Mittelalterlich, gepflasterter Innenhof, an einem Treppenturm prangt in riesigen Buchstaben „FCKAFD“: In Halberstadt, Sachsen-Anhalt, steht ein altes Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert. Ein soziokulturelles Zentrum, jeder im Ort kennt die Zora.
Was ist die Zora?
Die Zora ist ein überregional bekanntes, soziokulturelles Zentrum mit Fokus auf offene Kinder- und Jugendarbeit, soziale Arbeit und Kulturangeboten.
„Wir befinden uns in einer Stadt, in der für junge Menschen einfach nicht sehr viel geht“, sagt Robert Fietzke. Denn viele junge Menschen ziehen nach dem Abschluss in die nächste Großstadt oder nach Westdeutschland, meint der Sozialarbeiter. Fietzke ist Geschäftsführer der Zora und in Halberstadt aufgewachsen.
Es ist einer der Punkte, an dem die Zora ansetzt. „Wir versuchen mit unseren Angeboten die Leute davon zu überzeugen: Bleibt hier, das lohnt sich.“ Denn nur gemeinsam könne man die Stadt entwickeln und wieder lebenswerter machen.
Gemeinschaft und Solidarität
Kopf- und Sachspenden
Damit die Zora bestehen kann, ist sie auf Unterstützung aus der Zivilgesellschaft angewiesen. Wer Wissen oder kostenlose Arbeit der Zora schenken möchte – sei das nun als Dachdecker*in, IT-Spezialist*in, Tischler*in, Energieberater*in oder Influencer*in – ist immer Willkommen.
Dazu organisiert die Zora mehrere Küfa-Angebote („Küche für alle“), leitet Lebensmittelspenden von der Tafel weiter, macht Workshops, Fotoausstellungen, Ferienprogramme, Flohmärkte, Karaoke, Holzworkshop samt Seifenkisten bauen und Renntag oder beteiligt sich auch an den interkulturellen Wochen – mit Fußballturnieren, Vorträgen und Konzerten.
„Zur interkulturellen Woche bezahlen die Bündnisakteure in Halberstadt einen Bus, damit die Menschen aus der ZASt am Abschlusskonzert teilnehmen können“, sagt Fietzke. Die ZASt ist die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber des Landes Sachsen-Anhalt. Fünf Kilometer entfernt vom Stadtzentrum, mitten im Nirgendwo.
Als Fietzke vom vergangenen Jahr erzählt, lächelt er. „Der Bus kam, alle sind rein. Kein Eintritt, freie Getränke, freies Essen. Rund 400 Leute haben auf unserem Hof getanzt und hatten einen so tollen Abend.“ Für ihn ist das gelebte Gemeinschaft und Solidarität.

Kleines Team, viel Arbeit
Was nach einem großen Orga-Team klingt, wuppt die Zora mit drei hauptamtlichen Mitarbeitenden, einigen Bundesfreiwilligendienstleistenden und einem Pool an Ehrenamtlichen. „Manchmal frage ich mich auch, wie wir das eigentlich schaffen“, sagt Fietzke und lacht.
Ob zu Aktionen und Konzerten, die Türen der Zora stehen regelmäßig offen. Dazu die Fahrradselbsthilfewerkstatt, Siebdruck- und Holzwerkstatt oder die Bar-Abende für einen schmalen Taler. Immer mit der Anforderung: „Alle unsere Angebote sollen sozialverträglich sein.“ Dazu gehöre auch die Garantie, nicht mit Neonazis abhängen zu müssen. „In Halberstadt ist diese Wahrscheinlichkeit leider sehr groß“, sagt Fietzke.

Die Zora feiert Geburtstag!
Vom 24. bis 28. Juni feiert die Zora ihren 35. Geburtstag mit allerlei Veranstaltungen.
Neonazis in Halberstadt
Halberstadt hat aktuell rund 40.000 Einwohner*innen. In Umfragewerten kommt die AfD in der Kleinstadt auf bis zu 41 Prozent. Wann hat sich die politische Lage verändert? „Das hat sich nicht verändert, das war schon immer so“, antwortet Fietzke.
Er erzählt aus seiner Jugend. Aus den „Baseballschläger-Jahren“ und von gewalttätigen, besoffenen Neonazis. Sicher, die Bedrohungslage sei durch strategische Zuzüge von westdeutschen Neonazis nach Halberstadt größer geworden. Dazu die steigende Radikalisierung und Normalisierung in der Gesellschaft, die der Sozialarbeiter im Zusammenhang mit der AfD sieht.
Deshalb sei die Zora, antifachistisch wie sie ist, auch schon immer von rechter Gewalt betroffen gewesen, erzählt Fietzke. Pöbelnde Neonazis, Auflauern, direkte Drohungen gegenüber Mitarbeitenden oder Hakenkreuzschmierereien an den Mauern des soziokulturellen Zentrums: „Wenn wir das anzeigen und melden, greift das nicht einmal mehr die Lokalzeitung auf.“

Mach Dich auf die Socken!
Demokratie ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Dafür braucht man natürlich die richtigen Socken. Unterstütze Campact jetzt regelmäßig und ergattere ein limitiertes Paar Linke Socken.
Die Zora, ein sicherer Ort
Genau deshalb ist die Zora eine Art Safe Space. Ein sicherer Ort für Ausgegrenzte, Marginalisierte, jene mit psychischen Problemen oder, wie Fietzke es nennt, „die, die aufgrund der Krisen einfach Bauchschmerzen mit der Welt haben“. Nicht alle seien politisch interessiert, meint er. „Vielmehr geht es darum, sich ausleben zu können und Gleichgesinnte zu finden – jenseits von Alltagsdiskriminierung.“
Die Zora als sicheren Ort erhalten, könnte mit den Landtagswahlen am 6. September und einer möglichen Alleinregierung durch die AfD schwerer werden. Denn in dieser Position könnte die AfD wichtigen Demokratie-Projekten die finanziellen Mittel streichen. Zwar bekommt die Zora keine Landesmittel und wäre von Kürzungen nicht unmittelbar betroffen.
Doch Fietzke ist sich sicher: „Die Neonazis vor Ort wissen dann, der politische Wind hat sich gedreht. Vielleicht kontrolliert sogar ein AfD-Innenminister die Polizei – die ein Auge zudrückt, wenn ein paar Kameraden vor Ort losziehen, um endlich das Zeckenzentrum loszuwerden.“ Oder zehn leere Flaschen Wein von einer Party, „die bei einer Hausdurchsuchung plötzlich zu zehn Molotow-Cocktails gedreht werden.“ Es ist diese Form von Repression, die Robert Fietzke und der Zora Sorge bereiten. Doch „über einen sehr langen Atem und gute Arbeit können wir die AfD am Ende besiegen.“
Das ist auch der Plan von Campact. Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich Campact für soziale Gerechtigkeit, eine starke Zivilgesellschaft und gegen Rechtsextremismus. Du möchtest über unsere Appelle, Aktionen und Kampagnen informiert bleiben? Dann abonniere unseren Newsletter.