Die Wahrscheinlichkeit, dass Du dich irgendwann im Laufe deines Lebens für die Mecklenburgische Seenplatte interessiert hast, ist relativ gering. Immerhin ist der Landkreis im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern selten in den Medien. Er ist zwar der flächenmäßig größte Landkreis Deutschlands – Berlin würde sechsmal hier reinpassen. Auf dieser Fläche leben allerdings gefühlt so viele wie in einem Berliner Häuserblock. Als Wohn- oder Arbeitsort kommt die Seenplatte für Menschen, die hier nicht aufgewachsen sind, selten in Frage. Und Prognosen zufolge schrumpft der Landkreis weiter.
Gleichzeitig sind rechtsextreme Einstellungen vielerorts nicht nur Statistik, sondern konkret spür- und sichtbar: wenn auf Flohmärkten Drittes-Reich-Memorabilia angeboten werden, schon wieder ein Auto mit 88-Kennzeichen vorbeifährt oder im Baumarkt jemand am helllichten Tag antisemitische Witze reißt. Neben über 1.000 wunderschönen Seen, demografischen Herausforderungen, einer imposanten DDR-Geschichte und tollen Wanderwegen gehört das zum Alltag.
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140.000 Euro verloren
Gerade hier gibt es also eine Menge Gründe, Menschen zu unterstützen, die sich für Demokratie, Toleranz, Vielfalt und Gemeinschaft engagieren. Und die gibt es auch. Sie fahren von Penzlin mit dem Kulturmobil über die Dörfer, organisieren Medienworkshops für Kinder und Senior*innen in der Feldberger Seenplatte, holen regionale Künstler*innen auf Festivalbühnen, denken sich Adventsmärkte in Friedland aus, erhalten Synagogen in Stavenhagen und denken Erinnerungskultur im geschichtsträchtigen Demmin neu. Das verrät die Website demokratie-mse.com, die seit 2015 insgesamt 91 Projekte listet, die vom Fördertopf „Demokratie leben!“ Geld erhalten haben.
Diese Menschen lässt der Kreistag jetzt im Stich. Denn er hat sich jüngst gegen das Förderprogramm „Demokratie leben!“ entschieden. Die AfD votierte gegen die Weiterführung des Programms. Sie hatte damit zwar keine Mehrheit, konnte sich aber durch Enthaltungen der CDU und des BSW durchsetzen. Und: Von insgesamt 77 Mitgliedern des Kreistags waren 62 vor Ort, um sich an der Abstimmung zu beteiligten – darunter auch SPD-Mitglieder, die sich zuletzt deutlich pro Förderprogramm positionierten. Am Ende stand es 24:24 mit 14 Enthaltungen.
Keine Mehrheit bedeutet in der Konsequenz: Als erster Landkreis MVs entscheidet sich die Mecklenburgische Seenplatte gegen den Fördertopf für 2026 und lässt sich damit insgesamt 140.000 Euro entgehen. Ein paar Wochen vor der Landtagswahl ein deutliches Zeichen an die Engagierten.

Zusammenhalt durch Pellkartoffeln
Undine Spillner ist eine davon. Ruft man sie an, ist sie vielbeschäftigt. Gerade musste sie noch Kompostklos für ein Event organisieren, gleich kehrt sie zurück in den Mail-Marathon. Sie muss jetzt neue Fördermöglichkeiten finden. Denn die 13.000 Euro, die sie für das Transit-Festival eingeplant und im Frühjahr beantragt hatte, gibt es nicht mehr. Sie bekommt jetzt: 0 Euro. Das bedeutet zwar nicht den finanziellen Ruin. Die Förderung finanziert das Projekt nur teilweise. Es heißt aber zusätzlichen Stress und die Notwendigkeit, andere Lösungen zu finden. Und das möglichst bald. Denn die Entscheidung kam am 22. Juni, das Festival findet vom 10. bis 12. Juli statt. Alles, was jetzt geschieht, ist also erstmal Kompensation statt Sicherheit.
Spillner ist selbst im Tollensetal aufgewachsen. Nach einem Studium in Potsdam kehrt sie mit ihrem Partner zurück und organisiert mit ihm ein Filmfest auf Burg Klempenow, später gründen sie das Transit-Festival und gestalten es mit Freund*innen auf der Burg. Angefangen hat es 2013 mit Pellkartoffeln. Knapp 120 Leute waren damals vor Ort, leider zu viele für die Verpflegungsplanung. Deswegen schälten Künstler*innen am Ende Kartoffeln, damit es für alle reicht. 13 Jahre später gibt es eine Backstage-Küche mit solidarischem Kochkollektiv und „den göttlichsten Dingen ohne Fleisch“, wie Spillner es ausdrückt.
Von Babys bis Omas
Gibt es irgendwas, das gegen die Förderung des Transit-Festivals sprechen würde? Spillner erklärt, das Totschlagargument gegen Demokratieprojekte an der Seenplatte sei, dort würden alle nur klatschen und singen. Das sieht sie anders. Auf dem Programm stehen in diesem Jahr nicht nur überregionale und regionale Bands, sondern auch Gesprächsräume.
Wir bringen Menschen zusammen, darunter auch viele Familien. Deswegen sind alle dabei: von Babys bis zu Omas. Das Festival ist ein Ort gelebter Demokratie.
Undine Spillner, Organisatorin des Transit-Festivals
Ebenfalls sind Initiativen wie zusammenbewegen vor Ort, dazu eine Ausstellung zum Dritten Reich: „Der Traum von einem anderen Deutschland“. Auf der einen Seite die Unterhaltung, aber auch genügend Raum für Verbindung und den Schmerz, so Spillner. Und was bedeutet es für sie, wenn das Festival finanziell gefährdet wird? „Dass ich nachts aufwache und mir Sorgen mache.“
Das Transit-Festival ist neben der Alten Synagoge in Stavenhagen und dem Kulturmobil in Penzlin eins der Projekte, die nun kein Geld bekommen. Die Gründe dafür sind fadenscheinig. Das Programm sei zu bürokratisch, zu intransparent und es würde zu viel Geld in Verwaltung gesteckt, statt in die Projekte selbst. Dass intransparent sei, wer oder was da gefördert wird, ist schlicht falsch. Wer auf demokratie-mse.com vorbeisurft, kann für alle geförderten Projekte nachlesen, welche Ziele sie sich gesetzt haben, wer der jeweilige Träger ist, in welchen Orten sie sich engagieren und mit welchen Methoden sie das tun. Von einigen Projekten gibt es auch Abschlussberichte.
Rechnungsbelege gegen Kreativität
Richtiger scheint das Empfinden zu sein, dass einiges kompliziert-bürokratisch ablaufe. Das bestätigen einige der demokratisch Engagierten, mit denen ich nach der Entscheidung telefoniere. Drei davon haben in der Vergangenheit selbst Projekte über das Programm fördern lassen und erzählen von guter Betreuung, aber auch komplizierten Förderanträgen. Eine Person berichtet, dass sie für ihr Projekt unverhältnismäßig viel Arbeit in Verwaltung stecke, zum Beispiel für das Scannen von Belegen. Gerade für kleinere Träger und Einzelpersonen bleibt dann weniger Zeit und Energie für die eigentliche Idee.
Vielleicht ist es deswegen gar nicht so blöd, extra eine Stelle anzulegen, die Projekte miteinander vernetzt und sie bei der Antragsstellung unterstützt. Diese sogenannte Fach- und Koordinierungsstelle ist Teil des Programms. Doch auch sie ist Gegenstand der Kritik. Immerhin soll sie 86.000 Euro kosten, die vom kompletten Topf finanziert wird, also den 140.000 Euro.
Der Träger, bei dem die Stelle angesiedelt werden sollte, begründet die Höhe der Kosten mit dem Anspruch der Stelle. Eine fachlich qualifizierte Person, adäquat zu einer E9 im Tarif des Öffentlichen Dienstes, sei eben auch ihr Geld wert. Es stimmt, dass durch die Schaffung der Stelle weniger Geld bei den Projekten bleibt. Aber sind einige Tausend Euro nicht immer noch besser als gar nichts? Gerade kleinere Projekte wissen, wie viel Unterschied 100, 200, 500 Euro manchmal machen können.
Bevorstehende Kulturwüsten?
Die Engagierten der Seenplatte kennen die Widerstände, gegen die sie sich engagieren: nicht nur rechte Gewalt im Alltag und im Kreistag, sondern auch fehlende Mobilität, Medienskepsis, Einsamkeit, Entfremdung, schließende Jugendclubs. Für diese strukturellen Herausforderungen bieten ihre Projekte Lösungsansätze an. Dass bei der Entscheidung des Kreistags alle Demokratieprojekte mitgemeint sind, wissen viele Akteur*innen.
Deswegen organisieren sie kurz nach dem Beschluss vor dem Kreistag in Neubrandenburg eine Demo. Auch Spillner ist dabei und spricht auf der Bühne. Für Kreistagsmitglieder, die sich enthalten oder dagegen gestimmt haben, hat sie einen Vorschlag: Mandat zurückgeben. Sie sagt: „Im Grundgesetz steht, dass es die Aufgabe ist, Demokratie zu schützen, wenn sie bedroht ist. Das ist die Spielregel der Bundesrepublik. Und die müsste doch auch im Kreistag der Mecklenburgischen Seenplatte gelten.“
Denn unabhängig davon, was das für die Projekte im Einzelnen bedeute, empfinde sie die Entscheidung als Tritt vors Schienbein für demokratisch Engagierte an der Seenplatte. Diese solle nicht zur Kulturwüste werden, sondern lebenswert für diejenigen bleiben, denen Demokratie, Menschlichkeit, Gemeinschaft ein Anliegen ist.
Den ländlichen Raum schützen
Auf den ersten Blick sind „nur“ wenige Projekte und „nur“ die Mecklenburgische Seenplatte irgendwo rechts oben im Norden betroffen. Aber das Wackeln demokratischer Strukturen hat nicht erst mit dieser Kreistagsentscheidung angefangen. Es braucht jetzt Menschen, die sich nicht enthalten und nicht wegschauen. Sondern im Gegenteil: lautstark demokratische Werte verteidigen, Akteur*innen im ländlichen Raum schützen und ihnen sichere Strukturen bauen. Nicht nur an der Mecklenburger Seenplatte, sondern überall. Die Wahrscheinlichkeit, dass Du dich irgendwann im Laufe deines Lebens für die Mecklenburgische Seenplatte interessierst, ist mittlerweile hoffentlich gestiegen.