Der Sprengsatz zündete nicht. Nur deshalb ging ein Angriff am Flughafen Leipzig durch eine mit Sprengstoff beladene Drohne glimpflich aus. Dass Russland hinter dem Angriff steckt, ist wahrscheinlich. Bislang aber nicht belegt. Dafür spricht, dass es sich bei dem Ziel um eine ukrainische Frachtmaschine handelte. US-Medien wie das CNN berichten außerdem, es gebe Hinweise darauf, dass die Drohne zu einem russischen Geheimdienst gehört.
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Vorfälle wie in Leipzig sind Teil der hybriden Kriegsführung des Putin-Regimes. Darunter versteht man verschiedene Mittel, die nicht der herkömmlichen militärischen Kriegsführung entsprechen und sowohl offen als auch verdeckt durchgeführt werden können. Eine Übersicht hybrider Kriegsführung:
1. Desinformation im Netz
Schon seit Jahren setzt der Kreml vermehrt auf Desinformation, um Politik und Öffentlichkeit zu beeinflussen. Dabei sind nicht nur Geheimdienste involviert, die schon zu Sowjetzeiten für solche „aktiven Maßnahmen“ eingesetzt wurden.
Es gibt inzwischen ein regelrechtes Geschäftsfeld, in dem die Verbreitung von Desinformation zum Bürojob geworden ist. In sogenannten Trollfabriken wie der „Social Design Agency“ oder der „Internet Research Agency“. Solche Unternehmen werden oft von regierungsfreundlichen Oligarchen betrieben. Das Outsourcing, inklusive verschleierter Finanzierung, hat auch den Vorteil, dass die Regierung sich offiziell von ihren Tätigkeiten distanzieren kann. Außerdem wurden in der Vergangenheit auch rechte US-Influencer über Umwege und offenbar ohne ihr Wissen von Russlands Staatsmedienkonzern bezahlt, um kreml-freundliche Inhalte zu verbreiten.
Mit Trollfabriken Sympathien schüren
Putin setzt auf Desinformation, um eine Reihe von Zielen zu erreichen. Dazu gehören das Vertrauen in die Demokratie und Polarisierung zu untergraben. Es geht aber auch um ganz konkrete politische Ziele, wie die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen oder Parteien zu stärken, die Putin gegenüber freundlich gesinnt sind. Viele Desinformationsoperationen dauern über Jahre an und nehmen verschiedene Ziele ins Visier. Beispiele sind die Operationen Doppelgänger, Matrjoschka oder Storm-1516.
Schon vor den Bundestagswahlen 2017 versuchte die russische Trollfabrik mit dem unverdächtigen Namen „Internet Research Agency“, durch Fake-Profile und Desinformation Stimmung zu machen. Auch die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie die Kommunalwahlen in Niedersachsen sind zum Ziel von Desinformationskampagnen geworden. Ebenso wie die Präsidentschaftswahl in Frankreich im September 2026.
Eine Mehrheit der Fakes verpufft und erreicht nur wenige Menschen. Russland setzt vor allem auf Masse, weniger auf Qualität. Das sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige Falschmeldungen dennoch verfangen. Ein Fake-Video aus dem Bundestagswahlkampf 2025, bei dem vorgetäuscht wurde, wie AfD-Stimmen vernichtet werden, erreichte Zehntausende und wurde auch 2026 erneut im AfD-Umfeld verbreitet.
2. Fake-Aktivismus auf der Straße
Nicht nur im Netz, sondern auch auf den Straßen zeigt sich der Kreml für Fake-Maßnahmen verantwortlich. Auch das ist nicht ganz neu. Bereits vor Donald Trumps erstem Wahlgewinn gaben sich russische Akteur*innen als amerikanische Aktivist*innen aus.
Einige Mitarbeiter*innen einer Trollfabrik sollen damals auch Zehntausende Dollar an echte Aktivist*innen gezahlt haben, um Proteste zu organisieren. Die Aktivist*innen wussten über den Ursprung ihrer Geldgeber nicht Bescheid. Bei den Protesten ging es zum Beispiel um Rassismus, Waffenrecht oder auch eine mögliche Unabhängigkeit des US-Bundesstaates Texas. Alles Themen, bei denen man sich erhoffte, zu einer bestehenden Polarisierung beizutragen.
Inzwischen wird dieser Job oft von sogenannten Wegwerfagenten oder Low-Level Agents übernommen. Das sind Menschen, die auf Plattformen wie Telegram von Mittelsmännern angeworben werden und keine offizielle Verbindung zur russischen Regierung und insbesondere zu den Geheimdiensten haben. Nach der Kontaktaufnahme erhalten sie Aufträge, für die sie teilweise auch in andere Länder reisen und dort aktiv werden. Die Aktionen werden anschließend dann häufig durch russische Staatsmedien, Desinformationsoperationen oder putin-freundliche Influencer aufgegriffen und verbreitet.
Von Wegwerf-Agenten und Strohmännern
Zum Beispiel Frankreich: Dort haben Wegwerf-Agenten in der Vergangenheit zum Beispiel Graffiti gesprüht und Holzsärge in der Nähe des Eiffelturm aufgestellt, um gegen die Unterstützung für die Ukraine zu mobilisieren. Auch in Deutschland gab es solche Fälle. Jan Marsalek, der frühere Vorstand des deutschen Finanzdienstleisters Wirecard und russischer Agent, soll Graffiti- und Stickeraktionen in Berlin beauftragt haben, die Sympathien für ukrainische Neonazis ausdrücken sollten.
Die wahrscheinlich bekannteste Aktion solcher Wegwerf-Agenten in Deutschland war die Serie von Sabotageakten an mindestens 170 Autos in Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und Bayern. Die Auspuffrohre der Autos wurden mit Bauschaum verklebt; in einigen Fällen wurden Sticker hinterlassen, auf denen Robert Habeck und „Sei Grüner“ zu sehen waren.
Eine Fake-Aktion, die Mitglieder der Grünen oder Klimaaktivist*innen in Verruf bringen sollte. Drei Männern und einer Frau, die für die Aktion verantwortlich sein sollen, wurde offenbar ein Festbetrag pro beschädigten Auto versprochen. Sie müssen sich inzwischen vor Gericht verantworten.
3. Sabotage und Anschläge
Wegwerf-Agenten nehmen auch noch weitere Rollen ein. In mehreren Fällen wurden sie beispielsweise als Kundschafter eingesetzt. Sie sollten beispielsweise Fotos von Gebäuden oder militärischen Einrichtungen anfertigen, die dann für Spionage oder Angriffe auf kritische Infrastruktur genutzt werden können. Neben Wegwerf-Agenten sind auch Agenten verschiedener russischer Geheimdienste aktiv.
Dazu kommen Ausspähaktionen mit Hilfe von Drohnen, die teilweise russischen Akteuren zugerechnet werden. Ebenso wie gezielte Störungen von Navigationssystemen, etwa in der Ostsee oder im Flugverkehr. In den vergangenen Jahren verübten verschiedene Akteure auch Sabotageakte und Anschläge in mehreren europäischen Ländern. Etwa in Lettland, wo im Jahr 2024 ein Molotow-Cocktail in das Rigaer Okkupationsmuseum geworfen wurde. Das Museum erzählt die Geschichte der Besatzungen Lettlands durch die Sowjetunion und Deutschland.
Fall in Leipzig nicht der erste seiner Art
Auch Flughäfen waren schon mehrfach betroffen. Im Jahr 2024 wurden mehrere Pakete mit Spreng- und Brandsätzen in Deutschland, Polen und Großbritannien gefunden. Hinter diesen Angriffen sollen Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU stecken. In diesem Fall war der Flughafen Leipzig-Halle betroffen.
Dazu Morde mitten in Europa. Etwa der Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter in Großbritannien. Oder der sogenannte „Tiergartenmord“ in Berlin im August 2019, bei dem ein Agent des FSB den Exil-Georgier Zelimkhan Khangoshvili ermordete. Oder ein versuchtes Attentat auf den Chef des Drohnenherstellers Donaustahl, das Ermittlungsbehörden offenbar vereiteln konnten.
4. Cyberangriffe
Nicht zuletzt verüben russische Hacker seit Jahren Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur, politische Parteien, Wissenschaftler*innen, Zivilgesellschaft und andere Ziele. Damit verfolgen sie eine Reihe von Zielen, vom Ausspähen über die Störung von Abläufen oder Versorgungen bis hin zur möglichen Veröffentlichung privater oder geheimer Daten.
Russische Hacker sollen beispielsweise in den vergangenen Monaten zahlreiche Kameras gehackt haben, um Waffenlieferungen an die Ukraine nachzuvollziehen. Davon sollen auch private Kameras betroffen gewesen sein, zum Beispiel solche an Haustürklingeln.
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Ein weiterer Fall sind Phishing-Angriffe auf Signal, die in den vergangenen Monaten insbesondere auf Politiker*innen und Journalist*innen abzielten. Hierbei verschickten die Angreifer Nachrichten, in denen sie sich als Support-Team des Messengers ausgaben und darum baten, zum Schutz ihrer Konten ihr Passwort anzugeben. In zahlreichen Fällen waren sie erfolgreich und konnten unter anderem Zugriff auf die Messenger der Bundesministerinnen Karin Prien, Verena Hubertz und weiterer Politiker*innen erlangen.
Das ist Putins Werkzeugkasten, den er einsetzt um Länder in Europa und darüberhinaus zu destabilisieren. Aber auch, um die Unterstützung für die Ukraine zu unterwandern und zu testen, wie weit seine Provokationen gehen können.