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Es ist die höchste Auszeichnung des Zentralrats der Juden in Deutschland: der Leo-Baeck-Preis. Der Rabbiner Baeck starb 1956 im Alter von 83 Jahren – er galt zu seiner Zeit als bedeutendster Vertreter des liberalen deutschen Judentums. Baeck war 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden, überlebte den Naziterror. Heute hat der Zentralrat seinen Amtssitz im Leo-Baeck-Haus in der Tucholskystraße in Berlin-Mitte. Der Zentralrat nennt ihn „ein Vorbild seiner Zeit“.

Der Leo-Baeck-Preis ist also ein ganz besonderer Preis. Er ist eine Ehrung von „Persönlichkeiten, die sich in außerordentlicher Form für das jüdische Leben einsetzen“, definiert es der Verband, der ihn seit 1957 verleiht. Er ging an Bundespräsidenten, an mehrere Bundeskanzler und an Kanzlerin Angela Merkel, an andere Spitzenpolitiker*innen, an Publizisten und Verleger*innen, an Sportfunktionäre. Um ein paar der bisherigen Preisträger*innen zu nennen: Richard von Weizsäcker, Helmut Kohl, Friede Springer, Theo Zwanziger, Joschka Fischer, Hans-Jochen Vogel, Hubert Burda, Mathias Döpfner, Cem Özdemir, Ralph Giordano, Johannes Rau und Norbert Lammert.

Heute wird der Leo-Baeck-Preis zum 42. Mal verliehen, in einer Event-Location in Prenzlauer Berg. An – Tusch! – den Kabarettisten Dieter Nuhr. Die Laudatio soll – weiterer Tusch! – Ahmad Mansour halten. Mansour habe ich 2025 für den Volksverpetzer als „Die Reizfigur“ porträtiert. Nuhr soll für sein „mutiges Engagement gegen Antisemitismus in den deutschen Medien“ geehrt werden; eine Reizfigur ähnlicher Güte. An den Zentralrat der Juden geht nun die Frage: Echt jetzt?

Schuster sieht Doppelstandards in Debatte um Israel

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden, erklärt: „Dieter Nuhr setzt sich bereits seit geraumer Zeit in seinen Beiträgen mit herausragender Klarheit gegen Antisemitismus ein. Dabei nutzt er seine Rolle als Kabarettist und seine Plattform im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, um konsequent Doppelstandards in der deutschen Debatte um Israel offenzulegen. Mit seinen Beiträgen setzt er einen Kontrapunkt zu antisemitischen Narrativen in der deutschen Medienlandschaft und positioniert sich klar an der Seite jüdischen Lebens.“

Dass er umstritten ist, weiß Nuhr – aber es ficht ihn nicht an. Begeistert äußert er sich in der Jüdischen Allgemeine über die Auszeichung des jüdischen Spitzenverbandes. Der Preis rangiere bei ihm „ganz weit vorn“. 

Wie er damit lebe, als „Witzemacher für Wutbürger“ oder als „Stammtischkabarettist“ kritisiert zu werden? „Das hat mit meinem Alltag nichts zu tun. Ich werde beim Bäcker angelächelt, der Elektriker lässt sich ein Buch unterschreiben, und der Taxifahrer erzählt mir, wie er die letzte Sendung fand. Alles gut. Diese Attribute dienen der Abwertung von Andersdenkenden.“ Und überhaupt, der Journalismus werde leider immer manipulativer: „Das macht es den Rechten einfach, von ‚Lügenpresse‘ zu schwafeln.“

Auch Laudator Mansour äußerte sich schon vor der Laudatio. Er empört sich über „empörte Wortmeldungen“ aus „einem Teil der politischen Linken“. Und hält diesen entgegen: „Es sind absurde Vorwürfe. Und Vorwürfe, die gegen fast jeden erhoben werden, der sich nicht nur gegen Judenhass von rechts, links und der bürgerlichen Mitte ausspricht, sondern auch muslimischen Antisemitismus klar benennt und es obendrein auch noch wagt, auch positiv über Israel zu sprechen.“ Nuhr habe den Baeck-Preis „gerade jetzt verdient“.

„Armer Leo Baeck“, sagt Ronen Steinke

Mansour reagierte damit auf Kritik unter anderem des Publizisten Max Czollek. Der hatte auf LinkedIn an die Adresse des Zentralrats der Juden geschrieben: „Wenn ihr euch je gefragt habt, wie Preise sich selbst kaputt machen können? So geht das. Eine wirklich bedrückende Entwicklung, auch für die Institution.“ Oder auch des Journalisten Ronen Steinke, der auf Instagram gefragt hatte: „Wie lost ist das? […] Armer Leo Baeck, dass sein Name nun so benutzt wird.“ Ann-Kathrin Leclère nannte die Auszeichnung Nuhrs – aber auch früherer Preisträger wie etwa Springer-Chef Döpfner – in der taz „unverantwortlich“. Sie schrieb: „Das Problem ist nicht nur Nuhr selbst, sondern die politische Linie, die der Zentralrat der Juden hier aufzeigt.“

Der Blick ins Archiv liefert zahlreiche Belege, die gerade Dieter Nuhr eben nicht als preisverdächtig erscheinen lassen. Im Gegenteil: Die Nominierung erscheint schlicht als unvernünftig. Ein Beispiel: Als Jan Böhmermanns ZDF-„Magazin Royale“ Nuhr und seinen Mitstreiter*innen eine Sendung widmete, schrieb Joachim Huber im Tagesspiegel über Nuhr als einen „Comedian aus der rechten Ecke“.

Wut auf „Cancel Culture“ und alles „woke“

Huber bewunderte, dass Böhmermann in seiner Sendung die Sprüche eines Teils der deutschsprachigen Comedy-Szene, von Nuhr oder beispielsweise auch von dessen österreichischer Kollegin Lisa Eckhart, einfach dokumentierte: „Protagonistinnen und Protagonisten, die mit rassistischem, sexistischem Gedankengut und Vokabular um sich schmeißen, um die Wut auf Cancel Culture und alles Woke anzufeuern. Also rechtsdrehend gegen linksdrehend. […] Hier wird Original-Nuhr als Konzentrat dargeboten, sein Mindset ohne Kommentar, ohne Erbarmen, ohne Gedankenzusammenhang. Das Banale wird böse. […] Bei aller Satire – der überzieht, der verletzt, der frisst über die Hecke.“

Ende 2022 hatte Nuhrs Teilnahme an einem von der „Denkfabrik“ R21 organisierten Anti-Woke-Podium für Schlagzeilen gesorgt. Die rechtsradikale Junge Freiheit verteidigte Nuhr nach seinem Auftritt: „Nuhr ist schlicht ein aufrechter Liberaler, ein Bürgerlicher alten Schlages, der ohne geistige Freiheit nicht leben und arbeiten will und kann.“ Übermedien aber schrieb: „Nein, es geht nicht darum, Dieter Nuhr und andere Teilnehmer einer Anti-Woke-Veranstaltung zu ‚Nazis‘ zu erklären. Aber es ist richtig und notwendig, klassische antisemitische Codes, die dort fielen, als solche zu benennen.“

Nuhr vergleicht Kritik mit Pogrom

2020 verglich Nuhr in zwei Interviews gegen sich gerichtete Empörungswellen im Netz mit einem Pogrom. Er sprach von Shitstorms, die seine „soziale Vernichtung“ zum Ziel hätten. Und sagte dazu: „Ansonsten ist Shitstorm an sich, ist ja eigentlich sozusagen, die humane Schwester des Pogroms. Das sind dieselben Leute, die haben vor 150 Jahren mit der Mistgabel und der Fackel vorm Stadttor gestanden und haben versucht, jemanden zu lynchen.“

Im TV-Kanal Phoenix erläuterte er dazu, die Formulierung möge ein „überspitzter Vergleich“ sein. Doch er finde sie „wirklich lustig und gut“. Der Begriff „Pogrom“ sei in Deutschland doch mit der Judenverfolgung verbunden, wendet der Moderator ein. Nuhr entgegnet: „Der stammt aus dem Mittelalter schon.“

Kahane: Entscheidung für Nuhr falsch, oberflächlich und plakativ

Aber wie wird nun über die Auszeichnung Nuhrs diskutiert? Anetta Kahane, die Gründerin und langjährige Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, sagt: „Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist mein Bedauern auszudrücken.“ Antisemitische Stimmungen hätten dazu geführt, „dass kaum noch interessante öffentliche Personen da sind, die sich gegen den aggressiven Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2023 deutlich positionieren“.

Man könne Nuhr zu Gute halten, dass er frühzeitig und deutlich vor Islamismus und Antisemitismus gewarnt habe. „Doch die Entscheidung für Nuhr halte ich für falsch. Denn sie ist, wie er selbst, oberflächlich und plakativ. Außerdem lässt sie die Rassismen außer Acht, zu denen er ebenfalls neigt. Dass der Zentralrat niemand anderen gefunden hat, spiegelt die Situation und die Verzweiflung, in denen sich die jüdische Community befindet.“

Wagner: Rassistische und antiliberale Spitzen im Programm

Der Historiker Jens-Christian Wagner ist Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Er kommentiert zu dem Thema, dass seit dem 7. Oktober 2023 etwas ins Rutschen gekommen sei: „Die Debatte um Israel und Palästina ist vollkommen entgleist. Auf allen Seiten hat man sich ins Blockade-Denken zurückgezogen.“ Angesichts des menschlichen Leids sei das verständlich, aber es führe in eine Sackgasse. Das gelte auch für die Jury des Leo-Baeck-Preises. „Sich wie Dieter Nuhr auf die Seite der in Teilen rechtsextremen israelischen Regierung zu stellen ist etwas grundlegend anderes als der Kampf gegen den Antisemitismus. Die Abwehr des Islamismus ist nötig. Aber sie sollte nicht blind machen gegen den autochthon deutschen Rassismus und Antisemitismus, nur weil man glaubt, die selben Feinde zu haben.“

Der Leo-Baeck-Preis für Dieter Nuhr, das ist, als würde man den Bock mit dem Gärtner-Preis auszeichnen.

Jens-Christian Wagner, Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Wagner kritisiert außerdem: Nuhr bediene notorisch rassistische und antiliberale Ressentiments. Mehrfach habe er den „antisemitischen ‚Späßen‘ Lisa Eckharts eine Bühne geboten“.

Die Geschichte mit Lisa Eckhart, seit 2019 Stammgast bei „Nuhr im Ersten“, hat eine bittere Pointe. 2021 schrieb der heutige Chefredakteur Philipp Peymann Engel von der Jüdischen Allgemeinen, dem Öffentlichkeitsorgan des Zentralrats der Juden, noch: „Die Form von Lisa Eckharts Auftritten ist so dicht am antisemitischen Original, dass man den doppelten Boden vergeblich sucht.“ Nuhr sagte schon vor der Preisverleihung zu Eckharts antisemitischen Pointen: „Auch dies ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen.“ Eckharts Humor „überfordert Zuschauer, die nicht in der Lage sind zu abstrahieren“. Aber solche Widersprüche sollen bei der Preisverleihung heute an Nuhr keine Rolle mehr spielen.

Autor*innen

Matthias Meisner ist freier Journalist und Buchautor in Berlin und Tirana. Er schreibt als Gast-Autor für den Campact-Blog über Menschenrechte, Geflüchtete und die Bedrohung der Demokratie. Zuletzt veröffentlichte er 2025 im Dietz-Verlag Bonn gemeinsam mit Paul Starzmann das Buch "Mut zum Unmut – Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit". Infos unter www.meisnerwerk.de. Alle Beiträge

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