Fotos, Videos, Kennzeichen, Firmendaten. Wer in sozialen Medien oder bei Empörungsportalen wie Nius in den vergangenen Tagen nach Beiträgen zum Mehrfachmord von Stade gesucht hat, hat all diese Informationen über Enise Ö. gesehen. Dabei hatte sie nichts mit der Tat zu tun. Sie wohnt einfach nur in der Nähe und hat zufällig den gleichen Namen wie eine Frau, die eine Verbindung zum Täter hat.
„Wir gehen durch die Hölle“
Der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sagt Ö.: „Wir gehen durch die Hölle.“ Liest man sich die dazugehörigen Posts auf X und Facebook durch, kann man sich ungefähr vorstellen, warum. Neben Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit steht dort auch die Behauptung, sie sei in irgendeiner Form an der Tat beteiligt gewesen. Selbst Posts auf Polnisch gibt es.
Mehr Schutz für Fachkräfte der Sozialen Arbeit
Am 29. Juni hat ein Mann in Stade sechs Fachkräfte aus der Kinder- und Jugendarbeit erschossen. Deutschland ist erschüttert.
Markus Herzog ist Sozialarbeiter. Er weiß: Viele Kolleg*innen werden regelmäßig bedroht und angegriffen. Auf Campacts Petitionsplattform WeAct fordert er von der Regierung Notfallpläne und Schutzkonzepte – damit sich Stade nicht wiederholt. Schon mehr als 100.000 Menschen haben unterzeichnet. Unterstütze ihn – mit Deiner Unterschrift.
Auch Nius schlug diese Richtung ein. Nebst einem verpixelten Foto von Ö. titelt das Portal: „Welche Rolle spielt die Mitbewohnerin des Täters, Enise Ö.?“ Dazu Informationen zu ihrem Arbeitsplatz und weiteren Tätigkeiten, etwa der Gründung einer Firma, die ausländische Fachkräfte vermittelt. Der Text löste die erwartbaren Reflexe aus: Rassistische Posts über Türkeistämmige und Geflüchtete, immer im Zusammenhang mit den Morden von Stade. Das Foto ist inzwischen entfernt, unter dem Post steht eine Richtigstellung zur Verwechslung. Der Schaden ist jedoch angerichtet.
Auch der Blogger Hadmut Danisch verbreitete auf seiner Website ein Bild von Enise Ö., der Post wurde inzwischen kommentarlos gelöscht. Und es ist nicht die erste Verwechslung dieser Art in diesem Fall. Bereits zuvor wurden Falschbehauptungen über die Fahrerin des Fluchtwagens verbreitet, die nicht den Tatsachen entsprachen.
Der Fall zeigt, wie Falschinformationen oft trotz Korrektur bestehen bleiben. Ein Post der AfD-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag, Katrin Ebner-Steiner, ist auch Tage nach der Richtigstellung weiterhin online. Zwar wurde das Bild aus dem von ihr verbreiteten Nius-Artikel entfernt, das Vorschaubild wird bei bestehenden Posts jedoch nicht aktualisiert, sodass Ö.s Bild dort noch zu finden ist.
Verwechslungen können fatale Folgen haben
Dass sich Menschen online für gemeinsame Recherchen zusammenschließen, kann grundsätzlich gut sein. Recherchekollektive haben in der Vergangenheit zur Verifizierung von Giftgaseinsätzen in Syrien, russischen Kriegsverbrechen oder dem Auffinden von Vermissten in Katastrophengebieten beigetragen.
Plattformen wie Bellingcat, die seit Jahren wichtige Recherche- und Aufklärungsarbeit leisten, funktionieren so. Aber sie haben sich auch Regeln gegeben. Meistens geht es bei ihren Recherchen um Machenschaften von Staaten und Organisationen – nicht darum, mit teilweise fehlerhaften Informationen von Privatpersonen Klicks zu ernten.
Das Boston Marathon Bombing
Das bekannteste Beispiel dafür, welche fatalen Folgen es haben kann, wenn Internetnutzer*innen sich zu gemeinsamen Online-Recherchen zusammenschließen und das Ganze schief geht, ist das Boston Marathon Bombing. Bei dem islamistischen Anschlag im April 2013 wurden drei Menschen getötet und Hunderte verletzt. Unmittelbar nach der Tat schlossen sich auf Reddit und dem Imageboard 4chan User*innen auf der Jagd nach möglichen Verdächtigen zusammen und identifizierten mehrere Unbeteiligte fälschlicherweise als Täter.
Dazu gehörte ein Student, der zum Zeitpunkt des Anschlags vermisst war und nichts damit zu tun hatte. Seine Familie wurde bedroht. Auch ein 17-jähriger Schüler und sein Lauftrainer gerieten – ebenfalls unbeteiligt – ins Visier. Ihre Fotos landeten sogar auf der Titelseite der Boulevardzeitung New York Post. Der Associated Press sagte der Teenager damals, er habe Angst, zur Schule zu gehen. Das FBI veröffentlichte schließlich Fotos der beiden Verdächtigen, auch um Unbeteiligte vor weiteren Verdächtigungen und Anfeindungen zu schützen. Barack Obama rief zur Vorsicht auf. Immerhin, und eher eine Ausnahme: Die Betreiber von Reddit entschuldigten sich damals für die Jagd auf Unschuldige.
Jagd nach dem Katzenquäler
Ein weiterer Fall ist Teil der True-Crime-Dokuserie „Don’t F**k With Cats“ auf Netflix. In einer Facebook-Gruppe mit 15.000 Mitgliedern forschten Beteiligte vor einigen Jahren nach einem Mann, der sich dabei filmte, wie er Katzen quälte und tötete. Motiviert durch die grausamen Bilder wurde eifrig nach dem Täter „gefahndet“. Und auch in diesem Fall identifizierten die Internet-Sherlocks einen Unbeteiligten als vermeintlichen Täter.
Der Verdächtige litt unter Depressionen, starb kurze Zeit darauf durch Suizid. Welchen Einfluss die falschen Verdächtigungen und damit einhergehende Bedrohungen hatten, ist nicht klar. Der eigentliche Täter, der später einen Mann ermordete, wurde in einem Café in Berlin festgenommen.
Hilfe bei Suizid-Gedanken
Falls Du aktuell Suizidgedanken haben solltest, suche Dir bitte schnellstmöglich Hilfe. Hier findest Du rund um die Uhr Ansprechpartner*innen:
Ein weiterer Fall stammt aus Österreich: Dort wurde nach einem Amoklauf an einer Schule in Graz im vergangenen Jahr ein Unbeteiligter als vermeintlicher Täter identifiziert. Er und seine Familie erhielten daraufhin Drohungen.
Die Gefahren solcher digitalen Gruppenrecherchen sind also gut dokumentiert. Ein Lerneffekt scheint für die Möchtegern-Detektive im Internet allerdings in weiter Ferne zu sein.