Ein Gefühl der Erleichterung mag bei denen aufkommen, die den neuen Report über „Globale Gerechtigkeit“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty lesen. Sollte es tatsächlich möglich sein, die großen Probleme unserer Zeit mit diesem „Plan für Gleichheit und Wohlstand innerhalb der planetaren Grenzen“ zu lösen? Das Werk pendelt zwischen Utopie und konkreten Ideen, die teils massive Änderungen erfordern.
„Das ist ein wirklich visionärer und ehrgeiziger Vorschlag“, sagt der gewerkschaftsnahe Wirtschaftsweise Achim Truger über den Global Justice Report. „Es ist beeindruckend, wie hier Klimapolitik, Entwicklungspolitik, internationale und nationale Gerechtigkeit bis hin zur Währungspolitik in emanzipatorischer Weise verbunden werden.“ Truger verbirgt allerdings gleichzeitig seine Skepsis nicht: Wie realistisch der Plan sei, stehe auf einem anderen Blatt. Schließlich lege Piketty „sich frontal mit den Reichen und Mächtigen dieser Welt an“.
Umweltzerstörung und Ungleichheit
Piketty und drei Dutzend Wissenschaftler*innen im Umkreis des Pariser „Labors für weltweite Ungleichheit“ verknüpfen zwei epochale Fragen: Umweltzerstörung und Ungleichheit. Sie gehen erstens davon aus, dass die Menschheit im Rahmen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems die natürlichen Ressourcen der Erde überstrapaziert – mit möglicherweise katastrophalen Folgen. Zweitens analysiert die Studie die Konzentration eines erheblichen Teils des weltweiten Reichtums in den Händen einer kleinen Elite. Dazu, diese Probleme mindestens deutlich zu verringern, dient der „ökonomisch und ökologisch konsistente Transformationspfad von 2026 bis 2100“. Es handelt sich um einen Plan zur Rettung der Welt innerhalb der kommenden 74 Jahre.
Der Studie liegt die Annahme zugrunde, die Erwärmung des Weltklimas lasse sich auf 1,8 Grad plus begrenzen. Dafür müsse zum einen nur der Kohlendioxid-Ausstoß schnell und stark sinken. Zum anderen müsste die Weltwirtschaft auf ein Modell der Suffizienz (Genügsamkeit) umschwenken. Weniger Wasser, Metalle, Rohstoffe, Land nutzen, nicht immer mehr, lautet das Motto. Statt der materiellen, industriellen Produktion sollen Dienstleistungen ins Zentrum der Wirtschaft rücken.
5.000 Euro bei weniger Arbeit
Um die zerstörerische Dynamik des zwanghaften Wachstums zu verringern, wollen Piketty und Co. die durchschnittliche Arbeitszeit der weltweiten Beschäftigten reduzieren. Statt momentan ungefähr 2.100 Stunden pro Kopf und Jahr (Deutschland: gut 1.300 Stunden) sollen nur noch etwa 1.000 Stunden Arbeit im Jahr 2100 anstehen.
Wie kann das funktionieren? Indem die Beschäftigten mehr pro Stunde verdienen. Schließlich sind die meisten Leute auf ihre heutigen Arbeitszeiten und Gehälter angewiesen. Und die Menschen in ärmeren Staaten möchten endlich das Wohlstandsniveau der reichen Länder erreichen.
Also peilen die Wissenschaftler*innen an, dass die verfügbaren Einkommen für alle Erwerbstätigen weltweit auf ungefähr 5.000 Euro monatlich im Jahr 2100 steigen. Heute liegen sie umgerechnet zwischen 290 Euro in Afrika südlich der Sahara, 1.800 in Ostasien, 3.600 in Europa und 4.600 Euro in Nordamerika.
Globale Umverteilung
Damit würde sich die globale Ungleichheit der Einkommen ganz erheblich vermindern. „Beinahe 90 Prozent der Weltbevölkerung würden ihre Einkommen verdoppeln und trotzdem nur halb so viel arbeiten wie heute“, heißt es in der Studie.
Und wie soll das nun wieder klappen? „Globale Umverteilung“ lautet die Antwort. Im Prinzip würde das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung mit Vermögenssteuern bis zu 20 Prozent belegt. Milliardäre würden eine Einkommensteuer bis 90 Prozent jährlich zahlen. Ein neuer „Weltgerechtigkeitsfonds“ würde Billionen Euro einsammeln und dorthin leiten, wo man sie braucht.
Eine naive Utopie?
Die Autor*innen betonen übrigens, dass sie alles, was sie fordern, mit Berechnungen untermauern könnten. Sie kontern auch gleich das Argument, ihre Vorschläge seien unrealistisch: Die Beispiele von Staaten wie Schweden, Deutschland, Frankreich, Japan und USA hätten im 20. Jahrhundert gezeigt, wie Ungleichheit abnahm, die Arbeitszeit sank und parallel der Wohlstand wuchs. Und sie erklären, ihr Transformationspfad fuße auf den Vorarbeiten zahlreicher anderer Wissenschaftler*innen, Politiker*innen und zivilgesellschaftlicher Akteur*innen, vom Pariser Klimaabkommen bis zu den Bemühungen für eine koordinierte Steuerpolitik im Rahmen der Vereinten Nationen.
Die Debatte über die Vorschläge beginnt gerade erst. „Der World Inequality Report ist ein faszinierendes Werk, das in großer Detailschärfe die himmelschreiende Ungleichheit auf der Erde darlegt“, schreibt etwa Jörg Haas von der Grünen-nahen Heinrich Böll-Stiftung. Am Ende zeichne die Studie aber „eine ökosozialistische Utopie“, die „nicht realistisch“ sei. „Wir müssen und können die Dekarbonisierung auch in dieser extrem ungleichen Welt schaffen“, so Haas, „dazu braucht es einen handlungsfähigen Staat, der anstehende Belastungen gerecht verteilt.“
Die Grenzen des Vorstellbaren ausweiten
Nouhaila Zaki von Germanwatch weist auf die gigantischen Fortschritte hin, die notwendig wären, um Pikettys Vision zu realisieren. Zum Beispiel erfordere die globale Vermögensbesteuerung ein „Niveau internationaler Kooperation, das augenblicklich nicht existiert“. Allerdings liege der Wert des Berichts vor allem darin, „die Grenzen dessen auszuweiten, was politisch vorstellbar ist“.
Petition: Kommunen stärken macht VERGNÜGT!
Prominente wie Marc-Uwe Kling, Karoline Herfurth und Sebastian23 fordern im satirischen News-Format Fun Facts: Erheben wir faire Steuern auf große Vermögen und Erbschaften – und geben das Geld den Kommunen! Das verbessert die Lebensqualität für alle, stärkt das Vertrauen in die Politik und festigt die Demokratie.
Und Manuel Schmitt von Oxfam sagt: „Es werden eine Vielzahl von konkreten politischen Maßnahmen vorgeschlagen, von denen Oxfam viele grundsätzlich teilt, beispielsweise hohe Steuern auf Vermögen und hohe Einkommen“. Solche Ideen einer positiven Zukunft seien von entscheidender Bedeutung.
Wir brauchen Vorstellungen einer Welt sowie Ziele, für die es sich zu kämpfen lohnt, und nicht nur solche, gegen die wir kämpfen.
Manuel Schmitt (Oxfam) über den Global Justice Report
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