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Vor fast acht Wochen haben die USA und Israel den Krieg gegen den Iran begonnen. In kürzester Zeit stiegen die Preise für Benzin und Diesel weit über die 2-Euro-Marke. Beklagt wurde das überall – aber weniger Auto gefahren ist erstmal niemand. Das ist leider wenig überraschend, denn es mangelt ganz offenbar an guten Alternativen. In ländlichen Gebieten ist der ÖPNV schlicht nicht oder nur ausreichend vorhanden. Aber selbst dort, wo es ihn gibt, ist er für viele Menschen keine spannende Alternative, sondern hauptsächlich unzuverlässig – allen voran der Fernverkehr der Bahn.

Verspätungen der Bahn sind demokratiegefährdend

Die Unpünktlichkeit der Bahn ist so besorgniserregend, dass selbst Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) sie als demokratiegefährdend bezeichnet. Das Ziel des ehemaligen Bahnvorstands, bis 2027 zwischen 75 und 80 Prozent Pünktlichkeit im Fernverkehr zu erreichen, nannte Schneider ein „Wolkenkuckucksheim“. Angesichts aktueller Pünktlichkeitswerte von 60 Prozent vollkommen berechtigt.

Das große Problem: Baldige Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil, durch die Extremwetterlagen im Januar und Februar und den damit verbundenen Verspätungen ist es fraglich, ob die schon schlechten 60 Prozent im Jahr 2026 überhaupt gehalten werden können.

Sofortprogramme als Trostpflaster

Mit Sofortprogrammen will das Bundesverkehrsministerium die Bahn wieder attraktiver machen. Die Programme sollen die Sauberkeit an Bahnhöfen, den Komfort in den Fernverkehrszügen und die Informationen für Fahrgäste bei Verspätungen und Gleiswechseln verbessern. Alles sinnvoll, keine Frage. Aber an den Verspätungen ändert das natürlich nichts und die sind schließlich das Hauptproblem.

Kein Mensch will mehr Bahn fahren

Laut der HUK-Mobilitätsstudie 2026 vermeiden mittlerweile 35 Prozent der Befragten Bahnreisen. 28 Prozent planen größere Zeitpuffer ein und 26 Prozent planen An- und Abreisen um wichtige Termine grundsätzlich ohne Bahnfahren. Das ist ein Armutszeugnis. Vor allem für ein Unternehmen, das die Menschen kostengünstig, schnell und klimafreundlich mobil machen soll. Die große Unzufriedenheit führt auch dazu, dass die Menschen das Auto als bevorzugtes Verkehrsmittel der Zukunft bezeichnen. 

Ein weiterer Grund für die Abkehr von der Bahn und hin zum Auto ist auch die neue Bahn-Praxis, Strecken für Sanierungen lang und komplett zu sperren. Sobald Menschen sich erstmal auf eine Alternative eingestellt haben, wechseln sie nicht so schnell zurück. Dazu müsste es große Anreize geben.

Könnten bessere Preise funktionieren?

In der aktuellen Krise fordert EVG-Chef Martin Burkert einen befristeten Rabatt von 30 Prozent auf das Deutschlandticket und eine Preissenkung im Fernverkehr von bis zu 50 Prozent. Ob das wirklich denjenigen helfen würde, denen die hohen Spritpreise zusetzen? Wir werden es wohl nicht herausfinden, denn die Regierung hat sich für einen anderen Weg entschieden.

Nachdem die Regel, dass Tankstellen nur noch einmal am Tag die Preise erhöhen dürfen – oh Wunder – nicht funktioniert hat, will die Regierung stattdessen lieber die Spritpreise künstlich für zwei Monate um 17 Cent pro Liter zu senken: falls die Steuersenkung bei den Kund*innen überhaupt ankommt. Die Mineralölkonzerne freuen sich auf jeden Fall über mögliche Mitnahmeeffekte. Uns Steuerzahler*innen kostet die Maßnahme übrigens 1,6 Milliarden Euro. Wohlgemerkt: So viel gibt der Bund nicht einmal jährlich für das Deutschlandticket aus.

Die Regierung muss schnell liefern

Der Krieg gegen den Iran und die Blockade der Straße von Hormus haben gezeigt, wie abhängig wir von fossilen Energien sind. Sie haben aber auch einmal mehr offenbart: Der Fernverkehr der Bahn und der öffentliche Nahverkehr in Deutschland sind für viele Menschen in der jetzigen Form keine Alternative. Die Regierung muss hier die Versäumnisse beim Streckenausbau und der Instandsetzung viel stärker angehen, damit vor allem die Pünktlichkeit wieder besser wird. Mit dem Ziel, dass alle mobil sein können, fürs Klima und für die Demokratie.


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Autor*innen

Matthias Flieder ist studierter Geisteswissenschaftler und seit 2017 Campaigner bei Campact. Nachdem er zuvor für Greenpeace hauptsächlich für Klima- und Umweltschutz aktiv war, versucht er jetzt in allen Politikfeldern progressive Politik voranzubringen. Für den Campact-Blog schreibt er eine Kolumne über die Freuden und Leiden des Fahrradfahrens und die deutsche Verkehrspolitik. Alle Beiträge

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