„Ostdeutsch ist keine Frage der Herkunft. Ostdeutsch ist eine Haltung. Fleißig. Loyal. Bescheiden.“ So schreibt es die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ in einer Werbung für die neu gegründete Tageszeitung. Es gibt sogar Merch zur Zeitung: Jutebeutel und Sweatshirts, auf denen der Schriftzug „Ostablishment“ steht, als Anlehnung an und gleichzeitig Opposition zum Begriff des „Establishment“.
Auch die AfD appelliert an den Oststolz und nutzt ihn als zentrales politisches Instrument. Wahlkampfauftritte, zum Beispiel vom Nachwende-Kind Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt, knüpfen in Themen und Rhetorik an das Gefühl an, nach der Wende als Bürger zweiter Klasse behandelt worden zu sein. So verbindet die AfD ostdeutsche Lebenserfahrungen mit einer klaren Protest- und Systemkritik.
Das äußert sich auch in banalen, als Freizeitaktivität getarnten Werbeveranstaltungen, die einer klaren Anbiederungsstrategie folgen. So fährt der in NRW geborene und im Westen aufgewachsene Björn Höcke bei Treffen und Ausfahrten von Simson-Liebhabern auf seinem eigenen „Ost-Moped“ mit. So etwas kommt an – und ist laut Spiegel-Autor Jochen-Martin Gutsch einer der zentralen Gründe, warum die AfD in den vergangenen zehn Jahren so wachsen konnte in Ostdeutschland.
Simson: Das DDR-Moped aus Suhl mit jüdischer Geschichte
Die Mopeds der Firma Simson haben mittlerweile absoluten Kult-Status in Ostdeutschland. Die Firma Simson, 1856 von den jüdischen Brüdern Löb und Moses Simson in Suhl in Thüringen gegründet, machte sich zuerst mit Waffenproduktion einen Namen. 1934 enteignen die Nazis die Gründerfamilie, um selbst Kontrolle über das erfolgreiche Unternehmen zu haben. Die Familie floh 1936 in die USA. Nach dem Krieg wird das Unternehmen ein volkseigener Betrieb der DDR und stellte erstmals die Mopeds her, die bis heute populär sind. Rund 200.000 Mopeds sollen die Fertigungshallen zu DDR-Zeiten pro Jahr verlassen haben. Nach der Wende wird der Betrieb privatisiert, hält sich aber nicht lange. 2002 stellen die Simson-Werke die Produktion ein.
Simson-Krafträder wie die „Schwalbe“ oder das S51 gelten bis heute als ostdeutsches Prestigeobjekt. Das weiß auch die AfD – und präsentiert sich deshalb stolz mit eigenen Simson-Mopeds inmitten der Gefolgschaft. Die heutigen Nachfahren der Simson-Gründer wehren sich vehement gegen die Vereinnahmung der Marke. Man empfinde jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als Beleidigung des eigenen Namens, erklärte ein Sprecher der Familie.
Die AfD versucht sich derweil, als „Schwalbenretter“ einen Namen zu machen. In mehreren ostdeutschen Landtagen drang die AfD darauf, die Simson-Mopeds als immaterielles Kulturerbe schützen zu lassen. Sie stehe „für Freiheit, Unabhängigkeit und Individualität“, hieß es beispielsweise in einem Antrag der AfD in Brandenburg. Werte, welche die AfD zumindest nach außen verteidigen will. Wie einengend das Welt- und Rollenverständnis der AfD eigentlich ist, liest Du hier.
Ost-Anbiederung als Strategie
Für die AfD ist das Pochen aufs Ost-Gefühl eine klare Mobilisierungsstrategie, um möglichst viele Menschen bei den anstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland hinter sich zu bekommen. Personen wie Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt und Leif-Erik Holm in Mecklenburg-Vorpommern verstehen sich als Fürsprecher der „kleinen Leute“ in Ostdeutschland. Und dann noch der Simson-fahrende Höcke. All das soll signalisieren: „Wir sind welche von euch.“ Auch wenn sie das eigentlich gar nicht sind. Das aufgebauschte „Wir-Gefühl“ ist ein Werkzeug der Abgrenzung: Die westdeutsch geprägten Eliten gegen die „Widerständigen“ oder „Benachteiligten“ im Osten.
AfD, Partei der Professoren und Europa-Gegner
Zur Gründungszeit der Partei war von dem ostdeutschen Nationalstolz noch nichts zu sehen. Eine „Partei der Professoren“, die in erster Linie gegen Europa, den Euro und „die da oben“ wetterte: So wurde die AfD rund um Mitgründer und Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke damals charakterisiert. Die Partei sattelte schnell um – hin zu populistischen Themen und präsentierte sich als „Partei der kleinen Leute“. Dabei sind die tatsächlichen Forderungen der AfD weit davon entfernt, Arbeiter*innen zu helfen; stattdessen macht sie Wirtschaftspolitik für Reiche. Dazu wuchs Rechtsextremismus in der Partei von einer Randerscheinung zu einem Grundsatz heran. Wie rechtsextrem die AfD im Bundestag ist, liest Du hier.
Die ursprüngliche Ausrichtung der Partei, welche vor allem der Flügel um Frauke Petry, Bernd Lucke und Alexander Gauland prägte, findet sich heute im „Team Freiheit“ wieder – mit Petry an der Spitze.
Eine Hoffnung: Die progressive Jugend
Die schleichende Verankerung von Rechtsextremismus in Ostdeutschland und die Entwicklung einer eher ausschließenden Form einer „ostdeutschen Identität“ sind keinesfalls ein Zeichen von Undemokratie, betonen Forschende. Vielmehr legt diese Entwicklung gesellschaftliche und vor allem transgenerationale Traumata offen. Diese gelte es jetzt nicht mit Gewalt zu durchbrechen, sondern aufzulösen – und ihnen einen Gegenentwurf anzubieten.
Auch nach der Wende in Ostdeutschland geborene Bürger*innen merken, dass sie etwas von anderen Menschen in Deutschland unterscheidet. Auch das kann zum Wachsen einer „ostdeutschen Identität“ führen. Diese muss nicht zwingend exklusiv und abgrenzend verstanden werden, sondern kann auch einfach nur ein Unterschied sein, der wahrgenommen wird.
In der jüngeren Generation wächst die Tendenz, die ostdeutsche Identität positiv und progressiv besetzen zu wollen, um sie der Deutungshoheit der AfD zu entreißen. Das ist ein gutes Zeichen – und es kommt genau zur rechten Zeit.
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