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Triggerwarnung: Dieser Beitrag enthält sensible Themen, wie Vergewaltigung, Gewalt und Betäubung. 

Wer sich mit diesen Fällen auseinander setzt, den packt das blanke Entsetzen. Gerade finden in Deutschland zwei Strafprozesse gegen mutmaßliche Mehrfachvergewaltiger statt:

103 Fälle

Ein in Hannover angeklagter 39-jähriger Mann soll seine Partnerin in 103 Fällen betäubt, vergewaltigt und die jeweilige Tat gefilmt und fotografiert haben. Die Aufnahmen soll er in einschlägigen Chatgruppen geteilt und auf Porno-Portalen hochgeladen haben. Um dies alles straflos und lange Zeit unerkannt durchführen zu können, soll er der Frau Ketamin und Zolpidem verabreicht haben. Das Gericht brauchte fast eine Stunde, um die Anklageschrift zu verlesen. Die Details sind verstörend und offenbaren einen tief sitzenden Frauenhass.

Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen. Der Polizei gegenüber hatte er angegeben, er und seine Partnerin hätten einen Fetisch. Alles sei einvernehmlich passiert. Die Geschädigte weist dies entschieden zurück. 

Der Fall zieht weitere Kreise

Der Prozess zieht noch weitere Kreise: Derzeit wird in 78 weiteren Fällen in mehreren europäischen Staaten ermittelt, gegen Kontaktpersonen des Angeklagten. Fast 100 weitere Geschädigte soll es geben, die noch identifiziert werden müssen. Die Ermittlungen dauern an.

Vor dem Berliner Landgericht wird ein ähnlicher Fall verhandelt: Insgesamt sollen 14 Frauen derselben Tatweise zum Opfer gefallen sein

Diese Fälle massiver sexueller Gewalt machen sprachlos. Doch wo bleiben die lauten Proteste auf deutschen Straßen? Wo die wütenden Briefe an das Bundesjustizministerium? Wo bleibt unsere kollektive Wut – wo doch die Taten dem inzwischen sehr bekannten Fall von Gisèle Pelicot in kaum einer Weise nachstehen?

Empören wir uns nur dann, wenn die Namen der Opfer (medial) bekannt sind? Oder nur, wenn die Täter keine Deutsche sind und die Taten im Ausland stattfinden? Wiegen wir uns dann in der Gewissheit, so etwas geschehe in Deutschland nicht – in den Wohnungen und Hotels unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Die Täter könnten sogar Menschen (Männer!) sein, die wir kennen.

Recherche deckt internationalen Ring auf

Die Ermittlungen wurden durch eine Investigativrecherche der Redaktion von „STRG_F“ angestoßen: Das Team deckte Dutzende Chatgruppen auf, in denen sich User gegenseitig zu sexueller Gewalt animieren. Das Rechercheteam liest verdeckt mit einem Undercover-Profil mit – mitten in einem internationalen Vergewaltiger-Ring. Einer der Chats hat mehr als 70.000 Mitglieder, darunter auch Deutsche.

In diesen Chatgruppen dreht sich alles um nicht-einvernehmlichen Sex und dessen Darstellung. Die Nutzer*innen teilen, kommentieren und verbreiten Bildmaterial, das von heimlich gefilmten Nacktaufnahmen von Frauen bis hin zu dokumentierten Betäubungs-Vergewaltigungen reicht. Hunderte mutmaßliche Täter stacheln sich förmlich gegenseitig an, solche Taten zu planen und durchzuführen – und die „Ergebnisse“ in Form von Fotos oder Videos mit dem Chat zu teilen. Manche Konversationen passieren in Echtzeit, während der Straftaten, wie ein Livestream. 

Man teilt Tipps, welche Betäubungsmittel am besten geeignet sind, um die Opfer möglichst schnell, unbemerkt und effektiv bewusstlos zu machen: Vornehmlich die eigene Partnerin oder weibliche Familienmitglieder. In den Chats werden auch gleich entsprechende Chemikalien online zum Kauf angeboten – getarnt als harmlose Beauty-Produkte. Bei einer Hausdurchsuchung würde ein solches Fläschchen nur eingeweihten Ermittler*innen auffallen.

Als Beweis dafür, dass die Frauen tatsächlich bewusstlos sind und kein Einverständnis zum Sex gegeben wurde, fordern viele Nutzer den sogenannten „Eye Check“: Der Filmende hebt dabei das Augenlid seines Opfers, um die starre Pupille freizulegen. Manche Nutzer fantasieren darüber, wie es wäre, ihre ahnungslosen Opfer anderen Männern zuzuführen. 

Parallelen zum Fall Pelicot

Dies alles erinnert stark an den Fall der Französin Gisèle Pelicot. Ihr Ehemann Dominique Pelicot und Dutzende Männer vergewaltigten die heute 71-Jährige mehr als neun Jahre lang unter Medikamenteneinfluss. Der Täter hatte seine Frau über eine französische Webseite angeboten.

Journalist*innen beobachten für gewöhnlich nur und greifen nicht in ein Geschehen ein. Das ist journalistischer Standard. Das STRG_F_Team entschied sich jedoch, Strafermittlungsbehörden in Deutschland und den USA einzuschalten. Die Reporter*innen waren sich sicher, dass sie zu Zeug*innen von Vergewaltigungen wurden.

Warum wir jetzt handeln müssen

Dem Recherche-Team und den Ermittler*innen, die weiter nach Tätern (und Opfern/ Zeuginnen) fahnden, können wir gar nicht genug danken! Diese Taten müssen lückenlos aufgeklärt werden!

Und die Öffentlichkeit muss viel mehr Anteil an den Gerichtsverfahren nehmen. Nicht aus Sensationslust, sondern weil wir uns bewusst machen müssen, welche neuen perfiden Formen der Frauenhass im 21. Jahrhundert annimmt. Solche sexuelle Gewalt wirkt sich ein Leben lang auf die Opfer aus. Für manche endet sie sogar tödlich.  

Die Scham muss endlich die Seite wechseln! Und wir brauchen schärfere Gesetze: Aktuell ist der Besitz von Vergewaltigungsvideos in Deutschland nicht strafbar. Auch die Plattform-Betreiber müssen viel stärker in die Pflicht genommen werden, damit ihre Dienste nicht für kriminelle Machenschaften genutzt werden.

Es reicht. Und zwar schon längst.


Einführung von „Nur Ja heißt Ja“: Auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, fordern mehr als 225.000 Menschen von der Bundesregierung die Einführung des „Nur Ja heißt Ja“-Prinzips! Jede sexuelle Handlung, die ohne Einwilligung geschieht, muss als sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung eingestuft werden. Schließe Dich jetzt an.

Unterzeichne für „Nur Ja heißt Ja“

Autor*innen

Düzen Tekkal ist Autorin, Journalistin, Filmemacherin und Menschenrechtsaktivistin. Gemeinsam mit ihren Schwestern gründete sie die Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help e.V., die sich mit Projekten und Advocacy insbesondere für Mädchen und Frauen im Irak, Iran, in Syrien und in Deutschland engagiert. Mit der Bildungsbewegung GermanDream setzt sie sich zudem für Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie ein wertebasiertes Deutschland ein und engagiert sich gegen Extremismus und Menschenfeindlichkeit. Für ihr langjähriges Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Alle Beiträge

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