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Es ist ein Phänomen, das vermutlich alle Menschen kennen, die sich mit Digitalisierung oder Klimawandel beschäftigen: Akrasia. Mit diesem Begriff wurde schon im alten Griechenland eine faszinierende menschliche Verhaltensweise diskutiert, die später etwas schräg auch als Willensschwäche bezeichnet wurde. Heute wird von kognitiver Dissonanz, irrationalem Verhalten oder dem berühmten inneren Schweinehund gesprochen. Akrasia ist „Handeln wider besseren Wissens“. Ein schönes, weil sehr emotionales, Beispiel ist das Fleischparadox: Die Mehrheit der Menschen ist gegen Tierleid, verursacht es aber durch das eigene Konsumverhalten.

Wie handeln Menschen wider besseren Wissens und halten sich trotzdem für klug und korrekt? Warum lehnen wir beispielsweise das Unternehmen Meta ab, bleiben aber trotzdem bei dessen Messenger WhatsApp? Willkommen im Wechselparadox, dem Fleischparadox der Digitalisierung.

Social Media, das süße Gift

Wieso sind viele Menschen mit sozialen Medien unzufrieden und kennen die Gefahren, aber nutzen sie trotzdem täglich? Wir beschweren uns über Aufmerksamkeitsstörungen, Desinformation, Hass, digitale Gewalt, Suchtverhalten, belastende Schönheitsideale, Zeitverschwendung, hohen Energie- und Wasserverbrauch, kommerzielle Überwachung und kritisieren die politische Einflussnahme der Big-Tech-Konzerne. Und dennoch sind nur wenige Menschen bereit, ihr Handeln diesem Urteil anzupassen. Es gibt bessere Lösungen, aber wir klammern uns an das süße Gift der mächtigen Plattformen. Wir lieben Instagram und WhatsApp. Und verzeihen ihnen alles.

Wir haben die Akrasia aus dem alten Griechenland digitalisiert. Eine andere App zu installieren ist im Vergleich zur Umstellung der Ernährung eine Kleinigkeit. Trotzdem ist es für viele Menschen nicht machbar. Aktuell zeigt das eine sehr lesenswerte Studie der Bertelsmann Stiftung und der Agora Digitale Transformation:

Eine Mehrheit der Befragten hat sich mit den Risiken digitaler Plattformen abgefunden, während die Bereitschaft, neue Plattformen aktiv auszuprobieren, insgesamt gering bleibt. Die Analyse der Wechselmotive und der Wechselbereitschaft verdeutlicht dabei eine klare Diskrepanz zwischen Einstellungen und tatsächlichem Verhalten. Zwar besteht auf der Einstellungsebene eine grundsätzliche Offenheit gegenüber Alternativen, diese schlägt sich jedoch nur selten in konkreten Wechselhandlungen nieder.

Aus der Zusammenfassung der Studie „Große Sorgen, hohe Erwartungen an Politik und Europa“

Ich denke, es ist weder Zufall noch menschliche Willensschwäche, dass wir im Bereich sozialer Medien nur sehr langsam voran kommen. Damit meine ich zum Beispiel den Ausbau von gemeinwohlorientierten und offenen sozialen Netzwerken. Es ist alles da, es ist alles möglich, aber es ist zäh. Bereits der Wechsel von einem Dienst zum anderen, auch wenn er nur 3 Minuten dauert, versetzt uns in eine unlösbare Starre. Ein Beispiel sind hier die berühmten Eltern-WhatsApp-Gruppen.

Umzug in eine andere Wohnung, ein anderer Arbeitgeber, ein Tattoo oder eine kleine Schönheits-OP? Alles möglich. Aber eine App löschen und eine andere installieren – das zerfetzt ja das ganze soziale Leben. Ist der Preis des Wechselns einer App wirklich so hoch?

Die Alternativen sind da, aber …

Vielleicht ist das so schwierig, weil die Dienste der Big-Tech-Konzerne uns freundlich und bequem einsperren. Aktuell untersucht die EU-Kommission das süchtigmachende Design von Facebook und Instagram. Die Endorphinschleudern funktionieren ausgezeichnet. Nicht-süchtigmachende Alternativen sind besser für die mentale Gesundheit. Aber sind sie weniger attraktiv, gerade weil sie uns weniger anlocken?

Die meisten Big-Tech-Dienste lassen sich intuitiv benutzen und belohnen uns kurzfristig mit einem positiven Erlebnis. Schöne Menschen, lustige Emojis und unterhaltsame Charaktere heben die Stimmung. Dazu kommt die clevere PR der Plattformen. Instagram wirbt auf der Website: „Sei dabei, wenn deine engen Freunde ganz alltägliche Momente erleben.“ Wer will das schon verpassen? TikTok verspricht auf seiner Website: „Our mission is to inspire creativity and bring joy.“

Sind es diese Werbebotschaften und Oberflächlichkeiten, die in uns wirken? Lässt uns das über den Hass und die negativen Einflüsse der Plattformen auf die Gesellschaft hinwegsehen? Die schöne Oberfläche sehen wir ständig. Die kritischen Meldungen über die Plattformen sehen wir nur, wenn es uns interessiert. Und dann auch nur punktuell und in anderen Medien.

Laut der Bertelsmann-Studie denken etwa zwei Drittel, dass digitale Plattformen „gezielt steuern, welche Inhalte Reichweite erhalten“ und zunehmend „für politische Zwecke missbraucht“ werden. Dazu bereitet uns der zunehmende Einfluss auf die öffentliche Meinung Sorgen. 71 Prozent finden europäische Alternativen zu großen digitalen Plattformen wichtig, 60 Prozent wünschen sich weniger Abhängigkeit von den USA und China und 38 Prozent wollen besseren Datenschutz und mehr Nutzerrechte. Warum nutzen und fördern wir dann nicht die offenen Alternativen, die das können?

Die Verantwortung hat immer wer anders

Fast die Hälfte der Befragten sehen die Betreiber der Plattformen in der Verantwortung. 14 Prozent denken, dass es die Nutzenden selbst sind, die für bessere soziale Medien sorgen müssen. Und jeweils 11 Prozent sehen die Europäische Union beziehungsweise die Bundespolitik in der Bringschuld. Das sind drei Sackgassen, in denen die gemeinwohlorientierte Digitalisierung stecken bleibt.

Warum sollten Big-Tech-Konzerne ändern, woran sie verdienen? Nutzende verharren im Wechselparadox. Privatpersonen können und werden nicht in die Verantwortung gehen. Öffentliche Stellen verweisen auf fehlende Mittel und glauben noch immer an die verführerische Reichweitenerzählung der Plattformen, während sie die Stärken offener Netze nicht kennen, weil sie sie nicht nutzen. Politisch werden Massenüberwachung, KI-Förderung und Deregulierung verhandelt – nicht der Aufbau von gemeinwohlorientierter Kommunikationsinfrastruktur. Warum sollten Politiker*innen auch anders handeln, als die Menschen, die sie wählen? Und da haben wir die Verantwortungsdiffusion.

Idealismus bedeutet persönliche Nachteile

An der mühsamen Arbeit, bessere Alternativen auszubauen und weiter zu verbessern, beteiligen sich nur sehr wenige. Bei offenen, gemeinwohlorientierten sozialen Netzwerken geht es trotz Verantwortungsdiffussion und akuter Akrasia voran. Trotz der Marktmacht der Big-Tech-Konzerne entstehen kleine, aber funktionale und resiliente soziale Netzwerke, die eine grundsätzliche Wende möglich machen. Gemessen an den mikroskopisch kleinen Ressourcen, die dafür bereit gestellt werden, geht es sogar beeindruckend schnell voran. Das ist idealistischen Menschen zu verdanken, die sehr viel Arbeit für sehr wenig Geld auf sich nehmen und auch noch gegen Frust und Gegenwind antreten.

Sich für bessere Lösungen einzusetzen ist schwierig. Sich trotz besseres Wissen dem kritisierten Ist-Zustand hinzugeben ist einfach. Wer den Ist-Zustand kritisiert und für eine bessere Lösung argumentiert, wird schnell zum nervigen Sonderling. Gruppenzwang und Herdenverhalten sind sehr wirkmächtig. Handeln wir gegen besseres Wissen, weil alles andere einfach zu anstrengend ist und zu viele Nachteile mit sich bringt? Ist der Weg des geringsten Widerstands der ökonomisch rationale Weg?

WhatsApp-Argumentationshilfe

Wie geht es raus aus dem digitalen Fleischparadox? Über die bereits angesprochenen, legendären Eltern-WhatsApp-Gruppen gibt es viele Berichte im Internet. Ein positives Beispiel hat der IT-Sicherheitsexperte Mike Kuketz aufgeschrieben und dazu eine ausführliche Argumentationshilfe für Elternabende veröffentlicht. Argumente gibt es viele, aber welche überzeugen? Mike Kuketz berichtet: „Bei einem Elternabend kommen trockene, rationale Argumente oft nicht gut an“ und liefert konkrete Beispiele für emotionale Beispiele aus dem Bereich Kita und Schule:

Vorbild für Kinder sein: Wir bringen unseren Kindern bei, vorsichtig im Internet zu sein. Aber wie können wir ihnen den Wert von Datenschutz beibringen, wenn wir selbst sagen: „Ach, das passt schon!“

Aus der Argumentationshilfe „Warum WhatsApp in Kita und Schule keine gute Wahl ist“

Akrasia, so weit das Auge reicht

Akrasia ist schon wirklich ein erstaunliches Phänomen. Wir investieren sehr viel Zeit, Geld und Expertise in den Erhalt eines Ist-Zustandes, unter dem wir leiden. Wir investieren sehr wenig in bessere Alternativen. Diese entstehen trotzdem – dank des Engagements relativ weniger idealistischer Menschen. Schließlich bleiben so gut wie keine Ressourcen mehr, um uns mit den bremsenden Abwehrmechanismen zu beschäftigen.

Und trotzdem geht es voran. Denn es gibt nicht nur Abwehrmechanismen und Akrasia. Es gibt auch den steten Tropfen, das erkenntnissuchende Gespräch, die Neugier, die Überzeugung, die Kooperation, die Werteorientierung, die soziale Innovation und die Verbesserung. Darum ist es wichtig, Erfolge zu feiern. Jede Person, die auf die Abgründe von Big-Tech hinweist verdient ein Danke und jede Einrichtung die von einer Big-Tech-Plattform ins Fediverse wechselt verdient Applaus. Jeder kleine Schritt in Richtung einer nachhaltigeren Welt ist wertvoll. Kopf hoch, nicht die Hände!

Autor*innen

Friedemann Ebelt engagiert sich für digitale Grundrechte. Im Campact-Blog schreibt er als freier Autor darüber, wie Digitalisierung fair, frei und nachhaltig gelingen kann. Er hat Ethnologie und Kommunikationswissenschaften studiert und interessiert sich für alles, was zwischen Politik, Technik und Gesellschaft passiert. Sein vorläufiges Fazit: Wir müssen uns besser digitalisieren! Alle Beiträge

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