Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat verkündet: Demnächst ist ab dem ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorzulegen. Die telefonische Krankmeldung sei auch passé. Dem Land sei der hohe Krankenstand nicht zuzumuten, sagt er. Bämm! Der Sauerländer macht also Basta-Politik. Allerdings wirkt er bei seinem Pressestatement eher wie ein Realschul-Direktor, der in strengem Ton verbietet, auf der Schultoilette zu rauchen. Weil ihm der Geduldsfaden jetzt aber mal endgültig gerissen ist.
Alles an Merz’ Idee und seinem Auftritt zeigt, dass der Mann keine Regierungserfahrung hat. Und vor allem: dass Merz stets nach unten guckt. Vielleicht hat er seit Jahren den Himmel über sich nicht mehr gesehen, sondern nur das Fußvolk auf dem Boden.
Pflicht zum Attest trifft wieder die Ärmsten
Gar keine Frage, dass Millionen Arbeitnehmer*innen diese Entscheidung hassen. Und sie hassen sie zurecht. Statt in einer der größten bisherigen Demokratie-Krisen Vertrauen in die Politik zu schaffen, Gemeinsamkeiten zu fördern und alle Bedarfe schlau zu bedenken, bringt es Merz lediglich dazu, den Deutschen zu unterstellen, sie machten oft blau und hätten keine Lust auf Arbeit. Wie lassen sich auch sonst die hohen Krankenstände erklären…? Zumindest doch wohl nicht mit Krankheit, ihr Faulenzer! (Deutschland liegt da europaweit übrigens im oberen Mittelfeld.)
Haken wir kurz die SPD ab? Ok, die hat es wieder nicht geschafft, diesen unsozialen und unvernünftigen Unsinn zu verhindern.
Was besonders Perfide ist: Natürlich trifft die neue Regelung nicht die Arbeitnehmer*innen, die in innovativen Betrieben arbeiten. Oder in denen, die dringend Arbeitskräfte suchen. Oder in denen, die ihre Mitarbeitenden wertschätzen. Schlaue Arbeitgeber*innen werden sich beeilen, die Merz-Idee mittels einer Betriebsvereinbarung zu reparieren. Getroffen werden Menschen, die ohnehin prekär arbeiten müssen – und die bei Arbeitgeber*innen schaffen, die ein ähnlich schlimmes Menschenbild haben wie der Kanzler. Das ist eine weitere Spaltung. Sie lässt Merz’ großspurige Ankündigung, die AfD zu halbieren, noch wahnwitziger erscheinen.
Einfach noch länger krankschreiben
Die Ärzteschaft hat bereits extrem genervt reagiert – auch hier natürlich zurecht. Eine dermaßen rigide Einmischung in medizinischen Standard, sowie Praxisorganisation und -alltag können die Mediziner*innen auf keinen Fall hinnehmen. Wenn das Gesetz tatsächlich kommt, dürften die Halbgötter in Weiß jedenfalls zornig reagieren. Und das heißt: Aus einem Tag AU wird dann halt gleich eine Woche Attest. Denn natürlich will man die Kurz-Erkrankten nicht täglich morgens um 8 Uhr am Praxistresen stehen haben, um sich einen weiteren Tag befreien zu lassen. Das wäre auch die richtige Reaktion. Die Wirtschaft würde dem Kanzler dann flott die Flause wieder austreiben.
Wer krank ist, gehört ins Bett – und nicht in ein überfülltes Wartezimmer. Das findet auch Sebastian Siepmann. Er hat deswegen eine Petition auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact gestartet. Er sagt: Ein modernes Gesundheitssystem braucht Digitalisierung, Effizienz und Vertrauen – nicht mehr Papier, mehr Wartezimmer und mehr Misstrauen. Schließe Dich seiner Forderung an, die AU-Pflicht ab Tag 1 nicht durchzusetzen: