. Mai ist ein wichtiger Tag in der deutschen Geschichte. Doch er bedeutet für West- und Ostdeutschland Unterschiedliches. In Westdeutschland wurde das Leid der Deutschen betont. In der DDR galt der Tag seit 1950 als „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“. Eine Positionierung als Opfer gab es auf beiden Seiten, schreibt Sarah Stemmler für die Bildungsstätte Anne Frank: „Gewissermaßen sahen sich beide deutsche Staaten als Opfer: entweder als Opfer des Krieges oder als Opfer des Faschismus.“ 

Der Inhalt einer Weizsäcker-Rede 1985 bestätigt diese Perspektive: „[Der 8. Mai] hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ An dieser Perspektive gibt es aber auch viel Kritik. Denn es waren gewiss nicht alle Deutschen Opfer. Einige waren maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Nationalsozialismus Fuß fassen und existieren konnte – egal ob aktiv unterstützend oder bequem-untätig. Eine solche Inszenierung verhindert also echte Aufarbeitung und verweigert sich der Realität. Denn wer sich selbst als unbeteiligt sieht, gibt Verantwortung ab, muss sich nicht mit Inhalten auseinandersetzen und keine Schuld tragen.

Gemeinsamkeit: Trauer?

Genau diesen Trick der Opferinszenierung verwenden moderne Rechtsextreme. Seit 2007 – also seit knapp zwei Jahrzehnten – organisiert die Partei „Die Heimat“ (früher: NPD) am 8. Mai ihren sogenannten „Trauermarsch“ in Demmin. Im vergangenen Jahr waren etwa 290 Rechtsextreme anwesend. Das Ziel ist, medienwirksam einen Kranz ins Wasser zu werfen. Das deutsche Volk ist in dieser Erzählung Opfer der Umstände – ein kollektives Wir, das unverschuldet leidet. Die vorgegebene Emotion ist für jeden Menschen anschlussfähig: Trauer.

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Der Grund für diese Trauer scheint legitim; ein Gedenken der Toten wirkt gerade im Zuge der Brutalität fast schon aufrichtig. Aber es ist nichts weiter als eine Lüge. „Der Appell an das Gewissen wird zur Waffe der Rechtsextremen“, schreibt Luisa Gehring auf der Website der Amadeu-Antonio-Stiftung. Sie argumentiert, dass die Trauer der Rechtsextremen nicht den vielen Menschen gilt, die sich in Demmin oder anderswo zum Kriegsende das Leben nahmen – sondern dem Ende des nationalsozialistischen Terrors, dem Zusammenbruch des Hitlerregimes und der Niederlage im Zweiten Weltkrieg.  

„Solche Argumentationen führen dann meist schnell zu Forderungen nach einem Schlussstrich oder einem neuen Nationalstolz – eine Steilvorlage für rechten Geschichtsrevisionismus“, so Gehring. Als Teil der rechtsextremen Ideologie versucht dieser, die Vergangenheit weniger schlimm aussehen zu lassen. So wird und bleibt rechtsextremes Gedankengut salonfähig.

Tragödie ja, Trauermarsch nein

Genau das wollen einige Bürger*innen Demmins nicht länger hinnehmen – und vor allem nicht unkommentiert lassen. Ein*e Sprecher*in des Bündnisses stellt im Telefoninterview klar: „Natürlich gab es viele menschliche Tragödien in Demmin. Fakt ist aber auch: 1. Die NS-Propaganda hat Menschen in den Selbstmord getrieben. 2. Die Wehrmacht hat die Brücken gesprengt. 3. Viele Menschen in Demmin hatten sehr enge Verbindungen zum NS-Regime. Und die Suizide fanden nicht genau am 8. Mai statt – sondern schon vorher.“

Das Aktionsbündnis 8. Mai engagiert sich seit Jahren, um den Nazis und ihrem inszenierten „Trauermarsch“ die Stadt nicht zu überlassen. Etwa 15 Leute organisieren sich im Verein, Unterstützung kommt häufig zu Veranstaltungen von außen dazu. 

Protestcamp statt Tagesausflug

Zuletzt verzeichneten sie Erfolge. 2025 seien laut Bündnis 4.000, laut NDR 2.000 Menschen nach Demmin gekommen, um den Protest zu unterstützen – aus umliegenden Städten, aber auch Leipzig und Berlin. Mit Hilfe so vieler Menschen konnte die Route der Neonazis blockiert werden. Doch mit Unterstützung der Stadt war nicht zu rechnen. „Obwohl das eigentlich kein großes Ding sein sollte. Immerhin handelt es sich bei der NPD, die mittlerweile unter dem Namen ‚Die Heimat‘ agiert und den Marsch organisiert, um einen offensichtlichen Nachfolger der NSDAP“, so der*die Sprecher*in.

Was sie sich auch von der Stadtverwaltung wünschen: klare Kante gegenüber Rechtsextremen. Das Aktionsbündnis legt schon mal vor. Für 2026 soll es in Demmin nicht nur einen Tag des Widerstands geben – sondern ein viertägiges Protestcamp. Momentan wird noch nach Freiwilligen fürs Brötchenschmieren, Gemüseschneiden und für Nachtschichten gesucht. Unterstützung ist willkommen.

Autor*innen

Juli Katz ist freie Journalistin in Mecklenburg-Vorpommern und schreibt über Politik, Wissenschaft, Kultur und Arbeit – gerne im ländlichen Raum. Alle Beiträge

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