Energie Klimakrise Ostdeutschland Soziales AfD Soziale Medien LGBTQIA* Montagslächeln Umwelt Steuern und Finanzen

Manche Bilder erzählen mehr als jede Rede. Letzte Woche Samstag entstand eines davon in Hamm in Nordrhein-Westfalen: Vor der Kulisse des Gaskraftwerks Gerstein formten 2.000 Menschen ein riesiges Windrad. Die Rotorblätter drehten sich, Tausende Zuschauer jubelten und am Ende stand der erhoffte Weltrekord.

Es war ein beeindruckendes Bild – und vor allem ein symbolisches.

Externer Inhalt von YouTube: Mit einem Klick kannst Du Dir das Video ansehen. Lies mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Hamm: Wo Energiegeschichte greifbar wird

Kaum irgendwo in Deutschland treffen die verschiedenen, energiepolitischen Interessen so aufeinander wie in Hamm. Wer auf der Wiese oberhalb der ehemaligen Zeche Radbod stand, sah die Spuren vergangener Energiezeitalter: die Relikte alter Kohlezechen, die Erinnerung an die verhinderten Fracking-Pläne und die Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Hamm-Uentrop.

Alles Monumente einer Energiepolitik, die einst als Zukunft galt – und der Beweis, dass soziale Bewegungen immer wieder vermeintliche Sachzwänge überwinden können: beim Atomausstieg, beim Kohleausstieg oder beim Verbot von Fracking.

Reiche will ein neues Kapitel fossiler Abhängigkeit aufschlagen

Dass ausgerechnet hier nun erneut um die Zukunft der Energieversorgung gestritten wird, ist folgerichtig. Denn Wirtschaftsministerin Katherina Reiche versucht derzeit, ein weiteres Kapitel fossiler Abhängigkeit aufzuschlagen.

Ausgerechnet jetzt: Während Speichertechnologien enorme Fortschritte machen; während Wärmepumpen günstiger werden; während Wind- und Solarenergie vielerorts die günstigsten Formen der Stromerzeugung sind; während die Klimakrise eskaliert und geopolitische Konflikte fossile Energie immer wieder verteuern.

Die Antwort des Wirtschaftsministeriums lautet dennoch „mehr Gas“. Deswegen wendet es Milliarden für neue Gaskraftwerke und fossile Infrastruktur auf. Dabei liegt die Herausforderung woanders. Speicher ausbauen, Netze modernisieren, Flexibilität schaffen und die erneuerbaren Energien konsequent voranbringen.

Deshalb war Hamm mehr als nur ein Demo-Ort. Hamm war ein Symbol für die Entscheidung, vor der Deutschland steht: Wollen wir an den Technologien festhalten, die uns in die heutigen Abhängigkeiten geführt haben? Oder setzen wir auf eine Energieversorgung, die sauberer, günstiger und unabhängiger ist?

Die Antwort von Tausenden Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet war eindeutig: Die Zukunft ist erneuerbar.

Tausende Menschen haben in Hamm unter dem Motto "Zukunft statt Gas – Energiewende verteidigen" demonstriert. Angeführt wurden sie von einem großen Demonstrationszug
Die Botschaft der Demo, die von Campact, Fridays for Future, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Greenpeace organisiert wurde, war eindeutig: Wir wollen Zukunft statt Gas! Foto: Pay Numrich / i.A.v. Campact

Tausende Menschen, eine Überzeugung 

Beeindruckt hat mich die Vielfalt der Demonstration. Familien, Aktivist*innen von Ende Gelände, Gewerkschafter*innen, Menschen aus der Region, Bürgerenergie-Initiativen und viele andere kamen zusammen. Und das bei Temperaturen, die den Tag zu einer echten Herausforderung machten. Die Sonne brannte auf den Asphalt, trotzdem blieben die Menschen stundenlang. Sie alle verband die Überzeugung, dass es ein schwerer Fehler wäre, die Energiewende auszubremsen und stattdessen neue fossile Abhängigkeiten aufzubauen.

Und noch etwas wurde in Hamm sichtbar: Die Klimabewegung gewinnt wieder an Dynamik. Erst vor wenigen Wochen demonstrierten mehr als 80.000 Menschen in Berlin, Hamburg, Köln und München für die erneuerbaren Energien. Nun Hamm. Überall entstehen neue Bündnisse, lokale Initiativen und ungewöhnliche Allianzen.

„Erneuerbar statt unbezahlbar“: Energiewende als Alltagsfrage

Dabei verschieben sich die Konfliktlinien. Die Energiewende wird längst nicht mehr nur als Klimafrage diskutiert. Sie wird zur sozialen Alltagsfrage, zu einer Bedingung von wirtschaftlicher wie demokratischer Unabhängigkeit. Mein Lieblingsslogan des Tages brachte das auf den Punkt: „Erneuerbar statt unbezahlbar.“

Reiches Kurs stößt auch in der Wirtschaft auf Widerstand

Genau darum geht es. Die Energiewende verspricht nicht Verzicht, sondern mehr Unabhängigkeit von fossilen Preisschocks, günstigere Energie und mehr regionale Wertschöpfung. Deshalb stößt Reiches Kurs inzwischen nicht nur bei Umweltverbänden auf Widerstand, sondern zunehmend auch in der Wirtschaft. Deswegen stellen sich inzwischen auch alle 16 Energieminister der Länder, auch die mit Parteibuch von CDU oder CSU, geschlossen gegen Reiches Pläne. 

Ehrliche Bilanz – die Dynamik ist zurück

Natürlich wäre es vermessen, nach einem solchen Tag nur in Jubel auszubrechen. Ja, der Weltrekord war spektakulär. Ja, die Bilder gingen viral. Unser Instagram-Post zur Aktion erreichte  weit über 100.000 Likes. Aber zugleich müssen wir ehrlich sein: Mit rund 5.000 Teilnehmer*innen blieb die Mobilisierung hinter den Hoffnungen vieler Beteiligter zurück. Warum das so war, müssen wir auswerten. Auch in den bundesweiten Medien erzielte die Demonstration nicht die Aufmerksamkeit der großen Energiewende-Proteste einige Wochen zuvor.

Trotzdem wäre es falsch, den Erfolg eines solchen Tages allein an Teilnehmerzahlen oder Schlagzeilen zu messen. Viele engagierte Menschen fuhren motiviert nach Hause – mit dem Gefühl: Etwas bewegt sich wieder. Gemeinsamer Widerstand gegen die fossile Lobby wirkt. Und politische Veränderung ist machbar.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft von Hamm. Die Klimabewegung ist noch längst nicht dort, wo sie einmal war und wo wir hin wollen. Aber sie lebt, sie wächst wieder und sie schmiedet neue Bündnisse. Das Momentum hat die Seiten gewechselt.

Oder, um es mit den Worten des bekannten Physikers Harald Lesch zu sagen: „Die widerspenstige Wirklichkeit hat sich längst entschieden – für die Erneuerbaren Energien.“ Wer am Samstag in Hamm war, konnte genau das sehen.


Mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) droht uns der fossile Rückschritt: Statt erneuerbare Energien weiter voranzubringen, plant sie neue Gaskraftwerke. Ganz im Sinne ihres ehemaligen Arbeitgebers – der Gaswirtschaft. Über 690.000 haben bereits den Campact-Appell „Lobby-Ministerin stoppen: Energiewende verteidigen“ unterzeichnet. Hilf mit, die Kampagne groß zu machen – mit Deiner Unterschrift.

Unterzeichne jetzt gegen Reiches fossile Kehrtwende

Autor*innen

Christoph Bautz ist Diplom-Biologe und Politikwissenschaftler. Er gründete 2002 gemeinsam mit Felix Kolb die Bewegungsstiftung, die Kampagnen und Projekte sozialer Bewegungen fördert. 2004 initiierte er mit Günter Metzges und Felix Kolb Campact. Seitdem ist er Geschäftsführender Vorstand. Zudem ist er Mitglied des Aufsichtsrats von WeMove, der europaweiten Schwesterorganisation von Campact, sowie der Bürgerbewegung Finanzwende. Alle Beiträge

Auch interessant

Energie Campact-Team Montagslächeln: Reiche und Ventilatoren Mehr erfahren
Klimakrise Linda Hopius Wie heiß werden unsere Sommer? Mehr erfahren
Energie Fridays for Future Berlin Fossile Politik, echter Widerstand: Warum jetzt der Druck wächst Mehr erfahren
Klimakrise Hannes Koch Wirtschaftliche Nachteile dank Wirtschaftsministerin Mehr erfahren
Klimakrise Linda Hopius Was ist der „No Mow May“? Mehr erfahren
Energie Campact-Team Montagslächeln: Vertrauen beim Tankrabatt Mehr erfahren
Demo Christoph Bautz Was ein Comeback Mehr erfahren
Energie Campact-Team Auftragsarbeit für die Gaslobby Mehr erfahren
Energie Fridays for Future Berlin Energiewende verteidigen Mehr erfahren
CDU Campact-Team Montagslächeln: Nächste Mondmission … mit Reiche? Mehr erfahren