Während ich diesen Text beginne und regelmäßig prüfe, ob mein Hund noch atmet, fackelt keine 20 Kilometer entfernt eine Fläche ab, die so groß ist wie 190 Fußballfelder. In Brandenburg platzen mehrere Autobahnen auf. Die Schweizer schalten ein Atomkraftwerk ab, weil das Flusswasser zum Reaktor-Kühlen zu warm ist. Bahnunternehmen stellen den Betrieb ein. Veranstalter sagen Festivals ab. Eine Push-Meldung meldet einen Rekord: 41,7 Grad – so heiß war es in Deutschland noch nie. Jörg Kachelmann streitet sich bei radioeins, welche Tipps in dieser Situation dumm sind und welche nicht.

Ganz Duisburg stirbt
Der Grund für all das wird gerade medial rauf- und runterdekliniert: Hitze. Die Artikel sind garniert mit Tipps, wie Privatpersonen auf den akuten Notfall reagieren sollten: viel trinken, Kopfbedeckung drauf, nie in die pralle Sonne gehen, eincremen.
Klingt fast schon ironisch, schaut man sich die tatsächlichen Auswirkungen der Wetterlage an. Überall in Europa messen Wetterdienste neue Hitzerekorde. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge sterben weltweit etwa 500.000 Menschen pro Jahr an Hitzefolgen. Das entspricht der ganzen Bevölkerung von Duisburg.
In Deutschland sterben etwa so viele Menschen an Hitze wie im Straßenverkehr. Vergangenen Sommer waren es 2.500 Menschen. Das ist zumindest die offizielle Zahl. Es könnten mehr sein. Auf dem Totenschein wird selten Hitze als Grund notiert. Als „stiller Killer“ tötet sie häufig kombiniert mit anderen Vorerkrankungen, beispielsweise Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen. Der Hitzetod tarnt sich als Kreislaufkollaps, Dehydrierung oder Organversagen.
Besonders betroffen sind Kleinkinder, ältere sowie obdachlose Menschen und alle, die draußen arbeiten müssen. Denn ob jemand dazu in der Lage ist, sich effektiv gegen Hitze schützen zu können, ist vom Geldbeutel und Wohnort abhängig. Das macht Hitze auch zu einer politischen Frage.
Sackgasse Hitze
Wer in dicht bebauten Städten lebt, hat schon mal schlechtere Voraussetzungen. Denn diese gelten als sogenannte „Urbane Hitzeinseln“. Die Temperaturen sind oft deutlich wärmer als im ländlichen Umland – bis zu zehn Grad. Dieser Unterschied ist so spürbar, weil die Hitze nicht ausweichen kann. Beton und Asphalt kühlen in der Nacht kaum ab. Autos, Industrie und Klimaanlagen strahlen zusätzlich Wärme ab, und ungünstig platzierte Gebäude blockieren den Wind.
In London müssen einkommensschwache Gruppen bis zu vier Grad mehr aushalten – und weil ethnische Minderheiten dort häufiger in ärmeren Bezirken leben, trifft sie das besonders. Ausweichen? Nicht so leicht. In den heißesten Straßen ist die Fußgängerbewegung eingeschränkt, wie Satellitendaten und Oberflächentemperaturen auf Straßen zeigen. Menschen meiden heiße Straßen aktiv. Hitze wirkt hier als räumliche Falle.
Bäume machtlos gegen soziale Ungleichheit
Was hilft? Plump formuliert: mehr Bäume. Forschende haben hochgerechnet, dass 30 Prozent mehr Begrünung weltweit über ein Drittel der hitzebedingten Todesfälle in den Jahren 2000 bis 2019 hätte verhindern können. Denn Pflanzen bringen viele Vorteile mit. Sie spenden Schatten, kühlen, dämpfen Lärm, schützen Mensch und Tier. Mehr Bäume können also die Situation deutlich verbessern. Sie lösen aber nicht den Fakt der sozialen Ungleichheit.
Hitzerekorde: Mehr Bäume braucht das Land
Mehr als 150.000 Menschen haben die Petition von BaumLand auf WeAct, Campact Petitionsplattform, unterzeichnet. Schließe Dich jetzt an.
Das liegt einerseits an der Umsetzbarkeit. Reiche Stadtgebiete profitieren stärker von Begrünung als ärmere – weil sie schon mehr Grün haben und damit eine bessere Basis, von weiterer Begrünung zu profitieren. In ärmeren Vierteln arbeiten außerdem mehr Menschen draußen, können sich keine Kühlung leisten, haben häufiger Vorerkrankungen.
Kurz: Sie können sich schlechter schützen, weil sie a) weniger Geld haben und b) weniger Strukturen, die ihre Gesundheit priorisieren. Deswegen gilt: Mehr Grünflächen sind ein Anfang. Ohne konkrete Maßnahmen, um Armut zu bekämpfen, wird Begrünung allerdings weniger wirken, so die Forschenden.
Grundrecht: Klimaanlage
Besonders deutlich wird das anhand einer Recherche von Zeit Online. Die Redaktion untersuchte, inwiefern Hitzeinseln und Sozialstruktur in verschiedenen deutschen Städten zusammenhängen. Das Ergebnis: Nicht immer wohnen arme Menschen in den heißesten Ecken. Der Berliner Wedding und der Prenzlauer Berg sind beispielsweise ähnlich heiß – beide Gründerzeitviertel, ähnlich bebaut. Nur wohnen im einen Bezirk eher Menschen mit wenig Geld, im anderen eher gut Verdienende.
Auch im eng bebauten und dadurch sehr heißen Münchener Glockenbachviertel wohnen mehrheitlich Menschen mit Geld, weil sie nur sich die teuren Mieten dort leisten können. Was die Menschen dort und die Prenzlauer-Berg-Menschen mutmaßlich gemeinsam haben: das notwendige Kleingeld für kühle Getränke, Klimaanlagen, gedämmte Wände und Ventilatoren. Das zeigt: Auch bei gleichen Voraussetzungen rüsten sich Menschen unterschiedlich gut gegen Hitze.
In Belgien, Österreich, Portugal, England und Frankreich gibt es nationale Aktionspläne. In Deutschland haben gerade mal sieben von 16 Bundesländern einen landesweiten Hitzeaktionsplan. Außerdem verfolgen einige Dutzend Kommunen, Landkreise und Städte freiwillig Hitzeaktionspläne, wie beispielsweise Köln, Dortmund, Nürnberg, Mannheim. Verlässliche Zahlen oder Datenbanken dazu gibt es nicht.
6,50 Dollar pro Kopf
Auch deswegen ist es sinnvoll, die Methoden anderer Länder ins Visier zu nehmen, die vorausschauender planen. Im kolumbianischen Medellín begrünte die Stadt 30 Stadtkorridore und pflanzte 2,5 Millionen Pflanzen, darunter 880.000 Bäume. Die Temperaturen sanken in den ersten drei Jahren um zwei Grad, und die Stadt erwartet in den nächsten Jahrzehnten einen weiteren Rückgang um bis zu fünf Grad. Kosten: 6,50 Dollar pro Kopf. In Singapur gibt es Windkorridore zwischen den Hochhäusern, damit Luft besser zirkulieren kann, begrünte Fassaden und eingelassene Naturpfade.
In der Akutsituation hilft, Leerstand als Kühlraum zu nutzen, öffentliche Gebäude konsequent zu öffnen und Freibäder zu subventionieren. Mittelfristig wären eine hitzeschlaue Stadtplanung, Begrünungspflichten und verbindliche Aktionspläne ein Anfang. Strukturell gesehen aber muss Armut bekämpft werden – weil alle anderen Maßnahmen sonst an den Menschen vorbeigehen, die am allermeisten gefährdet sind.
Freibad für alle!
Als ich diesen Text beende, brennt die 190-Fußballfelder-Fläche immer noch. Der Grund ist nicht nur die Hitze, sondern auch die Tatsache, dass dort noch Granaten von der Roten Armee liegen. Das verkompliziert die Löscharbeiten immens. Paris hat währenddessen Schwimmen im Canal Saint-Martin und in der Seine erlaubt – zum ersten Mal seit 100 Jahren. Außerdem soll ein Alkoholverbot dort Krankenhäuser entlasten. Italien verbietet das Arbeiten im Freien während der heißesten Stunden. Und in Deutschland? In Hessen hat ein anonymer Spender Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren für die kompletten Sommerferien freien Eintritt ins Freibad gesponsert. Mein Hund atmet immer noch.