„Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt“ war der Titel einer Münchner Lesung 2023 – für Kinder ab vier Jahren. Vorlesen sollten eine Dragqueen, eine Transfrau und ein Dragking.
„Das ist Kindswohlgefährdung und ein Fall fürs Jugendamt“, ließ Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger verlauten. Und: „Die Grünen wollen hier wohl an ihre pädophilen Wurzeln wieder anknüpfen.“
Laut Medienberichten ging es in den Büchern um Jungs, die Röcke tragen oder mit Puppen spielen. Worum es nicht ging: Sex.
Solche Aussagen hörst Du nicht nur auf der politischen Bühne. Deshalb die Frage: Wie reagierst du, wenn du mit Queerfeindlichkeit konfrontiert wirst? Zunächst hilft es einen Schritt zurückzutreten: Frag dich, woher die Aussage kommt – und welches Narrativ dahintersteckt.
„Staatliche Frühsexualisierung“ als Kampfbegriff der AfD
Aiwanger reproduziert die Erzählung der sogenannten „Frühsexualisierung“. Das ist keine neutrale Beschreibung, sondern ein Kampfbegriff aus dem rechtskonservativen und extrem rechten Milieu. Das Angstszenario dahinter: Frühe Aufklärung über Körper, Sexualität und geschlechtliche oder sexuelle Vielfalt verunsichere Kinder oder störe ihre Entwicklung.
Genau das behauptet auch die AfD immer wieder. Im „Regierungsprogramm“ der AfD Sachsen-Anhalt ist die Bekämpfung von “staatlicher Frühsexualisierung” zentral. Die Bundespartei argumentiert, die Intimsphäre von Kindern müsse geschützt werden, damit sie ihre Sexualität „selbstbestimmt“ entwickeln könnten. Doch Selbstbestimmung endet für die AfD dort, wo Vielfalt beginnt. Programmatisch wendet sich die AfD seit Jahren gegen sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung und spricht von „biologischer Geschlechterbindung“ und „traditionellen“ Lebensentwürfen.
Willkommen im Campact-Blog
Schön, dass Du hier bist! Campact ist eine Kampagnen-Organisation, mit der sich 4,25 Millionen Menschen für progressive Politik einsetzen. Im Campact-Blog schreiben das Team und ausgezeichnete und versierte Gast-Autor*innen über Hintergründe und Einsichten zu progressiver Politik.
Johannes Giesler und Maria Timtschenko schreiben seit 2023 den Newsletter „Wie Rechte reden“, in dem sie einmal pro Woche rechte bis rechtsextreme Aussagen analysieren. Im Campact-Blog zeigen sie anhand konkreter Beispiele, wie Menschen auf demokratiefeindliche Aussagen reagieren können.
Dahinter steckt ein autoritäres Familienbild: Mutterschaft, starre Zweigeschlechtlichkeit und patriarchale Ordnung als Norm. Der Kampf gegen „Frühsexualisierung“ ist Teil eines größeren Feindbilds: gegen Gender Studies, geschlechtergerechte Sprache, Sexualaufklärung, gleichgeschlechtliche Lebensweisen und transgeschlechtliche Identitäten.
Wie funktioniert die Strategie?
Queeres Leben wird nicht offen als minderwertig bezeichnet. Stattdessen wird es zur Gefahr für Kinder umgedeutet. Intoleranz tarnt sich als Fürsorge. Das ist wirksam, weil es nicht mit offenem Hass beginnt, sondern mit dem Satz: „Ich will mein Kind schützen.“ Trotzdem endet es mit Abwertung: Die bloße Präsenz queerer Menschen im öffentlichen Raum wird zum Problem.
Stolzmonat: Deutschlandflagge statt Prideflagge
Genau das will auch die Kampagne „Stolzmonat“ erreichen. Seit 2023 inszenieren extrem rechte Akteur*innen rund um den Pride Month im Juni unter dem Hashtag #Stolzmonat eine Bewegung, die queeres Leben angreift. Die Botschaft lautet verkürzt: Deutschlandflagge statt Prideflagge – anstelle queerem Leben Aufmerksamkeit zu widmen, sollte endlich wieder Politik für die (deutsche heterosexuelle) Mehrheit gemacht werden. Das ist ein Angebot für alle, die queere Menschen nicht offen ablehnen, aber finden, ihre Forderung nach mehr Sichtbarkeit sei übertrieben.
Daran schließen neurechte Gegenmedien an und radikalisieren die Argumentation. Das Freilich-Magazin setzt in einem Artikel zum Pride Month die LGBTQIA+-Community mit “pädophil veranlagten Gestalten” gleich – kriminalisiert sie also pauschal. So wie es Hubert Aiwanger tut.
Und was antwortest du jetzt, wenn in deinem Umfeld jemand Aiwanger zitiert oder ähnliches äußert?
Hilfreich ist hier ein Gedanke der Autorin und Hassrede-Expertin Ingrid Brodnig: Gegenrede muss nicht sofort überzeugen. Besser ist es, einen „gesichtswahrenden Ausweg“ zu ermöglichen – also einen Weg, der Zweifel zulässt, ohne dass sich jemand öffentlich erniedrigt oder direkt angegriffen fühlt.
Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten:
Fragen stellen: Wenn die Person vor allem emotional reagiert, können Fragen helfen, ihre Annahmen sichtbar zu machen.
„Warum glaubst du, dass man eine sexuelle Orientierung anerziehen kann?“
„Wie kommst du darauf, dass eine frühe Aufklärung in Sachen Sexualität und Vielfalt schlecht sein könnte?“
„Bereitet es dir Sorgen, wenn dein Kind nicht heterosexuell wäre – und wenn ja, warum?”
Faktisch antworten: Fakten allein reichen oft nicht in emotionalen Debatten, aber sie können das Gespräch zurück in eine gemeinsame Realität holen.
„Ich habe gelesen, dass frühe Aufklärung Kinder eher schützt und ihnen nicht schadet. Wenn Kinder Wörter für ihren Körper kennen, können sie eher sagen, wenn Grenzen verletzt wurden. Das kann helfen, sexuelle Gewalt gegen Kinder zu erkennen.“
“Ich glaube, da wird oft etwas vermischt: Aufklärung im Kindesalter heißt nicht, über erwachsene Sexualität zu sprechen. Es geht darum, Kindern altersgerecht zu vermitteln, dass Körper, Familien und Lebensweisen unterschiedlich sein können – und dass Grenzen respektiert werden müssen.“
„Dazu habe ich neulich einen Artikel gelesen: Es gibt keine seriöse Grundlage zu glauben, Homosexualität könnte anerzogen sein. Kinder werden nicht queer, weil sie erfahren, dass es queere Menschen gibt.“
Normativ antworten: Egal ob „Moralkeule“ oder „political correctness“ – du musst dir im Klaren sein, welche Normen und Werte die Gesellschaft verkörpern soll, in der du lebst.
„Ich finde es gut, wenn Kinder früh lernen, dass Familien und Beziehungen unterschiedlich aussehen können.“
„Queere Menschen aus dem Sichtfeld von Kindern fernhalten zu wollen, schützt keine Kindheit. Es vermittelt nur, dass mit diesen Menschen etwas nicht stimmt.“
„Eine gute Kindheit bedeutet nicht, dass Kinder nichts über Vielfalt erfahren dürfen. Sie heißt, dass sie in einer Welt aufwachsen, in der niemand abgewertet wird.“
Leseempfehlungen
Queerfeindliche Narrative – Belltower News Kinder liebevoll begleiten – Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit Standards für die Sexualaufklärung in Europa Rahmenkonzept für politische Entscheidungsträger, Bildungseinrichtungen, Gesundheitsbehörden, Expertinnen und Experten Studie: "Comprehensive sexuality education: why is it important?"
Wichtig: Es gibt für so ein Gespräch keine „richtige“ Methode. Je nach Beziehung zueinander, Situation und Charakter können Fragen, Fakten oder normative Antworten besser funktionieren. Manchmal ist es auch eine Mischung aus allem.
Aber: Die Erzählung einer angeblichen „Frühsexualisierung“ sollte nicht unwidersprochen stehen bleiben. Es geht nicht um unterschiedliche Meinungen über Erziehung. Es geht um den – vielleicht unbewussten – Versuch, queeres Leben zur Abweichung zu erklären.