Einst schüttelten sich am Wirtschaftsforum im russischen Sankt Petersburg internationale Spitzenpolitiker die Hände und lächelten höflich. Aber seit dem russischen Angriffskrieg im Februar 2022 auf die Ukraine hat sich das Publikum radikal verändert. Statt Angela Merkel und Emmanuel Macron sind nun beispielsweise Vertreter der Taliban zu Gast.
Zum Wirtschaftsforum im Juni 2026 lädt Moskau auch Politiker der AfD ein: Unter anderem Markus Frohnmaier, außenpolitischer Sprecher der Fraktion im Bundestag. Und Steffen Kotré, energiepolitischer Sprecher der AfD. Das ist kein Zufall. Beide haben Verbindungen nach Russland. Außerdem wäre es nicht die erste, umstrittene Russlandreise von AfD-Abgeordneten. Ein russischer Reise-Überblick:
AfD und Russland – eine langjährige Verbindung
Sergej Lawrow, russischer Außenminister, empfängt den frisch gewählten AfD-Parteichef Tino Chrupalla in Moskau. Chrupalla spricht sich dort für ein Ende der Russland-Sanktionen aus, die aufgrund der russischen Krim-Annexion 2014 verhängt worden waren.
Auf ihrer Reise fordert Alice Weidel öffentlich das Ende der westlichen Sanktionen gegen Russland. Zwar kritisiert Weidel nach dem russischen Angriffskrieg im Februar 2022 vereinzelt Russlandreisen von Parteikolleg*innen, aber dieser Besuch zeigt: Die Ausrichtung nach Moskau ist kein Randphänomen, sondern wurde auch von der Parteispitze aktiv betrieben.
Tino Chrupalla nimmt an der „Moskauer Konferenz für Internationale Sicherheit“ teil. Ein jährliches Forum des russischen Verteidigungsministeriums, das russische Narrative verbreiten und westliche Sicherheitspolitik delegitimieren soll. Die Unterdrückung der russischen Opposition und die eingeschränkte Pressefreiheit thematisiert Chrupalla nicht. Stattdessen entscheidet er sich, ein Sprachrohr der russischen Propaganda zu sein.
24. Februar 2022: Russland beginnt seinen Angriffskrieg auf die Ukraine
Nur wenige Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs reist Hans-Thomas Tillschneider zur Sicherheitskonferenz nach Moskau. Dort wettert er gegen das „Regenbogenimperium“ und preist Russland unter Putin als natürlichen Verbündeten im Kampf gegen sexuelle Selbstbestimmung. Tillschneider knüpft damit nahtlos an russische Staatspropaganda an, die Europa aufgrund seiner Gleichstellungspolitik als „Reich Satans“ bezeichnet.
Drei Landtagsabgeordnete sind auf dem Weg in die von Russland besetzten ukrainischen Gebiete, Donezk und Luhansk. Zu diesem Zeitpunkt bereitet Russland die Schein-„Referenden“ zur Annexion dieser Gebiete vor. Doch die Pläne werden publik, der AfD-Bundesvorstand stoppt die Reise. Im Nachhinein distanziert sich die Parteispitze von der Reise, die NRW-Fraktion droht Blex mit Konsequenzen. Die Fraktion in Sachsen-Anhalt bezahlte Berichten zufolge die Flüge.
Heimlich reist Petry Bystron nach Belarus, wo er auf den ukrainischen und Putin-nahen Oligarchen-Vertrauten Oleg Woloschyn trifft. Ein Mann, dem westliche Geheimdienste direkte Verbindungen zum FSB (Inlandsgeheimdienst Russlands, Nachfolger des KGB) nachsagen. Zudem soll Woloschyn ein zentraler Drahtzieher der Nachrichten- und Propagandaplattform „Voice of Europe“ sein – ein Netzwerk, worüber Russland Bestechungsgelder an europäische Politiker fließen ließ.
Im selben Monat, in dem Bystron nach Belarus zu Woloschyn reist, besucht sein Fraktionskollege Matthias Moosdorf eine Wirtschaftskonferenz in St. Petersburg. Es ist seine erste belegte Russlandreise. Eine Reise von mittlerweile vielen, die seine sehr enge Verbindung in kremlinnahe Kulturkreise erkennen lässt.
Gemeinsam mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow gründet der frühere AfD-Bundestagsabgeordnete Waldemar Herdt in Moskau die sogenannte „Internationale Russophile Bewegung“. Eine gesellschaftliche Allianz, die den liberalen Westen als gottlos und verdorben darstellt, aber in Russland die Rettung sieht.
Herdt hat die AfD im Februar 2024 verlassen und arbeitet seitdem für russische Staatsinteressen, indem er beispielsweise in der TV-Show von Wladimir Solowjow auftritt. Dieser ist bekannt für seine Forderung nach einem Atomschlag gegen den Westen. Herdt hat zudem Kontakte zum russischen Geheimdienst.
Erneut reist Hans-Thomas Tillschneider zur Moskauer Sicherheitskonferenz und veröffentlicht von dort ein Video-Statement, in dem er nicht nur die „multipolare Weltordnung“ – ein zentrales Schlagwort der russischen Außenpropaganda – als Ziel begrüßt. Der AfD-Politiker erklärt auch, Russland und China seien nicht mehr bereit, die „Alleinherrschaft der USA“ hinzunehmen. Tillschneiders Auftritte zeigen ideologische Verschmelzungen mit russischen Propagandanarrativen.
Matthias Moosdorf tritt beim Tschaikowsky-Festival in St. Petersburg als Cellist auf. Das Konzert finanziert die kremlnahe Roscongress-Stiftung und die „Brücke der Künste“-Stiftung von Boris Rotenberg, einem Putin-Freund. Bei Fragen zur Gage verstrickt sich Moosdorf in Widersprüchen. Trotzdem ernennt die AfD-Bundestagsfraktion Moosdorf zum Leiter des außenpolitischen Arbeitskreises. Er folgt auf Petr Bystron, gegen den zu der Zeit wegen Geldwäsche und Bestechlichkeit ermittelt wird.
Drei bayerische AfD-Landtagsabgeordnete (Ulrich Singer, Lena Roon und Steffen Jurca) und Olga Petersen, Bürgerschaftsabgeordnete aus Hamburg, reisen als Wahlbeobachtende zur russischen Präsidentschaftswahl. Westliche Regierungen und Wahlrechtsexperten ordnen die Wahl als weder frei noch fair ein. Doch genau das lobt Petersen: die russische Wahl. Und zwar im russischen Staatsfernsehen. Kurz darauf schließt die AfD Petersen aus, die anschließend nach Russland auswandert.
Auf dem zentralen Platz der russischen Exklave Kaliningrad schwenken Hans-Thomas Tillschneider, Frank Otto Lizureck und 14 weitere AfD-Mitglieder teils russische, teils deutsche Flaggen. Im russischen Fernsehen werben sie für die „deutsch-russische Freundschaft“, was mit Blick auf den laufenden Angriffskrieg gegen die Ukraine als bewusste Provokation gewertet wird. Kaliningrad ist russisches Militärgebiet, damit strategisch hoch sensibel und gilt propagandistisch als besonders bedeutsam für Moskau.
Trotz seiner Position als amtierender außenpolitischer Sprecher und AfD-Fraktionsmitglied, tritt Matthias Moosdorf eine Honorarprofessur an der Moskauer Gnessin-Musikhochschule an. Eine staatliche Einrichtung, die das russische Kulturministerium finanziert. Er gibt kremlfinanzierte Konzerte, trifft den deutschen Kulturmanager Hans-Joachim Frey und den Putin-Berater Günter Titsch, um Festspiele in Russland zu besprechen. Treffen, die nicht öffentlich kommuniziert werden.
In Sotschi organisieren Strippenzieher des unter EU-Sanktionen stehenden „Voice of Europe“-Netzwerks eine Konferenz. Rainer Rothfuß und Ulrich Singer reisen hin und treffen sich am Vorabend mit Dmitri Medwedew, Vizechef des russischen Sicherheitsrats und Vorsitzender von Putins Regierungspartei. Medwedew ist international bekannt für seine scharfen, anti-westlichen Statements.
Krah reist heimlich mit und trifft sich mit Oleg Woloschyn. Der Mann, mit dem sich Petr Bystron 2022 in Belarus traf. Gegen Krah wird zu der Zeit ein Anfangsverdacht geprüft, er soll Geld aus Russland angenommen haben. Außerdem laufen Ermittlungen wegen mutmaßlicher Bestechlichkeit aus China.
Innerhalb weniger Monate reisen Ulrich Singer und Lena Roon erneut nach Russland zu einer Konferenz. Trotz der öffentlichen Empörung über das Medwedew-Treffen wenige Wochen zuvor.
Im März 2025 reist Matthias Moosdorf erneut unangemeldet nach Moskau, um mit Titsch und Frey über Festspiele zu sprechen, die über die Stiftung der Rotenberg-Brüder organisiert sein sollen. Zwei der mächtigsten Oligarchen Russlands. Die AfD-Fraktionsführung reagiert mit Sanktionen: 2.000 Euro Ordnungsgeld und entzogene Redezeit für sechs Sitzungswochen.
Trotz scharfer Kritik reisen Steffen Kotré, Hans Neuhoff und Jörg Urban zum BRICS-Europa-Symposium nach Sotschi. Ob für russische Medien oder das rechtsextreme Magazin Compact: Vor Ort posieren die drei AfD-Abgeordneten für Social-Media-Posts und geben Interviews. Fast so, als wären sie in diplomatischer Mission unterwegs. Damit ignorierten sie die „Rahmenbedingungen“, die AfD-Chefin Alice Weidel ihnen für die Reise gesetzt hatte. Dmitri Medwedew, Vizechef des russischen Sicherheitsrats und Vorsitzender von Putins Regierungspartei, nutzte deren Besuch, um gegen Bundeskanzler Friedrich Merz auszuteilen.
Markus Frohnmaier und Steffen Kotré wurden beide zum russischen Wirtschaftsforum im Juni 2026 eingeladen. In der englischen Broschüre heißt es: Tiefe Überzeugungen und gemeinsame menschliche Werte seien heutzutage besonders wichtig. Außerdem werde “eine pragmatische Zusammenarbeit dazu beitragen […], geschäftliche, politische und kulturelle Beziehungen zum Wohle einer gerechten Welt und einer sicheren Zukunft zu stärken”.
Die staatliche Roscongress-Stiftung, die bereits die kremlfinanzierten Konzerte von Matthias Moosdorf ermöglichte, organisiert das Forum. Die Schirmherrschaft hat Wladimir Putin. Kotré sagte seine Teilnahme bereits zu, Frohnmaier zögert offiziell noch. AfD-Vize-Fraktionschef Stefan Keuter sicherte bereits zu, die Reiseanträge inklusive Kostenübernahme zu genehmigen.
Warum will Russland die Nähe zur AfD?
Russland profitiert von der Verbindung zur AfD. Wer zur Sotschi-Konferenz geladen oder ins Propagandanetz eingespeist wird, erfüllt für den Kreml eine Funktion. Das zeigen Recherchen von Correctiv, t-online, Süddeutsche Zeitung, ARD, Spiegel oder auch Kai Arzheimer, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mainz.
Zwei Einladungen, zwei Beispiele:
Steffen Kotré sitzt als energiepolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion an einem für Russland wichtigen Hebel: der deutschen Debatte über Energiesanktionen. In Propagandasendungen übernimmt und verbreitet Kotré russische Narrative – wie etwa dass Deutschland selbst Schuld sei an seiner Energiekrise – und trägt sie zurück in den Bundestag. Als Sprachrohr ist er für Moskau damit nützlich.
Markus Frohnmaier erfüllt eine strategische Funktion. Seine jahrelang gepflegten Verbindungen reichen weit – von Moskau bis MAGA schart Frohnmaier anti-westliche, anti-liberale Hardliner um sich. Kontakte, die nicht nur ideell, sondern auch monetär unterstützen können. Markus Frohnmaier folgte im Mai 2025 als neuer Leiter des Arbeitskreis Außen und ersetzte Matthias Moosdorf. Laut einer OCCRP-Recherche ist Frohnmaier als Empfänger finanzieller Zuwendungen von Russlands „Internationaler Agentur für aktuelle Politik“ gelistet.
Militär, Rüstung, Katastrophenschutz
Zwischen 2020 und 2025 stellte die AfD mit Abstand die meisten Kleinen Anfragen mit sicherheitsrelevanten Bezügen. Insgesamt 7199 und damit fast doppelt so viele wie CDU oder Linke. Der SPD-Innenminister von Thüringen, Georg Maier, verdächtigte die AfD, mit ihrem Wissensdrang im Interesse von Russland die kritische Infrastruktur Deutschlands ausforschen zu wollen.
Warum sind auch einzelne AfDler gefährlich?
Moskau braucht keine Mehrheit im deutschen Bundestag. Gezielt ausgesuchte Stimmen, die Zweifel säen, öffentlich Sanktionen untergraben und weitere Kontakte bereitstellen, reichen – vorerst. Trotzdem warnt der Politikwissenschaftler Arzheimer davor, die Russland-Verbindungen innerhalb der AfD auf ein paar Ausreißer zu reduzieren.
Warum einzelne Personen für Moskau vorerst ausreichend sind, lässt sich auch gut an den Landtagswahlen im Herbst in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zeigen.
Wie viel Russlandinteresse fließt in die politische Arbeit?
Laut Umfragen ist in beiden Ländern eine Sperrminorität möglich, damit kann die AfD mitbestimmen: über Richter, über Haushalte, über die Zukunft des Landes.
Steffen Kotré sitzt für Brandenburg im Bundestag, Jörg Urban sitzt im sächsischen Landtag, Hans-Thomas Tillschneider im Landtag Sachsen-Anhalt.
Gerade die AfD in Sachsen-Anhalt steht dem russischen Diktator Putin sehr nahe. Bei einer Feier zu Ehre Putins im vergangenen Jahr behauptete der eingeladene Hans-Thomas Tillschneider: Deutschland hätte Russland den Krieg erklärt. Tillschneider ist nicht irgendein AfD-Hinterbänkler, sondern eine prägende Figur des Landesverbands und Hauptautor des Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt. Die Frage an dieser Stelle ist also nicht, ob – sondern inwieweit die Männer nach den Wahlen russische Interessen in ihrer politischen Arbeit vertreten werden.
Dass die AfD in Sachsen-Anhalt wohl die meisten Stimmen holen wird – das lässt sich kaum noch aufhalten. Doch mit einer gezielten Kampagne zum strategischen Wählen können wir verhindern, dass die Rechtsextremen die absolute Mehrheit erreichen.
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