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Vergangene Woche durfte ich gemeinsam mit Düzen Tekkal, Ricarda Lang und Collien Fernandes Hunderttausende Unterschriften an Abgeordnete des Deutschen Bundestages übergeben (an die Grünen, SPD und Linke – die Union kam nicht). Es war ein bewegender Moment – nicht, weil damit plötzlich alles erreicht wäre, sondern weil solche Augenblicke daran erinnern, wie gesellschaftlicher Fortschritt tatsächlich entsteht. Er beginnt selten in Parlamenten oder Ministerien. Er beginnt dort, wo Menschen irgendwann nicht mehr bereit sind, Ungerechtigkeit als Normalzustand hinzunehmen.

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„Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen?“

Aus der Solidarität mit Collien Fernandes entwickelte sich zunächst eine gemeinsame Erklärung von über 250 bekannten Frauen aus Kultur, Medien und Politik. Daraus wurden zehn politische Forderungen an die Bundesregierung. Daraus entstand eine Petition, die mittlerweile mehr als 336.000 Menschen unterzeichnet haben. Und schließlich entstand daraus das Buch, das Düzen Tekkal und ich in einer Woche veröffentlichen: „Wer hat Euch erlaubt, Frauen so zu hassen?“

Wir haben dieses Buch nicht geschrieben, weil wir unbedingt ein weiteres Buch veröffentlichen wollten. Sondern wir haben es geschrieben, weil uns während der vergangenen Monate eine Sache immer deutlicher geworden ist. Wir diskutieren in Deutschland zwar intensiv über einzelne Formen männlicher Gewalt, aber viel zu selten über das, was sie miteinander verbindet.

Wir sprechen über Femizide, über Partnerschaftsgewalt, über Vergewaltigungen, über digitale Gewalt, über sexualisierte Deepfakes oder Hass im Netz meist so, als handele es sich um voneinander unabhängige Probleme. Für jedes gibt es eigene Debatten, manchmal eigene Zuständigkeiten und häufig auch eigene politische Antworten. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, dass wir es mit einer Vielzahl einzelner Phänomene zu tun haben.

Dabei sind sie Ausdruck derselben gesellschaftlichen Struktur.

Unterdrückung als System

Historisch wurden Frauen über Jahrtausende mit den Mitteln des Rechts, der Gewalt, der ökonomischen Abhängigkeit und gesellschaftlichen Normen systematisch entrechtet und kontrolliert. Organisierte feministische Bewegungen existieren dagegen erst seit etwas mehr als zweihundert Jahren. Dass Frauen heute selbstverständlich studieren, wählen, Eigentum besitzen oder politische Verantwortung übernehmen können, ist nicht das Ergebnis eines linearen gesellschaftlichen Fortschritts. Jede einzelne dieser Errungenschaften wurde von Frauen erkämpft, die dafür verspottet, ausgegrenzt oder verfolgt wurden. Wer verstehen will, warum Gleichberechtigung bis heute unvollendet ist, muss diese historische Dimension mitdenken.

Männliche Gewalt ist deshalb kein Sammelsurium tragischer Einzelfälle. Sie ist Ausdruck historisch gewachsener Machtverhältnisse, die bis heute fortwirken. Genau deshalb greifen auch politische Maßnahmen häufig zu kurz. Gerade, wenn sie ausschließlich auf einzelne Delikte reagieren, anstatt die zugrunde liegenden Strukturen in den Blick zu nehmen.

Staat versäumt hier seine Pflicht

Während wir an diesem Buch gearbeitet haben, hat mich noch eine weitere Erkenntnis beschäftigt. Es ist bemerkenswert, wie selbstverständlich wir akzeptiert haben, dass Betroffene und zivilgesellschaftliche Organisationen einen erheblichen Teil jener Arbeit übernehmen, die eigentlich Aufgabe des Staates wäre. Frauen organisieren Schutzräume, beraten andere Betroffene, leisten Aufklärungsarbeit, sammeln Spenden, schreiben Petitionen und kämpfen für Gesetzesänderungen. Das machen sie häufig ehrenamtlich und zusätzlich zu den Belastungen, die sie selbst tragen. Diejenigen, die von Gewalt betroffen sind, übernehmen damit einen erheblichen Teil der Arbeit, die eigentlich ein funktionierender Rechtsstaat leisten müsste.

Dabei gehört der Schutz vor Gewalt zu den grundlegendsten Aufgaben des Staates. Dennoch erleben wir immer wieder, dass politische Veränderungen erst dann stattfinden, wenn Betroffene selbst den öffentlichen Druck organisieren. Dass sich in den vergangenen Wochen einzelne unserer Forderungen in politischen Debatten wiederfinden, ist deshalb ausdrücklich zu begrüßen. Gleichzeitig wäre es ein Fehler zu glauben, dass einzelne Gesetzesänderungen ausreichen, um ein strukturelles Problem zu lösen.

Fortschritt ist ein Prozess

Andere Länder zeigen längst, dass ein anderer Umgang möglich ist. Spanien behandelt männliche Gewalt seit Jahren als strukturelles gesellschaftliches Problem. Dafür hat das Land nationale Strategien entwickelt, die Prävention, Strafverfolgung und Opferschutz miteinander verbinden.

Deutschland reagiert dagegen häufig noch immer punktuell – auf besonders schockierende Fälle, auf öffentliche Aufmerksamkeit oder auf politischen Druck. Genau dadurch entsteht der Eindruck, Gewalt sei vor allem eine Aneinanderreihung tragischer Einzelfälle und nicht Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Problems.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus den vergangenen Monaten mitnehme. Politischer Fortschritt war noch nie ein Geschenk der Mächtigen. Das Frauenwahlrecht fiel nicht vom Himmel. Der Schutz vor Partnerschaftsgewalt entstand nicht von allein. Nahezu jede demokratische Errungenschaft musste zunächst von Menschen erkämpft werden, die sich weigerten, den bestehenden Zustand länger hinzunehmen. Fortschritt entsteht dort, wo Menschen sich zusammenschließen, Erfahrungen teilen, sich organisieren und den gesellschaftlichen Druck erzeugen, ohne den politische Veränderungen oft ausbleiben.

Die Übergabe der Petition in der vergangenen Woche und unser Buch, das in wenigen Tagen erscheint, verstehe ich deshalb nicht als Abschluss einer Kampagne. Beides ist Teil eines viel größeren gesellschaftlichen Prozesses. Solange wir männliche Gewalt nicht als das begreifen, was sie ist – ein strukturelles Problem, das politische Antworten auf struktureller Ebene erfordert –, werden wir den Ursachen nicht gerecht werden. Ich bin überzeugt, dass wir diesen Wandel erreichen können. Die Geschichte feministischer Bewegungen zeigt, dass Fortschritt möglich ist. Sie zeigt aber ebenso deutlich, dass er nie von allein kommt.


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Autor*innen

Kristina Lunz ist Unternehmerin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin. Sie leitet das gemeinnützige Centre for Feminist Foreign Policy, das sie 2018 mitbegründete. Für diese Initiative zählte Forbes sie 2019 zu den „30 unter 30“ in Europa. Im Mai 2024 erhielt sie den German Start-up Award als „Impact Entrepreneurin 2024“. Von 2022 bis 2024 beriet sie die Goalkeepers-Initiative der Bill & Melinda Gates Foundation zu den UN-Nachhaltigkeitszielen. Ihr 2022 veröffentlichter Bestseller „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch“, inzwischen ins Englische übersetzt, führte sie auf internationale Bühnen – etwa nach New York, Harvard, Oxford, Cambridge, London und Brüssel. Im Oktober 2024 erschien ihr zweites Buch „Empathie und Widerstand“, ebenfalls im Ullstein Verlag. Kristina Lunz hat zwei Masterabschlüsse, vom University College London und der University of Oxford. Sie arbeitete für die Vereinten Nationen in New York und Yangon, für eine NGO in Bogotá und als Beraterin im Auswärtigen Amt. Als Gastautorin für Campact schreibt sie über digitale Themen. Alle Beiträge

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