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Zuerst die Fakten: Friedrich Merz hat keine Eisbärenfamilie erschossen. Er hat auch keine 1,4 Milliarden Euro für ein Fußballstadion in Brasilien locker gemacht. Und er hat auch nicht für 8.000 Dollar ein Date mit einem Onlyfans-Model vereinbart und dann sein Geld zurück verlangt.

Trollfabriken, Influencer und Staatsmedien arbeiten Hand in Hand

Diese und noch viele mehr sind Desinformationsgeschichten über Friedrich Merz aus den vergangenen Monaten. Viele von ihnen sind dem Kreml und seiner Desinformationsmaschinerie aus Trollfabriken, Influencern und Staatsmedien zuzuschreiben. Auch die bekannten russischen Langzeitoperationen, wie Storm-1516, Doppelgänger oder Matroschka, beteiligen sich am Informationskrieg gegen den Kanzler.

Dass Russland und seine Unterstützer*innen Desinformation über Merz verbreiten, ist nichts Neues. Schon im Bundestagswahlkampf 2025 brachten sie diverse Fakes in Umlauf. Darunter war auch ein Video, in dem behauptet wurde, Merz habe einen Suizidversuch hinter sich. Inklusive Interview mit einem angeblichen „behandelnden Arzt“. Kein KI-Produkt – ein Schauspieler. Und ein laienhafter dazu.

Der Kreml stärkt die AfD

Putins Apparat profitiert von Krisen. Derzeit versucht der Kreml, die real existierende Unzufriedenheit mit der Regierung Merz und insbesondere dem Kanzler für sich zu nutzen. 

Dazu kommen im September anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin – und die guten Umfragewerte für die AfD. Die Partei fällt seit Jahren durch ihre enge Russlandnähe auf: Sie unterstützt die russische Regierung und beteiligt sich an deren Propaganda. Zum Beispiel durch die Teilnahme an pseudo-seriösen Wahlbeobachtungsmissionen oder durch politische Forderungen zum Krieg in der Ukraine oder zu russischen Rohstofflieferungen.

Und gerade erst Anfang Juni sind mehrere AfD-Politiker zum Wirtschaftsforum nach Sankt Petersburg gereist. Darunter auch Markus Frohnmaier, der schon lange durch seine Nähe zum Kreml auffällt. Russland will die AfD stärken. Auch das funktioniert über Desinformationskampagnen gegen Merz, die auf Destabilisierung in Deutschland abzielen und Deutschlands Unterstützung für die Ukraine schwächen sollen.

Es darf auch skurril sein

Und ja, da sind wirklich skurrile Geschichten dabei. Und die meisten dieser Stories erreichen kein riesiges Publikum. Es geht den Verbreitern von Desinformation aber auch darum, Berichterstattung zu provozieren. Dabei helfen auch eher schräge Lügen.

Wer solche Geschichte wie die mit den Eisbären skurril findet, ist auch nicht die Zielgruppe. Das Propagandaangebot ist deshalb vielfältig und zielt auf Eisbärenfreunde, Friedensbewegte, Rechtsextreme und Astrologie-Fans ab. Desinformation wirkt dort am stärksten, wo sie Weltbilder bestätigt.

Das zeigte sich auch im vergangenen Wahlkampf in Ungarn. Russland schlug sich auf Viktor Orbáns Seite und streute reichlich Falschbehauptungen über Herausforderer Péter Magyar. Darunter eine frei erfundene Geschichte über ein getötetes Hundebaby, die in Ungarn und unter deutschen Rechtsextremen und Verschwörungsgläubigen weit verbreitet wurde. 

Hybrider Krieg ist mehr als Desinformation

Dass Magyar die Wahl gewann, zeigt: Desinformation allein entscheidet eher keine Wahl. Trotzdem kann sie die öffentliche Meinung kurz- und langfristig verschieben oder Kandidat*innen und Parteien beschädigen. Besonders einflussreich wird sie dann, wenn einheimische Politiker, Influencer oder Medien sie unhinterfragt übernehmen.

Russland belässt es auch nicht bei Desinformation, sondern setzt auf verschiedene Mittel hybrider Kriegsführung. Zum Beispiel Hacker-Angriffe oder großflächige Phishing-Operationen. Erst in diesem Jahr konnten sich mutmaßlich russische Angreifer Zugriff auf die Signal-Konten mehrerer Bundesministerinnen und weiterer Politiker verschaffen.

Putins Wegwerfagenten zündeln in Europa

Oder Wegwerfagenten. In Großbritannien wurden jüngst zwei junge Männer verurteilt. Sie hatten Brandanschläge auf ein Auto, das früher Noch-Premierminister Keir Starmer gehörte, sowie eine Wohnung, die Starmer an seine Schwägerin vermietet, verübt. Zwischen den beiden Feuern lagen nur drei Tage.

Einer der Verurteilten wurde von einem Russisch sprechenden Mann über Telegram rekrutiert. Journalisten der BBC haben ihn inzwischen offenbar enttarnt: ein 23-jähriger Diplomat aus Russland mit einschlägiger Ausbildung für Agententätigkeiten und Propaganda. Für den Brandanschlag soll er Kryptowährung angeboten haben. Auch Desinformation gehörte zu seinem Repertoire: Einer der Verurteilten wurde beauftragt, rechtsextreme Plakate anzubringen. Über die Brandanschläge streuten aus Russland gesteuerte Konten diverse Lügen, die dann von Rechtsextremen wie Tommy Robinson in Großbritannien verbreitet wurden.

Diese Verzahnung von heimischen und ausländischen Akteuren sowie Desinformation und anderen Formen hybrider Kriegsführung bleibt auch in Deutschland eine große Herausforderung. Für die kommenden Landtagswahlen und darüber hinaus.


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Autor*innen

Karolin Schwarz arbeitet als Autorin und hat die Angewohnheit, ihre Nase in die dunklen Ecken des Internets zu stecken. Sie beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit Desinformation, Rechtsextremismus und Plattformen. Ihr Buch "Hasskrieger: Der neue globale Rechtsextremismus" erschien 2020 im Verlag Herder. Als Gast-Autorin für Campact schreibt sie über Desinformation. Alle Beiträge

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